Messer - Jalousie

Messer- Jalousie

Trocadero / Indigo
VÖ: 19.08.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Weiß der Geier

"So ein Wahnsinn! Warum schickst Du mich in die Hölle?" Gib's zu, Leser: Du hast zumindest innerlich gerade "Hölle, Hölle, Hölle" gerufen! Einfach mal eine Rezension mit einem Wolle-Petry-Zitat einleiten. Und das dann auch noch bei einer ernstzunehmenden Post-Punk-Combo wie Messer. "Wollen die mich hier bei Plattentests.de verarschen?", fragst Du Dich. Die Antwort: Ein bisschen. Aber einen Zusammenhang gibt es tatsächlich: Auf der dritten Messer-Platte mit dem klangvollen Namen "Jalousie" geht es höllisch düster zu. Rolläden runter, Musik ab.

An achter Stelle auf dem Album, aber aus gegebem Anlass hier zuerst erwähnt: "Die Hölle". Die Hölle, das sei das schiere Getrenntsein von Gott, erklärte einst die Religionslehrerin des Rezensenten. Da jubelte der Atheist: Mir doch wurscht. Messer interpretieren das ganz anders und doch ähnlich. Kurzerhand wird die Goldene Regel ins Gegenteil verkehrt: Was Dir angetan wird, das füg auch anderen zu. Stoisch tropft der Beat wie das Wasser auf die Stirn des Gefolterten. "Wenn einer lügt / Kann auch ein anderer lügen / Denkt sich der, der betrügt", heißt es dann beispielsweise. Der Gesang von Hendrik Otremba wird von Chören und schiefen Trompeten umgarnt. Ein Ort zum Wohlfühlen ist die Hölle weiß Gott nicht, aber eben auch kein allzu mystischer, denn er existiert auf dieser Welt bereits.

Kein Wunder, dass Messer im Verlauf von "Jalousie" hier gelandet sind, denn schon der Opener "So sollte es sein" ist ein Abgesang. Zitiert wird nur der Konjunktiv. Es könnte ja so schön sein, aber so schön ist es nicht. Die dunkle Orgel klingt ohnehin nach Requiem und im letzten Drittel wird Otremba auch noch von einer Damenstimme unterstützt, die nicht mehr Hoffnungslosigkeit ausstrahlen könnte. Zackiger gehts in "Der Mann, der zweimal lebte" zu: rasche Gitarrenpickings, eine klarere Melodieführung und ein großartiges Storytelling. Letzteres können sich im deutschsprachigen Musikspektrum vielleicht noch Kante auf die Fahne schreiben. Die Nerven – als Referenzgruppe Nummer eins für Messer – bleiben textlich stets viel vager als das Quartett aus Münster. Auch das anschließende "Detektive" bringt viel Schwung mit. Der Fuchs geht um, der Ermittler bringt ihn zur Strecke.

Weiterhin ganz stark: "Meine Lust", wo Otremba den Trieb zum Lebenssinn erklärt. Erinnerungen an Tocotronics "Mein Ruin" werden wach, weil auch Messer stetig wiederholen. Die Musik schwingt nicht, sie oszilliert. Insbesondere Schlagzeuger Philipp Wulf trommelt wie ein Besessener. Passenderweise folgt "Das Jahr der Obsessionen", das aus der Ferne herannaht. Die Gitarre schallt durch den Äther, Glocken erklingen von weit her. Mit dem Gesang erst tritt der Rhythmus ins Geschehen. Schließlich versinkt der Titel im Chaos: Kirchenläuten, wirres Orgelspiel, krumme Töne noch und nöcher. "Weiß der Geier, oder weiß er nicht" – er kreist jedenfalls ganz tief über dieser Erde.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Der Mann, der zweimal lebte
  • Meine Lust
  • Das Jahr der Obsessionen
  • Die Hölle

Tracklist

  1. So sollte es sein
  2. Der Mann, der zweimal lebte
  3. Detektive
  4. Der Staub zwischen den Planeten
  5. Meine Lust
  6. Im Jahr der Obsessionen
  7. Niemals
  8. Die Hölle
  9. Die Echse
  10. Schwarzer Qualm
  11. Schaumbergs Vermächtnis

Gesamtspielzeit: 41:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
posting der woche
2016-11-12 12:18:40 Uhr
:D

zurueck_zum_beton

Postings: 159

Registriert seit 07.07.2013

2016-11-12 11:51:39 Uhr
@Martin :::
Oh je, habe deinen Kommentar zuerst gelesen und für einen kurzen Moment gedacht, du hättest mit "Schmiss" die Band "The Smiths" betrunken vor Dich her genuschelt. Jetzt ergibt das ja doch alles plötzlich Sinn.

MartinS

Postings: 485

Registriert seit 31.10.2013

2016-11-10 21:27:17 Uhr
Da geh ich mit: Bestes Album der Band bislang.
Olles Kritikpunkte laufen eigentlich spätestens mit der Erwähnung des früheren "Schmiss" ins Leere irgendwie.
Wenn jetzt noch irgendjemand Otremba vom Mikro fern halten könnte, wäre "Jalousie" fast ein Album für die Dauerschleife. So muss man weiterhin wirklich Bock drauf haben.
GV
2016-09-05 21:30:33 Uhr
Beste Messer-Platte bisher... und sicher eines der Alben des Jahres.
Olle
2016-09-05 20:05:21 Uhr
Habe die LP jetzt viermal durchgehört und bin sehr enttäuscht. Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet:

- Fester Percussionist in der Band - und muss natürlich zwanghaft an allen möglichen Stellen eingebracht werden, wo man einem Session-Musiker eher gesagt hätte: "Hol`dir mal nen Kaffee!"

- Neue Gitarrist spielt in zwei Stilen vor sich her: Entweder effektbeladen-sphärisch oder vermeintlich funky, aber nicht mit einer guten Idee. Habe das Gefühl, der kann gar nicht richtig spielen, was die extrem schmale Bandbreite erklärt. Ich vermisse den alten Gitarristen, der richtig "Schmiss" hatte

- Keyboards: Offensichtlich ist auf der ganzen Platte, dass sich die Gruppe für elektronische Sounds interessiert, aber niemanden in der Band hat, der kein mäßig talentierter Autodidakt ist. Diese andauernden Dreiton-Dudel-Meldodien (manchmal auch einfach ein Loop?) in den meisten Songs sind schlimm. Mit zwei-drei diese Experimente und sonst eher klassischer wäre das nicht aufgefallen, aber leider leider dominiert das die ganze Platte.
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