Kiesgroup - Eulen und Meerkatzen

Kiesgroup- Eulen und Meerkatzen

Fidel Bastro / Broken Silence
VÖ: 29.07.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Und Andy borgt sich Acid

Wer kennt das nicht: Man möchte miteinander reden, hat sich aber irgendwie nichts zu sagen. Wie auf dem Cover eines früheren Kiesgroup-Albums, wo die Sprechblasen leer blieben. Zum Glück schreibt das Quartett um Frontmann Andreas van der Wingen extrem wortlastige Songs, bei denen dem Hörer zuweilen immerhin die Spucke wegbleiben kann. Da rennen elektronische Subversionen grenzdebile Reminiszenzen an die Neue Deutsche Welle über den Haufen, Punkrock unter Reinraumbedingungen schlägt sich mit frei assoziierenden und oft auch freidrehenden Textfetzen herum – und schon ist auf dem Wandertag der Düsseldorfer Sonderschule für renitente Pop-Existenzialisten jede Menge los. Einer der kleinen Racker läuft sogar im Till-Eulenspiegel-Kostüm durch die Gegend.

Natürlich ist es van der Wingen selbst, der zu den stoischen Dissonanzen des Titelstücks dem legendären Narren die Ehre erweist. Eine Querflöte übernimmt das Gitarrensolo, "Eulen und Meerkatzen" schwillt zum energischen Rocker an – schon früh wird also klar, dass der Begriff Pop hier ein ziemlich dehnbarer ist. Auch wenn "Mainfloor" die Disco im Rhythmus der Drummachine aus A-has "Take on me" aufräumt und in gerade einmal zweieinhalb Minuten den ersten leichtgängigen Hit dieses Albums eintütet. Man muss schließlich immer mit dem Schalk rechnen, der auch dem Rest des Quartetts im Nacken sitzt – etwa beim entwurzelten Electro-Boogie "Mit Andy Borg der Sonne entgegen", der in bizarrem Monolog die Schnittmenge von deutschem Schlager, Elvis Presley und den Goldenen Zitronen auf Acid erörtert. Rotwein ist auch im Spiel. Wohl bekomm's.

Zumindest letztere musikalische Assoziation liegt auf der Hand: Unter Schorsch Kameruns Regie geisterte van der Wingen auf der Theaterbühne bereits durch multimediale Konzertinstallationen wie "Sender Freies Düsseldorf", und auch dieses Album ist das Gegenteil von Formatradio – eher ein Piratensender, der sein Publikum hintereinander mit Muzak aus dem Sampler, klapprigem Ragga-Hop wie "Roter Regen" und anderen Absonderlichkeiten beutelt. Inklusive aus aufmüpfigen Saxophonen und zickigem Uptempo gezimmerte Wortbeiträge Marke "Die Vollbeschäftigung", die Dinge klarstellen wie: "Kulturelles Kapital find ich nicht mal asozial / Tarifstruktur und Mindestlohn steht nicht zur Disposition." Und bevor jemand fragt: "Ey, suchst Du Arbeit?" – "Nee, suchst Du Streit?" Das Jobcenter rutscht schon unruhig auf seinen IV Buchstaben herum.

Und spätestens anlässlich des muskulösen Post-Punk von "Menschenfabel" muss auch der Name Fehlfarben fallen. Fürs pöbelige 2005er Duett "Die Strokes" weilte Peter Hein noch persönlich im Kiesgroup-Studio – diesmal war er wenigstens im Geiste anwesend, denn van der Wingen legt hier die gleiche stilvoll angewiderte Phrasierung an den Tag. Die Band zischt dazu ähnlich dynamisch ab wie beim riffgewaltigen Kracher "Schleppscheiße" vom Album "Das Leben als Umweg zwischen nichts und nichts" – coole Selbstaktualisierung statt Scheiß-Autoreferenzialität. Zum hektisch knatternden Disco-Fox "Goldkröte" schauen sogar kurz Daft Punk rein, bevor es zu einer Dub-Mutation heißt: "Trinken wir noch, bis der Morgen kommt?" Kann man machen – oder dieses herrlich verpeilte Album hören. Das hat nämlich ungefähr den gleichen Effekt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Mainfloor
  • Mit Andy Borg der Sonne entgegen
  • Roter Regen
  • Menschenfabel
  • Goldkröte

Tracklist

  1. Eulen und Meerkatzen
  2. Mainfloor
  3. Mit Andy Borg der Sonne entgegen
  4. Wasser im Zahn
  5. Bäume und Grün
  6. Roter Regen
  7. Unverstand
  8. Er erkennt Dich nicht
  9. Menschenfabel
  10. Die Vollbeschäftigung
  11. Du seligster Mensch auf dem Erdenrund
  12. Kellergeister
  13. Goldkröte
  14. Trinken wir noch, bis der Morgen kommt?

Gesamtspielzeit: 38:53 min.

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Jennifer

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Registriert seit 14.05.2013

2016-08-10 21:23:04 Uhr
Frisch rezensiert.
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