Against Me! - Shape shift with me

Against Me!- Shape shift with me

Xtra Mile / Indigo
VÖ: 16.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es ist, was es ist

Es ist politisches Säbelrasseln, geprägt von Doppelmoral: Im Jahr 2015 brach die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe durch den Supreme Court wie ein plötzliches, heftiges Gewitter über die zahlreichen erzkonservativen Landstriche in den USA. Vielerorts kam Panik auf, zahlreiche Nationalstaaten unkten vom Beginn einer grassierenden Über-Liberalisierung. Was also kann man tun, um traditionelle, als moralisch "gesund" erachtete Grundsätze zu stärken und das wenig liberale Wahlvolk im angeblichen "Land of the free" zu beruhigen? Einige Gouverneure zeigten sich, oh Wunder, von Aktionismus befallen und begannen umgehend, gezielte Gegenmaßnahmen ins Leben zu rufen, die Schwulen, Lesben und Transsexuellen das Leben schwerer machen sollen: Alleine bis Ende Juni 2016 brachten diverse Nationalstaaten insgesamt 87 neue Gesetzesvorschläge auf den Weg, die die Menschenrechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einschränken, sofern sie verabschiedet werden.

Es ist eine mehr als zähe Auseinandersetzung, geprägt von starker, unverwüstlicher Haltung: Seit vielen Jahren kämpft Aganist-Me!-Frontröhre Laura Jane Grace gegen oben beschriebenen Gender-Rassismus in Politik und Gesellschaft, gegen Diskriminierung, für körperliche Selbstbestimmung. 2012 wurde ihr Transgender-Outing in einer bemerkenswerten Kampagne publik. Grace legte ihre emotionalen Narben, im falschen Körper gelebt zu haben, weil die Gesellschaft das Aderssein nicht ertragen will, auch mit dem großartigen "Transgender dysphoria blues" schonungslos offen. Ein musikalisches wie aussagekräftiges Manifest, eine der besten Punkrock-Platten der letzten Jahre. Der entsprechende Donnerhall schallte durch die Medienwelt – weit über die musikalische Landschaft hinaus.

Es ist und bleibt ihr künstlerisches Ventil, geprägt von Grace' eigener Vergangenheit und ihrer Vision von einer sexuell selbstbestimmten Zukunft für alle: Against Me! sind anno 2016 die mit wichtigste Konstante unter den amerikanischen Rockbands, die sich nicht mit den sozialen Gegebenheiten abfinden. Der Vierer aus Gainesville, Florida, in derselben Besetzung wie zuletzt, scheint nach der großen Welt-Tournee und dem Hype rund um das Outing ihrer Sängerin noch mehr Selbstvertrauen getankt zu haben, wie die neue Platte "Shape shift with me" beweist. Denn keineswegs wird die breite Aufmerksamkeit hier mit versöhnlichen Gesten, Stadion-Vibes oder schmierigen Halbballaden eingefangen. Schonungslos offen kreisen Songs wie das wuchtige "Delicate, petite & other things I'll never be" um Liebe, Sex, Lügen, Seelenweh und vorgetäuschte Aufrichtigkeit aus der Transgender-Perspektive. In dieser Vehemenz für das Genre sicher überraschend, jedoch nicht für Laura Jane Grace. Und musikalisch?

Es ist eben eine ihrer Paradedisziplinen: Mit dem fluffig polternden "12:03", der catchy Single "Crash" oder der großartigen, ebenfalls vorab von der Leine gelassenen Hymne "333" schüttelt die Truppe mit Leichtigkeit neue Hits aus dem Ärmel, die der Anhängerschaft ähnlich munden werden wie die Highspeed-Pop-Punk-Ode an eine gewisse "Rebecca". Doch das ist nur eine Facette dieser überraschenden Platte. Against Me! schreiten in einem wenig Experiment-affinen Genre mit deutlich mehr Freude am Wagnis zu Werke, als man aufgrund des Materials auf "Transgender dysphoria blues" hätte erwarten können. Das famose "Haunting, haunted, haunts" etwa wagt mit folkigem Streetpunk bewusst einen Schritt zurück in die alten Against-Me!-Tage, und auch "Dead rats" schraubt seine lauten Eckzähne pointiert, aber nachhaltig in die Bordsteinkante.

Es ist dabei auch festzustellen: Bestach der Vorgänger mit lyrischer Wut und musikalischer Eingängigkeit, manifestiert sich die Agitation auf "Shape shift with me" wieder direkt in der Instrumentierung. Das giftige "Boyfriend" wagt sich mit dunkler Schminke auf die Straße und bricht auf zu einem Ausflug in Slacker-Punk-Gefilde. Songs wie die ruppige Abrechnung "Norse truth" oder der krawallige Opener "Pro vision L3" dagegen schleifen die Punker-Kutte einmal quer entlang der versifften Straßenrinne zu einem gepflegten Hinterhof-Pogo, bei dem ausschließlich 80s-Hardcore läuft. Und ja, hin und wieder dürfen auch Papa Blues und Onkel Country ihre Kleckse an die Wände schmieren, das ließen Against Me! schon in früheren Tagen zu. "Shape shift with me" kratzt, beißt, faucht – und ist dabei einfach, was es ist: anders als erwartet, aber richtig gut.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • 12:03
  • Delicate, petite & other things I'll never be
  • 333
  • Haunting, haunted, haunts

Tracklist

  1. Pro vision L3
  2. 12:03
  3. Boyfriend
  4. Crash
  5. Delicate, petite & other things I'll never be
  6. 333
  7. Haunting, haunted, haunts
  8. Dead rats
  9. Rebecca
  10. Norse truth
  11. Suicide bomber
  12. All this (and more)

Gesamtspielzeit: 38:26 min.

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User Beitrag

MartinS

Postings: 457

Registriert seit 31.10.2013

2016-09-17 18:18:02 Uhr
Hihi.
Und gleichzeitig spricht man bei der Visions von der Rückkehr zu "White Crosses"-Zeiten

eric

Postings: 1881

Registriert seit 14.06.2013

2016-09-13 17:49:22 Uhr
Und Armin sollte dem Ganzen doch bitte noch eine Chance geben :D

"Zu viel Geschrei und Hardcore."

MartinS

Postings: 457

Registriert seit 31.10.2013

2016-09-13 17:30:33 Uhr
Tatsächlich können die letzten Stücke nicht ganz mithalten. Wobei "Norse truth" schon wieder ganz cool ist.
Der Vorgänger war mir bisweilen musikalisch etwas zu schnell auserzählt, da sind Songs wie "Unconditional Love" oder "Dead friend" doch arg simpel gestrickt.

Und Armin sollte dem Ganzen doch bitte noch eine Chance geben :D

eric

Postings: 1881

Registriert seit 14.06.2013

2016-09-13 17:22:30 Uhr
Ja, großartig! Gegen Ende hin wird's etwas schwächer, finde ich. Daher 7/10. Den Vorgänger sehe ich mittlerweile bei knappen 8/10.

*flüstern/on
Armin ist enttäuscht von der Platte.
*flüstern/off

MartinS

Postings: 457

Registriert seit 31.10.2013

2016-09-13 17:18:30 Uhr
Nach den Eindrücken aus dem Stream zu Urteilen klang die Band nie besser. Gerade was von "12:03" bis "Haunting, haunted, haunts" spottet jeder Beschreibung, da geben sich die Highlights ja nur so die Klinke in die Hand.
Könnte tatsächlich ne 8 sein, aber letztendlich ist die Zahl ja ohnehin nicht wichtig.
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