Radar Eyes - Radiant remains

Radar Eyes- Radiant remains

Under Road
VÖ: 02.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Staub, so glänzend

Ach, Retro. Du schwülstig scharfes Schwert. Schneidest leichtbeklingt durch Herz und Haut. In manch wonnevoll nostalgischer Stunde. Und bleibst doch: eine sämig in sich selbst zerfließende Peinlichkeit. Auf Dauer kaum vermittelbar. 2005 verschrieb sich eine ganze Armada ungestümer Bands einem Sound, dessen große Zeit 25 Jahre zurücklag: Post Punk. Total geil war das. Und total zu viel des Guten. Dieserart durch den Hypewolf gedreht war keine 18 Monate später schon wieder Schluss mit "Unknown pleasures" revisited. Zehn Jahre später nun ist die Zeit wieder reif. Für Retro. Sagt zumindest das Label von Radar Eyes. Und vielleicht auch die Band selbst. Zugegeben, schön wär's ja. Wird aber nix.

Denn die Chicagoer liefern mit "Radiant remains" ein Werk ab, das im Gegensatz zu den Retro-Meisterwerken von Interpol, Maximo Park und Co einfach nur Asbach klingt. Wie just aufm Dachboden entdeckt. Vergilbt und staubig das Plattencover. Also sanft darüber gepustet, sorgsam den Schwarzling herausgezogen, aufgelegt. Und dann: Aufgehorcht. Richtig, die mathematisch anmutende Stechschrittstrenge ihrer Retrovorgänger bekommen Radar Eyes zu keinem Zeitpunkt hin. Auch die unterkühlt stoische Stimmlage eines Paul Banks oder der dunkel sonoren Redereigen eines Paul Smith lässt sich nicht finden. Räudig und DIY-mäßig produziert ist "Radiant remains". Da hilft kein Putzen, da hilft kein Pusten. Überall rauscht und zerrt es.

Und Sänger Anthony Cozzi? Dem bricht dauernd quietschend die Stimme weg. Erbärmlich ist das. Als hätte da eine Band kein Geld für eine saubere Produktion gehabt und sei völlig abgefucked und fertig mit den Nerven ins Studio gegangen. Undeutlich verschwommene, sanft angepoppte Fuzz-Melodien à la The Cure oder The Icicle Works geben sich die Klinke in die Hand, erweisen sich jedoch für eine Nachahmung als zu widerborstig. "A daughter's hymn", der offen beworbene Oberknaller der Platte, wird in der Tat getragen von einer dschungelhaften Stephen Morris-Gedächtnistrommel. Um dann in einen selten, vielleicht sogar nie derart vernommenen Mann-Frau-Paargesang abzudriften und damit auch alle Erinnerung an Joy Division abzutöten. Stattdessen mutiert die Nummer zu einem alles Licht verschluckenden Ungetüm von Desperaten-Duett, wie Nick Cave und Siouxsie es uns bis heute schuldig geblieben sind. Knüppelvoll bis unters Dach ist das Album der Chicagoer mit derlei rauen, wütenden, zugleich betörend verwirrenden Songs.

Staub, so funkelnd. Staub, so glänzend. "Radiant remains" ist kein Retro-Album. Auch wenn der zum Scheitern verurteilte Versuch der PR-Abteilung, es als solches zu verkaufen, nachvollziehbar ist. "Radiant remains" ist originärer Post Punk. Ein verschütteter Genreklassiker, Jahrgang 2016. Geboren zu verrecken. In Kellern zu verschimmeln, auf Speichern zu vergammeln. Wieder und wieder totgesagt zu werden.

(David Wonschewski)

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Highlights

  • Community
  • A daughter's hymn

Tracklist

  1. Dreaming of giants
  2. Community
  3. Between two worlds
  4. Desert shore
  5. Hungry ghost
  6. A daughter's hymn
  7. Midnight drive
  8. Calling Cassandra
  9. Fall into place
  10. Positive feedback

Gesamtspielzeit: 35:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Notfalletagenmarshall
2016-09-15 22:25:33 Uhr
Mir gefällts.

Armin

Postings: 10396

Registriert seit 08.01.2012

2016-09-07 21:21:13 Uhr
Frisch rezensiert.

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