All Diese Gewalt - Welt in Klammern

All Diese Gewalt- Welt in Klammern

Staatsakt / Caroline / Universal
VÖ: 23.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Deine blauen Augen

Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Siehe Artwork der neuen All-Diese-Gewalt-Platte "Welt in Klammern". In Wirklichkeit ist es aber nicht der bübische Hans, der sich da auf Wanderschaft begibt. Es ist Max. Max Rieger, der Schlaks von Die Nerven. Stock und Hut stehen dem Stuttgarter ebenso gut und die strahlenden blauen Augen im Aquarell lassen die Tiefen erahnen, in welche Rieger sich solo regelmäßig begibt. Bereit 2014 begeisterte das musikalische Multitalent unter dem genannten Pseudonym mit "Kein Punkt wird mehr fixiert". Der Nachfolger präsentiert seine Soundkulisse noch verdichteter. Eines aber bleibt aktuell: Gar wohlgemut ist hier gar keiner.

"Welt in Klammern" ist ein dreiviertelstündiges Klagelied. Obwohl das so auch nicht stimmt. Rieger berichtet durchaus auch von positiven Erlebnissen. Die nimmt er aber genauso unirritiert zur Kenntnis wie die schlechten Nachrichten. In den Nullerjahren, als Marcus Wiebusch quasi in jedem zweiten Kettcar-Song das Stichwort "befindlichkeitsfixiert" einstreute, wäre Musik der Marke All Diese Gewalt wohl kaum über ein Spartendasein hinausgekommen. Ob das ihr nunmehr gelingt, bleibt weiterhin fraglich, aber was beispielsweise The xx mit ihrem dunklem Dreampop angebahnt haben, das greift der Schwabe hier bereitwillig auf, verzerrt es nach eigener Fasson und setzt Rock-Anleihen genauso gekonnt ein wie das allgemeine Drone-Machschema. "Wie es geht" heißt der Opener, der vor allem die Überforderung gegenüber der Befindlichkeitsfrage artikuliert. Der Ausreißer vom Covermotiv verdinglicht sich hier in einem plötzlich einsetzenden Breakbeat mit gewaltiger Gitarren-Linie. Gefühllos, monoton, zerstörerisch und dann doch wieder melodiös, eingängig, aber dennoch wirr – wie Oasis auf Acid.

Feines Flirren, dumpfes Dröhnen. Rückkopplung, laut und leise, leise und laut. Zufälle mag Rieger gar nicht und so sitzt jedes Geräusch an seinem Platz. Da ist der düstere Gesang am Anfang von "Jeder Traum eine Falle", der dann einem Pianothema unterliegt. Ein Xylophon klingelt, Cut, Drums – da ist schon die halbe Spielzeit des Fünfminüters gelaufen. "Ich höre lieber weg", erklärt Rieger. Sich gar nicht erst verführen lassen, lautet die Devise. Gar nicht so einfach bei einem solch schwelgerischen Track. Das instrumentale Zwischenstück "(Ohne Titel)" leitet wild über den Spannungsbogen: von der absoluten Stille wieder zu derselben. Dazwischen: Piano, Querflöte, Grillenzirpen, Synthies bei der Hetzjagd, Schläge auf morsches Holz, eine gezupfte Gitarre, die das Ganze ausleitet. Auf 80er-Referenzen setzt "Kuppel", das einen stark verlangsamten Rhythmus heranzieht, um die synthetische Trompete nach vorn zu schicken. Gefährlich wird es in "Stimmen", das ohne ebensolche auskommt und stattdessen umgeben von Industrial-Drums stürmisch durch den Windkanal braust. Jazzig beginnt "Morgen alles neu", lässt sich dann aber wieder ins Drückend-Atmosphärische fallen. In "Geister" stammelt eine gepitchte Stimme spukige Verse, während die Musik sich ziemlich zurückhält.

Was "Welt in Klammern" im Gegensatz zu "Kein Punkt wird mehr fixiert" fehlt, ist der Nachdruck, was verhindert, dass dieses Album einmal richtig freidreht. Stattdessen lebt es von und mit der Lethargie des Sängers, der keinerlei Anstalten macht, auch nur einmal die Contenance zu verlieren. Cold as ice wie die Augen des Bübchens auf dem Artwork. So ist "Welt in Klammern" allein durch seine Unaufgeregtheit renitent, lässt den Hörer nicht in Frieden und zieht ihn dabei mit einer unheimlichen Selbstverständlichkeit in seinen Bann.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Wie es geht
  • Jeder Traum eine Falle
  • (Ohne Titel)

Tracklist

  1. Wie es geht
  2. Maria in Blau
  3. Jeder Traum eine Falle
  4. Laut denken
  5. (Ohne Titel)
  6. Kuppel
  7. Stimmen
  8. Klang
  9. Alles neu
  10. Geister

Gesamtspielzeit: 43:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

N. Senada

Postings: 25

Registriert seit 15.12.2019

2020-02-19 02:49:43 Uhr
Unter dem Namen "BEBEN" hat Herr Rieger übrigens mal eine sehr atmosphärische, wenig beachtete EP gedroppt, die stilistisch All diese Gewalt ähnelt:

https://open.spotify.com/album/1Vjeqj4zF4VNm4FPuJW9V2

Zu faul zum einloggen

Postings: 75

Registriert seit 13.07.2017

2020-02-13 01:18:31 Uhr
Also Post-Punk-Einflüsse hat das Album schon.

Ich mag das Album, die ganz große Lobhudelei wie von einigen hier, kann ich aber nicht mitgehen.

Wer auf die träumerische-Nachtalbum-Atmosphäre wie aus einem Guss steht, dem könnte auch die Froth Platte aus dem letzten Jahr gefallen, wenn auch teils gitarrenlastiger/shoegaziger. Aber Songs wie u.a. Xvanos oder Department Head könnten auch auf ein ADG-Album passen.
https://www.plattentests.de/rezi.php?show=16123

Klaus

Postings: 999

Registriert seit 22.08.2019

2020-02-13 00:33:54 Uhr
Nachdem das jetzt so oft genannt wurde werd ich auch mal ein Ohr riskieren. Hatte hier irgendwie was aus der Deutschpunk/Noise/Postpunk etc. Ecke erwartet. Scheint nicht so.

Mr Oh so

Postings: 1264

Registriert seit 13.06.2013

2020-02-08 02:03:41 Uhr
Oh ja. Und tatsächlich eine wunderbare Nachtplatte.

Pascal

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 551

Registriert seit 13.02.2013

2020-02-04 09:51:35 Uhr
Ich finds super, wie alle 3 Monate jemand das Album entdeckt :) Freut mich!
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