Scott Walker - The childhood of a leader

Scott Walker- The childhood of a leader

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 19.08.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Das Panik-Orchester

"Wann hat der Knabe eigentlich den Verstand verloren?", fragte damals ein gewisser Stammuser im Plattentests-Forum anlässlich des 2012 erschienenen Scott-Walker-Albums "Bish Bosch". Man konnte es ihm kaum verdenken – leicht hat es der vom Posterboy zum Avantgarde-Künstler gereifte und zur britischen Staatsbürgerschaft konvertierte US-Amerikaner dem Publikum wahrlich nicht gemacht. Waren 1995 auf "Tilt" noch wunderbare Melodien hinter den atmosphärischen Texturen, kam erwähntes "Bish Bosch" mit Pupsern und Deine-Mutter-Witzen gefährlich nahe an die Grenze zur Selbstparodie. Nicht die schlechteste Idee ist es daher, dass Walker seine Gabe für Abseitigkeit und Erzeugung von Klaustrophobie 17 Jahre nach seiner Arbeit am Score zu "Pola X" nun für "The childhood of a leader" erneut in instrumentale Filmmusik einfließen lässt. Frischer Wind im Œuvre ist von Zeit zu Zeit eben durchaus nötig.

Jener Streifen stellt das Regiedebüt von Schauspieler Brady Corbet ("Funny games", "Melancholia") dar und basiert auf einer Kurzgeschichte von Jean-Paul Sartre. In episodenhaft angeordneten Szenen werden Schlüsselereignisse einer Kindheit um das Jahr 1919 herum gezeigt, welche schließlich in einem autoritär erzogenen Jungen die Grundlage für dessen späteren Werdegang als faschistischer Diktator legen sollen. "The childhood of a leader" ist kein Horrorfilm mit Schockeffekten, lebt aber von einer konstant unheilschwangeren Stimmung – kein Wunder, dass Walker für die musikalische Untermalung auserkoren wurde. Die auf diesem Album zusammengefassten Stücke wurden mit einem Budget, das nur knapp die Millionenhöhe verpasst, sowie mit Hilfe von 46 Streichern und 16 Blasinstrumenten eingespielt.

Man kennt Walker mittlerweile gut genug, um erwarten zu können, dass dies hier kein Spaziergang wird. Eine gute halbe Stunde quietschen die Geigen und brummeln die Bässe, so dass Panik und Paranoia von ganz allein aufkommen. "Scott Walker plays Psycho" könnte beschreiben, wie das klingt, läge das auf der Skala der Pleonasmen nicht verdächtig nahe bei "weißer Schimmel". Im Film sind Walkers musikgewordene Fieberträume auffällig laut in den Vordergrund der jeweiligen Szenen gestellt, gehen jedoch mit der visuellen Komponente zur Zerstreuung einher. Auf Platte kanalisiert sich dagegen die Aufmerksamkeit voll und ganz in diese psychotischen Klangskizzen hinein. Bereits das mit fünf Minuten Spielzeit längste Fragment "Opening" pendelt zwischen dunkel brodelndem Verfolgungswahn und greller Aggression hin und her und bildet damit die Blaupause, welcher im Normalfall der Rest der meist deutlich kürzeren Stücke folgt.

Viele Stellen sorgen für Aufhorchen. "Printing press" macht seinem Titel Ehre und verwendet Druckergeräusche als perkussives Element. Bei "The meeting" formiert sich die Armada der Streicher dann zu einem höllischen Bienenschwarm – was bei solch einem Treffen besprochen wird, möchte man lieber nicht wissen. Erst recht nicht, wenn das darauffolgende "Post meeting" mit einigen Schockschlägen Leichen zu produzieren scheint. Wenigstens das abschließende "New dawn" lässt diesen Score auf einer verhältnismäßig hellen Note enden – doch ironischerweise wurde dieses Stück im Film nicht verwendet, wie der Untertitel "Synth layout for cut scene" verrät. Walker legt auf "The childhood of a leader" erneut Nerven blank und nötigt mit der beklemmenden Stimmung einigen Respekt ab. Und nach der Sunn-O)))-Kollabo "Soused" auch ebenso eine Punktwertung für ein echtes Solowerk auf Plattentests.de. Herzlichen Glückwunsch! Möge er seinen Verstand nie wiederfinden.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Opening
  • Printing press
  • Post meeting
  • Finale

Tracklist

  1. Orchestral tuning up
  2. Opening
  3. Dream sequence
  4. Village walk
  5. RUN
  6. Down the stairs
  7. Up the stairs
  8. The letter
  9. Versailles
  10. Cutting flowers
  11. Boy, mirror, car arriving
  12. Third tantrum
  13. Printing press
  14. On the way to the meeting
  15. The meeting
  16. Post meeting
  17. Finale
  18. New dawn (Synth layout for cut scene)

Gesamtspielzeit: 30:23 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
lololol
2016-09-01 09:43:38 Uhr
captain kiddi kriegt einen shoutout 8)

Armin

Postings: 13630

Registriert seit 08.01.2012

2016-08-31 21:09:15 Uhr
Frisch rezensiert.

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