Jamie T - Trick

Jamie T- Trick

Virgin / EMI / Universal
VÖ: 02.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Mit glühenden Kohlen

Jamie Treays arbeitet in der Regel kontinuierlich an Musik. Die zwölf Titel von "Carry on the grudge" wurden ausgesiebt aus 180. Bei Jamie T lautet die Frage eher: Bin ich bereit, wieder etwas zu veröffentlichen und mich dem Promotion-Zirkus auszusetzen oder wirken die Songs in der kleinen Butze namens Studio nicht plötzlich sonderbar gut aufgehoben? Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Angstattacken beim Briten einen nicht unerheblichen Anteil an der teils jahrelangen Wartezeit zwischen zwei Alben hatten. Zwar vermied Treays auch nach der Veröffentlichung der Single "Tinfoil boy" eindeutige Zusagen zu einer vierten LP, aber Fotos und Clips, die ihn von Computer, Kabeln, Gitarren, haufenweise Effektpedalen, Keyboards und anderem Brimborium umringt zeigten, zeugten unmissverständlich von seiner Umtriebigkeit.

Wir erleben im Zuge der nun besser kontrollierbaren Attacken gerade wohl Jamie Ts produktivste Phase: Zwei Alben und eine EP in weniger als zwei Jahren – das gab es in seiner Vita bislang noch nicht. Sehr wohl aber den Drang, den musikalischen Schwerpunkt zu verlagern, die Ingredienzien seiner Anfangstage stets aufs Neue zusammenzupuzzeln. Befeuert durch Live-Auftritte konserviert "Tinfoil boy" freigesetzte Energie in Alufolie. Öffnet man sie vorsichtig, mahnen stechende Synthies vor der ungeheuren Wucht des unzweifelhaft von Rage Against The Machine inspirierten Riffs. Jamie T tritt mit dem Song die Tür zu "Trick" ein. Bei der Inneneinrichtung kommt die lauteste, rockigste und mitunter klanglich aggressivste Platte seiner Laufbahn zum Vorschein mit gar nicht spärlich eingesetzten HipHop-Rhythmen.

Im nachfolgenden – sorry – unfassbar geilen "Drone strike" wirken die Synthies zu Beginn noch, als ertränke man sie sanft in Steel-Drum-Resten. Schnell übernimmt der rappende Treays und führt den Track zum melodisch-noisigen Refrain. Dann und wann blickt der seit Januar 2016 30-jährige Jamie T über den britischen Tellerrand hinaus. Unter knurrendem Bass prangert das bissige, riffgeschwängerte "Police tapes" die vereinfachte Einteilung der Menschen und der Welt in Gut und Böse an. "The police speaking black and white, tell me that there's good and evil / All I really see is complicity that dumb fucks call it legal."

Wäre es in der Lage, würde das Cover von "Trick" zustimmend nicken. Das Bild von Paul Falconer Poole zeigt "Solomon Eagle". Der vormalige Komponist blieb aus den Überlieferungen aus dem England des 17. Jahrhunderts als Quäker im Gedächtnis. Spärlich bekleidet mit einer Schale brennender Kohle auf seinem Kopf mahnte er Sünden an und riet, jedem Menschen gegenüber generell wohlgesonnen, Buße zu tun. "I feel everything deep in my head its spinning / Good and evil lost in the city with the people / ... / This retribution comes from above / This is God giving up on us / This is God giving up." Die kleingeistige Auslegung des Sündenpfuhls mal beiseite, könnte das Treays Art sein, zu sagen: Leute, wir sitzen gerade in einem globalen Haufen Chaos.

Offene Augen für seine Umgebung hatte Jamie T jedoch schon immer, zumeist für manipulative und problematische Beziehungsgeflechte, in denen "Joan of Arc"s unerfüllte Liebe Thema sein kann oder Dominas "Power over men" haben. Die Vergänglichkeit des Seins, von Freundschaften oder Musikpinten, die Geschäftskomplexen weichen, überschreibt Treays im Jahr von Prince' Ableben nicht ganz zufällig mit "Sign of the times". Aus der Nachdenklichkeit reißen einen dann infektiöse Hook-Zeilen wie "Upside down, inside out / If I had a gun I'd blow my brains out". Und auch die finalen "Bankrobber"-Rufe von "Robin Hood" tönen bald aus dem springenden Konzert-Mob.

Mit "Trick" lässt sich nämlich ungemein Spaß haben, weil der Mann aus Wimbledon ganz in der Tradition von "Sticks 'n' stones" und "Rabbit hole" tanzbare, punk- wie popstarke Indie-Rocknummern für Freunde von The Clash und Billy Bragg dabei hat. Allen voran "Tescoland": "Who am I kidding, man, I love to hate, love to sail away like a rolling stone / Every plan I make's meant to take me further away / But I always end up back at home in Tescoland." Oder da, wo es Zigaretten gibt.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Tinfoil boy
  • Drone strike
  • Tescoland
  • Solomon Eagle
  • Self esteem

Tracklist

  1. Tinfoil boy
  2. Drone strike
  3. Power over men
  4. Tescoland
  5. Police tapes
  6. Dragon bones
  7. Joan of Arc
  8. Solomon Eagle
  9. Robin Hood
  10. Sign of the times
  11. Crossfire love
  12. Self esteem

Gesamtspielzeit: 48:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Fanatic1
2017-06-14 01:27:05 Uhr
Power over Man ist von The raconteurs geklaut.
"Steady as she goes."

seabird

Postings: 75

Registriert seit 11.08.2013

2016-10-04 13:52:54 Uhr
Highlights:
01. Tinfoil boy
04. Tescoland
08. Solomon Eagle
10. Sign of the times
( 07. Joan of Arc )

Bewertung: 8 / 10

Dielemma

Postings: 448

Registriert seit 15.06.2013

2016-09-02 22:05:11 Uhr
Positive Überraschung nach dem 1. Durchgang, das etwas Rohere gefällt mir erst mal.

Blablablubb

Postings: 291

Registriert seit 20.04.2014

2016-09-02 18:36:46 Uhr
Nach den ersten Durchläufen gefällt es mir ziemlich gut. Mindestens gleichwertig mit "Carry on the grudge".

Ich sehe da gar keine Rückentwicklung, sein erstes Album war meines Erachtens nicht besser, sondern lediglich anders.

Der September startet musikalisch schon mal bestens. ;)

Stephan

Postings: 806

Registriert seit 11.06.2013

2016-09-02 18:15:55 Uhr
Dein (inhaltliches) Problem mit "Power over men" verstehe ich ehrlich gesagt nicht.

Ein schlechtes Album hat er für mich noch nicht gemacht. Und "Trick" mag ich persönlich lieber als "Carry on the grudge". Er nutzt halt jetzt weniger Samples, spielt dafür aber auch mit Grime. Und auch sonst gibt es unter der Oberfläche manches Songs einiges zu entdecken. Freue mich jetzt schon darauf, die Platte live zu hören.
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