Jennifer Rostock - Genau in diesem Ton

Jennifer Rostock- Genau in diesem Ton

Four / Sony
VÖ: 09.09.2016

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Welt kann mich nicht mehr verstehen

Wer schweigt, gibt Recht. Eine fundierte Haltung zu den kleinen und großen Problemen auf der Welt ist daher an sich wünschenswert. Wenn einem allerdings die Ansichten aus kurzem Abstand mit dem Megaphon ins Gesicht gebrüllt werden, geht dem Adressaten wohlmöglich einiges der Botschaft verloren. Jennifer Weist hielt mit ihrer Meinung noch nie hinterm Berg. Immer wieder muss sie sich für Belanglosigkeiten rechtfertigen, die irgendwo zwischen Frisur, Kräuterschnaps und Liebesleben changieren. Das neue Album nach zweijähriger musikalischer Atempause kokettiert unter frischem Labelbanner mit wuchtigem Protestgehabe. Derart angestrengte Bemühungen, die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen, verlaufen jedoch allzu oft im Sande.

Bereits die Vorabveröffentlichung "Uns gehört die Nacht" feiert mit 30-Seconds-To-Mars-Chören und allerfeinster Tagebuchpoesie den Freigeist, der erst aufwacht, wenn sie schon schlafen gehen. Die biedere Upperclass bildet das Feindbild. Auch wenn die Band im Video zum erwähnten Song selbst für eine ironische Brechung sorgt, ist das nur ein zusätzlicher Beweis für die massiven Abnutzungserscheinungen solcher Live-fast-die-young-Parolen. Besungener Städtewandel ("Baukräne"), eine Hymne auf den Moment ("Wir waren hier"), ein Rundumschlag gegen die Musikindustrie samt Presselandschaft ("Neider machen Leute"): Diese Liste des Uninspirierten ließe sich ewig fortführen. Ach halt! Die Band führt sie fort. Als Gallionsfigur für die weibliche Selbstbestimmtheit gibt es schließlich den unautorisierten Auftrag, die Stärke des eigenen Geschlechts zu reformulieren. Auf einem Beat, der wie von der Resterampe der Orsons klingt, richtet sich die "Hengstin" morphologisch fatalerweise nach etwas per se Männlichem aus und wirft selbst mit faulen Eiern auf die vorgelebten Emanzipationsideale. Dabei sagt doch auch niemand "maskunin". Beim banalen Geplänkel von "Ebbe und Flut", das kunstvoll zum ausnahmsweise eher introvertierten "Deiche" überleiten soll, wäre gemäß des Titels sowie nach dem vorigen Ausflug in die Rap-Gefilde die Attitude eines Gzuz ein willkommener Bruch. Der Wunsch bleibt unerhört.

Ausgestattet mit dem Wortwitz einer Gruppe szenetauglicher Jung-Abiturienten, versucht sich die Protestführerin Gehör zu verschaffen. Die Erkenntnis, dass nicht alle Freunde, speziell die, die es bis ins Schlafzimmer geschafft haben, für immer schmerzfrei gesehen werden können, gießen Jennifer Rostock mittels "Jenga" in eine plumpe Spielemetapher mit Akustikgitarrenbegleitung. Schon Hape Kerkeling wusste: Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten. Zackige Sprachbilder aus der Rumpelkammer der Innovation zünden schließlich in jedem Jahrzehnt. Die Antwort auf die Schwierigkeiten der Flüchtlingssituation macht in ihrer Schlichtheit betroffen, wenn in "Wir sind alle nicht von hier" allen Ernstes "Wir teilen uns diese Erde / Komm wir teilen uns noch‘n Bier" propagiert wird. Mehrmals schlingern sich die bekannten Keytarklänge aus dem Debütsong "Kopf oder Zahl" durch die Platte, und teilweise funktioniert der Aufguss sogar. In seiner kurzen, prägnanten Rotzigkeit bleibt "Irgendwas ist immer" ein funkelndes Irrlicht entgegen all der bleiernen Plattitüden. Diese laut Albumtitel gewollte Tonalität zwischen Anschreien und Punchline führt zu der wiederholten Einsicht, dass Unterkomplexes leider weitestgehend für eine Meinung, aber kein Verständnis reicht. Wie das geschehen konnte, weiß nur die Band selbst.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Irgendwas ist immer

Tracklist

  1. Uns gehört die Nacht
  2. Irgendwas ist immer
  3. Baukräne
  4. Wir waren hier
  5. Neider machen Leute
  6. Hengstin
  7. Ebbe und Flut
  8. Deiche
  9. Silikon gegen Sexismus
  10. Leuchtturm
  11. Wir sind alle nicht von hier
  12. Jenga
  13. I love u but I ve chosen Dispo

Gesamtspielzeit: 42:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gladio

Postings: 74

Registriert seit 24.03.2016

2016-09-07 00:03:40 Uhr
Alles, was gegen die beschissene AfD und ihre intelligenzgeminderten Wähler geht, die leider auch dieses Forum zunehmend verpesten, ist grundsätzlich erstmal gut, das ist sowieso klar. Aber die Band Jennifer Rostock bleibt dennoch außerordentlich beschissen und die Tatsache, dass sie eine Meinung vertritt, die ohnehin jeder vertritt, der 2 mal 9 addieren kann, macht sie in keinster Weise weniger beschissen. Das ist weder mutig noch in irgendeiner Weise bemerkenswert, sondern einfach fadesverhersehbarte Anbiederung an den Mainstream, wie es auch die grauenhafte Musik dieser Band ist. Also bitte ignorieren und zum nächsten Thema übergehen!

boneless

Postings: 1651

Registriert seit 13.05.2014

2016-09-06 22:10:20 Uhr
Wow.

Und ich dachte schon, der Thron für den besten Song 2016 bleibt leer.

In 20 Jahren wird man sagen können: diese Band hat die AfD verhindert. Mit nur einen kleinem LIED!!

Mister X

Postings: 1934

Registriert seit 30.10.2013

2016-09-05 22:38:23 Uhr
michael rubach ist ein dreckiger afd anhaenger. NUR DESSHALB hat er dem album keine ab 8 und aufwaerts wertung gegeben.
ich will nicht dass dieser mensch zu unseren konzerten kommt. und sobald wir erfahren dass er ebenfalls wie wir fuer einen preis nominiert sind, erpressen wir die veranstalter mit unserem nichtkommen, um den preis zu bekommen

eure nicht faschistische jennifer *bussi*
ach komm
2016-09-03 12:08:29 Uhr
das hat eigentlich keiner ernsthaft als rechtsrockreferenz interpretiert, der vergleich mit stahlgewitter war sarkastisch gemeint, um gegen jennifer rostock zu ledern... :D

muss auch mal erlaubt sein.
:DDDD
2016-09-03 11:58:40 Uhr
wow, ganz schön peinlich, wenn man das brechtzitat als rechtsrockreferenz interpretiert. aber wenn man sich nur durch youtube bildet...
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