Schoolboy Q - Blank face LP

Schoolboy Q- Blank face LP

Universal / Interscope
VÖ: 08.07.2016

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Eitel bis zum Scheitel

Im Vorfeld dieser Rezension eine kleine Diskussion in der Schlussredaktion: Wie wichtig ist Schoolboy Q? Kennt die Leserschaft von Plattentests.de den US-Rapper überhaupt? Ist die Review ein Muss? Überstimmt wurde schließlich derjenige, der nun diese Besprechung vornimmt. Also Unlust? Nö. Eher Enttäuschung. Nicht vom Ausgang der Kontroverse, sondern vom vierten Album des hochgelobten Sprechsängers aus Los Angeles. "Pitchfork" flippte schier aus, bedachte "Blank face LP" mit 8.3 Punkten und auch die deutschen Medien ließen sich beeindrucken: "Die Welt" meinte "diese Musik hilft, Amerika zu verstehen." Schön wär's ja. Allzu selten kapiert ein Europäer das Gesamtkonstrukt USA. Dass jetzt ein halbrechtes Springerblatt meint, Schoolboy Q könne es erklären, nützt da leider wenig.

Was willste denn machen als Rapper mit einem halbwegs ordentlichen Anspruch, dort jenseits des großen Teichs? Klar beschäftigt sich Quincy Matthew Hanley – so heißt Schoolboy Q bürgerlich – in seinen Texten mit der Gesellschaft. Der Welt-Artikel beschäftigt sich – weit ab vom Schuss der eigentlichen Review – mit "Moral licensing": Dass Obama als Schwarzer zum Präsidenten gewählt wurde, wird zum Guthaben auf dem Moralkonto, weswegen dann anderswo Rassismus offen ausgelebt werden kann. So weit, so sicher richtig. Dass aber "Blank face LP" "dem Gangsterrap sein Gewissen zurückgibt", ist völlig übertrieben. Mit Kendrick Lamar in jüngerer Zeit, mit Mos Def und Talib Kweli schon lange zuvor, oder zuletzt auch mit The Game, stehen im US-HipHop so einige an der Front, wenn es darum geht den Zeigefinger zu heben. Schoolboy Q macht letztlich nichts Neues, nur, dass er es leiser tut.

In der Vorabsingle "Torch" deutet Schoolboy Q seine Abkehr vom Bling-Bling zur Vernunft an. Der 29-Jährige sucht sein Heil nunmehr in der Freundschaft, statt im Status. Wobei eben auch Freundschaften als Statussymbol herhalten können. Da krankt die These. Der Titel im musikalischen Sinne, bleibt dabei derart unauffällig, dass man ihn überhören würde, wäre er nicht an erster Stelle gesetzt. Allgemein gilt für "Blank face LP": viel Dämpfung, viel Hintergrund, wenig Lautstärke, wenig Show. So beispielsweise auch im Piano-untermalten "Kno ya wrong", welches unter Mithilfe von Lance Skiiiwalker durchaus charmant, aber letztlich wohl wenig effektiv den Missstand anprangert. "Ride out (feat. Vince Staples)" hätte das Zeug dazu einmal auszubrechen, aber auch hier wird Krawall weitestgehend vermieden, die Instrumentierung bleibt hintergründig. Dicke Autos in Schrittgeschwindigkeit werden instantan uninteressant. Ein paar Takte schneller und der Track wäre ein ganz großer. Ähnlich "Neva change (feat. SZA)", das beschaulich gebettet wenig Aufhebens zulässt, obwohl es so viel Grund gäbe lauter zu motzen – siehe Lyrics.

Kurz vor Schluss wartet der Rapper mit seinen "Black thoughts" auf. Der Song bringt das Dilemma der ethnischen Minderheiten in den USA auf den Punkt: Fressen oder gefressen werden ist nach wie vor Alltag im Ghetto. Die Frage: Kann man seine Gedanken noch äußern, bevor man geschnappt wird? Mitschwingend präsentiert Schoolboy Q aber leider eine Lethargie, die es wahnsinnig schwer macht, ihm zu folgen, eine Unlust, aufgrund derer man ihm vielleicht auch gar nicht mehr folgen möchte. "Blank face LP" fordert sehr viel Aufmerksamkeit für sich. Um zu verstehen, was Schoolboy Q mitteilen möchte, gilt es ganz tief einzutauchen. Nicht sicher ist dabei, ob dies dem Genie des Künstlers oder seiner Eitelkeit zuzurechnen ist. Wenn jemand sich so wichtig nimmt, dass er davon ausgeht, dass man ihm auch hinterhereilt, wenn er nur flüstert, dann hat sich der Narziss mal wieder in sein Spiegelbild verguckt. Am Ende dreht sich "Blank face LP" mehr um Schoolboy Q selbst, als um irgendjemand anderen.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Ride out
  • Black thoughts

