Okkervil River - Away

Okkervil River- Away

ATO / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 09.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aufstehn, losfahrn

Eines vorweg: Das achte Album von Okkervil River sollte mit einer Warnung versehen werden. Menschen, die zu Übersensibiliät neigen oder gar mit einem schwachen Gemüt zu kämpfen haben, sollten das neue Werk von Will Sheff und seinen Kollegen nur mit Bedacht anhören. Oder womöglich unter Aufsicht. Klar, Okkervil River waren nie wirklich eine Spaß-Kapelle. Aber war Sheff 2011 nur "very far", ist er wenige Jahre später gleich ganz "Away".

Die Aufnahmen zum neuen Album seien unter merkwürdigen Umständen entstanden, sagte er in der Pressemitteilung. Er sei sich nicht mal ganz sicher gewesen, ob die Stücke jemals das Licht der Welt erblicken sollten. In Anbetracht der starken Wirkung, die die Songs in vielerlei emotionaler Hinsicht haben, ist man dann allerdings doch ganz froh darüber. Obgleich "Away" in der Tat keine leichte Kost ist: Im zurückhaltenden Opener "Okkervil River R.I.P." singt Sheff glatt den bittersüßen, tief berührenden Nachruf auf sein eigenes Schaffen. Wie gut, dass er sich nicht wirklich hinlegt, sondern alsbald wieder aufsteht und weitermacht. Vorwärts. Immer vorwärts.

"Away" sei auch kein richtiges Okkervil-River-Album, so heißt es außerdem in der Ankündigung, und dennoch sein liebstes Okkervil-River-Album. Klingt verwirrend? Ist es. Wie auch die Phase, in der es entstanden ist. Nach dem Tod seines Großvaters und dem Weggang mehrerer Bandmitglieder, die sich um die Familienplanung kümmern wollten, während Sheff alleine zurückblieb, scheint es ohnehin ziemlich auf und ab mit ihm gegangen zu sein. Das hauchzart arrangierte "Call yourself Renee" mit einem gut eineinhalbminütigen und wirklich beeindruckend schönen Streicher-Intro sei sogar unter dem Einfluss halluzinogener Pilze entstanden.

Und man merkt durchaus an der einen oder anderen Stelle, dass Sheff beim Produktionsprozess nicht immer ganz bei der Sache war. Schlecht ist das nicht, im Gegenteil: "Away" durchzieht eine seltsame Form von Freiheit – als habe der eigene Abgesang für frischen Antrieb gesorgt. So dramatisch der Titel von "Frontman in Heaven" auch klingen mag, ist es vor allem die euphorische Auferstehung, die der Song zelebriert, die für Wohlbefinden sorgt. Und so melancholisch-verträumt "She would look for me" auch daherkommt, desto weniger kann es die Tatsache abschütteln, dass es ein ganz einfaches, völlig vollkommenes und von Grund auf ehrliches Liebeslied ist.

Auch "Comes Indiana through the smoke" ist ein solches, allerdings ein untypisches: Die Hommage an Sheffs geliebten Großvater, der im zweiten Weltkrieg als Marinesoldat für sein Land kämpfte und dessen Leben schließlich viele Jahrzehnte später in einem Hospiz endete, ist gleichermaßen tragisch wie tröstend. Dennoch kommt das direkt darauffolgende "Judey on a street" gerade recht, um als Midtempo-Folknummer für ein Lächeln auf den Lippen zu sorgen. Auch wenn Sheff das eigene Lachen sicher ein ums andere Mal schwerfiel: Selten hat ein Album von Okkervil River glücklicher gemacht – weil es den Blick ohne Ablenkung auf das richtet, worauf es ankommt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Call yourself Renee
  • Comes Indiana through the smoke
  • She would look for me
  • Frontman in Heaven

Tracklist

  1. Okkervil River R.I.P.
  2. Call yourself Renee
  3. The industry
  4. Comes Indiana through the smoke
  5. Judey on a street
  6. She would look for me
  7. Mary on a wave
  8. Frontman in Heaven
  9. Days spent floating (in the halfbetween)

Gesamtspielzeit: 57:29 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
LLG
2017-02-08 13:08:02 Uhr
Sehr gutes, aber vielleicht auch etwas zu unaufgeregtes Album.

Gomes21

Postings: 1007

Registriert seit 20.06.2013

2017-02-07 20:57:37 Uhr
Also ich finde es sicher ne gute Ecke besser als den Vorgänger. Der hatte mich anfangs, hat sich aber auch sehr schnell wieder verloren.

MopedTobias

Postings: 7730

Registriert seit 10.09.2013

2017-02-07 20:42:48 Uhr
Wobei man dem Album jetzt auch nicht komplett die Energie absprechen kann, wenn man sich mal The Industry oder Judey on a Street anhört, gehen halt nur etwas subtiler nach vorne als manch anderer OR-Song. Zusammen mit den kreativen Arrangements ist das aber schon Abwechslung genug.

mispel

Postings: 1787

Registriert seit 15.05.2013

2017-02-07 20:08:48 Uhr
Also ich finde auch, dass es bei Okkervil River der Mix macht. Das Album ist zwar nicht schlecht, aber zu eintönig. Da lobe ich mir so Kontraste wie "Unless It's Kicks"-"A Girl in Port" oder "Lost Coastlines"-"On Tour With Zykos".

Gomes21

Postings: 1007

Registriert seit 20.06.2013

2017-02-07 19:41:22 Uhr
Also, dass hier die "schmissigen" Songs fehlen sehe ich eher als eine Qualität des Albums.
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