Moose Blood - Blush

Moose Blood- Blush

Hopeless / Soulfood
VÖ: 12.08.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mit Schub aus der Lade

Es genügt jährlich der Blick in das Kuhkaff Wacken, um festzustellen, dass Metal alles andere als tot ist. Und um die Neunziger-Melodypunk-Zugpferde um NOFX, Bad Religion und Co. auch im Jahr 2016 regelmäßig zu feiern, lohnt eine Fahrt übers flache Land nach Belgien zum "Groezrock", oder – wer es lieber sommerlich mag – nach Slowenien zum "Punk Rock Holiday"-Festival. Vermeintlich altbackene Genres trommeln ihre Anhängerschaft Jahr für Jahr zu riesigen Parties zusammen, seien sie noch so oft totgesagt. Und Emo? Die Alternative-Spielart mit den drei Buchstaben wurde mit am meisten belächelt, die Schublade von der Musikpresse spätestens mit dem Abklingen der großen Nuller-Emocore-Welle um Thursday, Sparta oder Taking Back Sunday endgültig zugeklebt – mit Gaffa-Tape. Nicht zu unrecht, möchte man meinen, gab es doch in den letzten Jahren kaum noch etwas Substanzielles in diesem Bereich.

Die Betonung jedoch liegt auf kaum. Denn es tut sich etwas in der versiegelten Schachtel, auf vielen artverwandten Ebenen. Die alten Hünen von Braid etwa lieferten schon mit "No coast" eine ziemliche Bombe ab, auch Into It.Over It. und The Hotelier ließen jüngst mit feinen Platten aufhorchen, und aufstrebende Bands wie Sorority Noise oder Car Seat Headrest bedienen sich mitunter der Elemente des verschrobenen 90s-Emorocks. Und dann gibt es da diese junge Band namens Moose Blood aus dem britischen Canterbury, die sich anschickt, Emopunk mit gehörigem Pop-Einschlag aus dem Grab neben den "American pie"-Filmen zu zerren und damit über dem großen Teich, im Mutterland des Collegerock, auch noch recht erfolgreich ist. Nicht verwunderlich, wären doch ihre catchy Vorab-Hitsingle "Honey" und der ebenfalls ausgekoppelte Ohrwurm "Knuckles" zwischen The All-American Rejects und Yellowcard auf einem College-Movie-Soundtrack sicher nicht negativ aufgefallen.

Schon mit dem Opener "Pastel" nimmt der Zweitling "Blush" nach dem sehr anständigen Debüt "I'll keep you in mind, from time to time" von 2014 Fahrt auf: Kraftvolle Powerchords, pointierte Gniedelgitarre in den Strophen, mehrstimmiger Gesang und druckvolles Schlagzeug, bis das Stück gegen Ende hin langsam implodiert. "Sulk" wälzt sich zwar sehr in der klischeegetünchten Emo-Pfütze, punktet aber mit feinen Harmonien. Zählt sich der Hörer dieses Albums zur unbeliebten, aber irgendwann unvermeidlichen Gilde der Ü30, gibt's vermutlich dicke Abzüge wegen der textlichen Komponente: Als sei die Welt Ende der Neunziger stehengeblieben, als gäbe es in der heutigen Welt keine anderen Probleme als die mit dem Po wackelnde Angebetete aus der Nachbarklasse, nölt Sänger Eddy Brewerton meistens Geschichten rund um schöne Mädchen, komplizierte Verbandelungen oder Herz-Schmerz-Tralala ins Mikro. Musikalisch aber hat "Blush" eben auch Stärken, die darüber in vielen Momenten hinweghören lassen.

Das Rezept dazu ist ebenfalls simpel, aber effektiv. Denn viel mehr als einen Song wie "Glow" muss dieses Genre gar nicht hervorbringen: Fein justiertes Gitarrenriffing, Midtempo-Beat und eine Melodie, für die sich Jimmy Eat World auf ihren letzten Platten gerne krumm gemacht hätten. Überhaupt sticht die Produktion positiv heraus: Wo es poppt, bahnen die Regler die Schallwellen in Richtung Radio, ohne die Gitarren zu sehr zurückzuhalten. Und wo es lärmt, darf es auch mal lauter und nachhaltiger sein. Klar, bei einem derart eingängigen Werk muss sich die Plattennadel schon anstrengen, etwas Kratzendes aus den Lautsprechern zu bringen. Abwechslung gelingt Moose Blood hier immerhin mit dem düsteren "Shimmer", das sich wohlwollend im Post-Punk suhlt, und auch der Punkrocker "Freckle" inklusive sphärischem Finale haut zum Schluss noch mal einen raus. Wie substanziell "Blush" letztendlich sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Erfreuen kann man sich aber auch am Moment – und an dem, was man beim Blick in verstaubte Schubladen manchmal so alles findet.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Glow
  • Shimmer
  • Freckle

Tracklist

  1. Pastel
  2. Honey
  3. Knuckles
  4. Sulk
  5. Glow
  6. Cheek
  7. Sway
  8. Shimmer
  9. Spring
  10. Freckle

Gesamtspielzeit: 35:29 min.

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MartinS

Postings: 496

Registriert seit 31.10.2013

2016-09-13 17:00:19 Uhr
Der Vorgänger war stellenweise ganz grandios, das hier ist zwar ganz nett anzuhören, aber auf Dauer wohl doch wenig erinnernswert. Schade drum.
Kelly Kapowski
2016-09-12 14:51:26 Uhr
Hat die Emo-Ästhetik des Vorgängers ziemlich zurückgeschraubt und gegen extraeingängige Pop-Punk-Angst eingetauscht. Ist trotzdem irgednwie ganz annehmbar.

Armin

Postings: 13407

Registriert seit 08.01.2012

2016-09-07 21:20:06 Uhr
Frisch rezensiert.

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