Tracklist

  1. Torch
  2. Lord have mercy
  3. That part (feat. Kanye West)
  4. Groovy Tony / Eddie Kane (feat. Jadakiss)
  5. Kno ya wrong (feat. Lance Skiiiwalker)
  6. Ride out (feat. Vince Staples)
  7. Whateva u want (feat. Candice Pillay)
  8. By any means
  9. Dope dealer (feat. E-40)
  10. John Muir
  11. Big body (feat. Tha Dogg Pound)
  12. Neva change (feat. SZA)
  13. Str8 ballin
  14. Black thoughts
  15. Blank face (feat. Anderson .Paak)
  16. Overtime (feat. Miguel)
  17. Tookie knows II (feat. TF)

Gesamtspielzeit: 72:33 min.

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Pascal

Postings: 415

Registriert seit 13.02.2013

2016-09-02 01:31:24 Uhr
S.o.
Koni
2016-08-31 23:02:22 Uhr
Da hat wohl jemand ne rezension zugeteilt bekommen, auf die er keine lust hatte. Das flapsige "Nö" in den ersten zeilen überzeugt einen nicht wirklich vom gegenteil. Auch nicht, dass der rezensent sein desinteresse durch hohe lautstärke oder geschwindigkeit zu überwinden hoffte. deren abwesenheit sollen die maßgeblichen schwächen des albums sein. dabei ist es doch gerade im genre gangsterrap löblich, dass einem nicht wie üblich alles mitten ins gesicht geworfen wird, sondern dass man sich den ein oder anderen schritt nähern muss, um zu erkennen, was drin steckt. manchmal, aber nur manchmal, liegt pitchfork halt eben doch richtig

Pascal

Postings: 415

Registriert seit 13.02.2013

2016-08-10 02:32:32 Uhr
Der "Black face"-Vertipper ist korrigiert, Medien schreiben wir normalerweise so in Anführungszeichen und die Features werden bei uns auch immer als Teil des Titels behandelt.

Zum Thema: Das Rap-Rezis uns ich nicht zusammenpassen halte ich für ein sehr schlechtes Gerücht und dass man in einer HipHop-Rezi auf Beattechniken eingehen MUSS ist Unsinn. Ich lege den Fokus auf Aussage und Musik im Kontext, das ist völlig legitim. Bei einer Rockplatte muss ich auch nicht sagen, welche Saite der Gitarrist gerade zupft, wenn ich ebendies nicht betonen will.

Was die Klientel her betrifft gebe ich Schwarz recht, mich aber betrifft das mitnichten. Das liest man hoffentlich aus meinen Rezensionen raus.

Muss ein Protest immer laut sein? Nein. Aber m.E. hat die Situation in den Staaten längst eine Eskalationsstufe erreicht, wo leiser Protest kaum noch hörbar sein kann. Das führe ich auch entsprechend aus. Das ist letztlich das Populismus-Thema, was wir auch hierzulande haben. Ist linker Populismus möglich und wenn ja, warum ist er so verpöhnt. Wenn in Blankenese die Autos brennen, ist das sicher nicht der richtige Weg, aber ein lautstarker kommunikativer Protest ist denke ich durchaus das, was in solchen Zeiten vonnöten ist.
Schwarz
2016-08-04 09:54:11 Uhr
Ist schon ein gutes Album, ich mag den Sound. Sein Flow ist nicht überragend, aber geht schon klar. Was leider gänzlich fehlt, sind starke Hooks.
Schwitzkasten Murphy
2016-08-04 07:32:03 Uhr
Verstehe nicht so wirklich, warum es überall abgefeiert wird. Vielleicht hat das Label seine Finger im Spiel oder weil eben Götterböte Kenny mit drauf ist und es dadurch nach oben gepusht wird.

Versuche mich seit der H&C mit Q anzufreunden, aber es klappt einfach nicht. Finde weder seinen Stil noch die Beats in irgendeiner Weise bemerkenswert. Er ist mir einfach zu quirlig. Die Oxymoron war auch ein Totalausfall für mich. VOm neuen Album hier gefällt nur "Groovy Tony" dank gutem Flow. Insgesamt jedpch zu langatmig, zu unscheinbar und ein Konzept erschließt sich mir auch nicht wirklich.

Sehe Soul und Q auch deutlich hinter Kendrick, Isaiah Rashad und Jay Rock. Gerade Kendrick hat natürlich eine gewisse Aura. Da wirkt Schoolboy Q's plumper Rap irgendwie fehl am Platz. Ab-Soul hat dieses gewisse Durchgedrehte, Rock diesen Straßencharakter und Rashad ist einfach nur gut. Zu dem neu gesignten Skiiwalker kann ich nicht wirklich was sagen, der muss ernstmal was liefern.
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