J Churcher - Borderland state

J Churcher- Borderland state

37 Adventures / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 09.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Solang' ich träum nur gibt es Dich

Er sieht sie noch vor sich, da an der Straßenecke. Sie trägt sein Hemd, seine Jacke und sieht darin ein wenig verloren aus, dabei ist er es, der sie verliert. Mit jedem Blinzeln verschwindet sie mehr, ihre Konturen lösen sich von seiner Netzhaut. Steht sie überhaupt dort? In seinem Kopf wummern noch ihre sanft gewisperten Worte, welche in ihrem vorsichtigen Herantasten nur aufzeigten, wie alleine sie auf dieser Welt wandelte. Nach dem Kuss war sie fort. Krampfhaft hält sich J Churcher an diesen Bildern, Szenen und kleinen Gebärden fest. "I remember" heißt der Song, "Borderland state" sein Debütalbum. Es zeigt solche Grenzgebiete auf, dort irgendwo zwischen dem Vergangenen und dem Jetzt. Der Londoner redet sich ein: "This can be / This can be / This can't be / This can't be", es kann sein, es kann nicht sein. War es bloß berückende Einbildung, die sich über seine misslich graue Realität schichtete?

Auf Albumlänge bleibt seine Liebe eine romantische Schwärmerei, ein Ding der Unmöglichkeit, weshalb die übertriebene Aufopferung nicht zählt. "Now my college work can wait / I want to dedicate / All my time to her", schmachtet "Riding on your love", bis die Musik in ein grelles Licht gehievt wird, die hohen Töne der E-Gitarren verzerren. Ein Experimentiergeist ist dieser Brite nicht, dafür aber versiert in seinem Metier: Er übersetzt Mazzy Star in träge vorgetragenen New Wave oder beschleunigt den Dream-Pop von Beach House. Auch von Robert Smith und The Cures "Pornography" hat er abgeschaut, wenn dröhnende Gitarren in großen Gesten auf Sollbruchstellen deuten. Atmosphärisch wird "Borderland state" von der Kunst des Weglassens geprägt, Churchers Klänge setzen kurz aus, verschwinden hinter dem Hall oder die Synthesizer pulsieren so stark über seinen Gesang, dass er unverständlich wird. Churcher möchte verschwinden, wie sie vor ihm verschwunden ist. Melodisch schöne Rührseligkeiten wie das Titelstück und "The boardwalk" werden hierdurch diffus und unnahbar, passen dafür aber wundervoll ins Ganze.

Churcher hat anschmiegsame Songs komponiert, sie sprießen wie Wunder aus seinen Wunden und möchten Elektronik warm und weich klingen lassen. "Borderland state" bleibt trotzdem angedeutete Sehnsucht, auch wenn das meisterliche "In the summer" an den akustischen, zerbrechlichen Michael Gira erinnert. Einmal noch wünscht sich Churcher, ihr zu begegnen, in einem Plattenladen würde er sie treffen, womöglich um ihr "Stella Maris" vorzuspielen, in dem Blixa Bargeld und Meret Becker meinen: "Bitte bitte weck' mich nicht / Solang' ich träum nur gibt es Dich." Der Traumfigur begegnen, um ihr endlich klarzumachen, dass sie lediglich Traum bleibt.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • I remember
  • Riding on your love
  • In the summer

Tracklist

  1. I remember
  2. Riding on your love
  3. The boardwalk
  4. Last summer
  5. Borderland state
  6. Finding Roxanne
  7. Dream team
  8. How it ends
  9. Yesterday
  10. In the summer
  11. Middle of the sun

Gesamtspielzeit: 41:45 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-08-31 21:06:44 Uhr
Frisch rezensiert.

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