Tarja - The shadow self

Tarja- The shadow self

Ear / Edel
VÖ: 05.08.2016

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Beste zum Schluss

War das nun Mut oder Gier? Zumindest war es ein ungewöhnlicher Schritt, als Tarja Soile Susanna Turunen Cabuli vor wenigen Wochen ein Album namens "The brightest void" veröffentlichte. Ein Blick auf den dezent angebrachten Vermerk "Prequel Album" schaffte Klarheit – ein Appetithappen also, um die "eigentliche" Platte "The shadow self" angemessen bewerben zu können. Früher hat man sich bestenfalls mit einer Vorab-EP begnügt, aber egal. Nicht egal war allerdings, dass angesichts der bestenfalls mittelmäßigen Qualität mancher Songs – die Coverversion von "Goldfinger" sorgte wohl bei so ziemlich jedem James-Bond-Fan für blankes Entsetzen – das genaue Gegenteil eintrat. Denn aus anfänglicher Skepsis wurde echte Sorge: Verzettelt sich Tarja nun vollends in ihrer Mixtur aus Klassik und Rock, aus samtenen Bombast und dreckigen Fingernägeln?

Der erste Eindruck von "The shadow self" vermag diese Frage zunächst nicht wirklich zu beantworten. Denn "Innocence" ist so gar nicht der Einpeitscher oder die große Showtreppe, auf der Frau Turunen die Arme zum Refrain ausbreitet. Stattdessen zitiert die Finnin zunächst Chopin. Statt exaltiertem Plüsch also introvertierte Klassik. Die dann allerdings in einen durchaus filigranen Rocker mit feinem Refrain mündet, der die eigentlich längst ausgetretenen "Rock meets Classic" neu ebnet. Bis es kurz danach laut wird. Sehr laut. Denn Alissa White-Gluz, Frontfrau von Arch Enemy, schiebt das Piano nicht etwa dezent beiseite, sondern zertritt es in kleine Trümmer. Jazzig-frickeliges Intro, dann dominieren brachiale Riffs, bis sich die Stimmen der beiden so unterschiedlichen Vokalistinnen zu einer spannenden Mixtur vermengen.

Die "Ja, aber..."-Momente sind es allerdings, die weiterhin dominieren. Dass mit "Love to hate" und "Eagle eye" – Letzteres mit Chad Smith von Red Hot Chili Peppers am Schlagzeug – zwei Songs von "The brightest void" den Weg auf das Album fanden, dürfte je nach Betrachtungsweise noch konsequent oder erschreckend sein. Besser macht es die Songs auf keinen Fall. Dass Tarja aber mit "Supremacy" dann doch wieder eine Coverversion zum Besten gibt, wirkt angesichts vorheriger Fehlversuche fast schon wie eine Drohung. Doch sieh mal einer an: Das meterdick aufgetragene Pathos, mit dem "Supremacy" schon im Original der Queen-Jünger Muse aufwarten konnte, passt hervorragend zur großen Gala-Pose der finnischen Diva. Dass sie darüber hinaus eine selbst für ihre Verhältnisse grandiose Gesangsleitung beisteuert, verwundert da schon eher. Erst recht, wenn das kurz darauf folgende "Diva" durch seinen Vaudeville-Touch herrlich selbstironisch daher kommt.

So richtig breit wird Turunens Grinsen (ja, das kann sie durchaus!) allerdings dort, wo man es schon nicht mehr erwartet. Im Hidden Track. Denn kaum ist der Ärger über diese Unsitte verflogen, semmeln garstige Thrash-Riffs aus den Lautsprechern. Nur um kurzerhand Nineties-Dancehall-Rhythmen Platz machen zu müssen, für die selbst ein gewisser Herr Baxxter schamesrot anlaufen würde. Irgendwo muss die finnische Herkunft ja durchscheinen, und sei es mit dieser köstlichen Verneigung an die wahnsinnigen Waltari. In diesen Momenten wirkt Tarja Turunen selten gelöst, als sei sie endlich imstande, die eigentlich längst vergangene Zeit mit Nightwish abzulegen wie einen ihrer Umhänge. Wenn diese künstlerische Freiheit und Experimentierfreude einmal über eine komplette Albumdistanz beibehalten werden könnte, statt mit unvollendeten Spannungsbögen zu langweilen wie beispielhaft in "Living end", könnte dies tatsächlich irgendwann dazu führen, dass der ewige Zusatz "Ex-Nightwish" dermaleinst verschwinden könnte. Ganz ohne fragwürdige Veröffentlichungen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Demon's in you (with Alissa White-Gluz)
  • Supremacy
  • Diva

Tracklist

  1. Innocence
  2. Demon's in you (with Alissa White-Gluz)
  3. No bitter end
  4. Love to hate
  5. Supremacy
  6. Living end
  7. Diva
  8. Eagle eye (with Chad Smith)
  9. Undertaker
  10. Calling from the wild
  11. Too many
  12. Hit song (Hidden track)

Gesamtspielzeit: 66:07 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-08-02 21:36:38 Uhr
Frisch rezensiert.

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