Various Artists - Refugee

Various Artists- Refugee

Brainfog
VÖ: 05.07.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Die goldene Regel

Der geneigte Fernsehzuschauer hatte es nicht leicht am Samstag, den 2. Juli 2016: Der Fußballkrimi Deutschland gegen Italien kostete Nerven, und die anschließende Sendung "Beckmanns Sportschule" schwankte wie immer zwischen genial und wirkllich wirklich furchtbar. Wer schließlich noch immer vor der Glotze hing – wie unser fauler Rezensent hier – dem flimmerte das "Wort zum Sonntag" entgegen. Wegschalten? Wie gesagt, fauler Rezensent. Der bebrillte Geistliche sprach, wie es Geistliche eben so tun, mit Kunstpausen. Uargh. Und obwohl die Art und Weise des Vortrags anstrengte, fiel ein kluger Satz: "Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu", die goldene Regel. Das ist hier ist – naturement – keine Andacht, sondern eine Rezension, aber genau um diese Nächstenliebe dreht sich "Refugee", die Flüchtlings-Compilation aus dem UK, die nunmehr erscheint.

Auf das Bestreben von Robin Adams hin versammelten sich mehr als ein Dutzend durchaus renommierter Singer-Songwriter, um der "Flüchlingskrise" entgegenzusingen – alle Einnahmen gehen an die maltesische "Migrant Offshore Aid Station". Während die deutsche Variante dessen, "Refugees welcome", auf starke linke Parolen und vor allen Dingen Lautstärke setze, verhält sich "Refugee" ganz anders: in erster Linie mitfühlend, besonnen, melancholisch. Herausgekommen sind 15 Songs voller Tiefe und Warmherzigkeit, die derart durchgängig zusammenspielen, dass man kaum von einem Sampler sprechen kann. Alle Titel wurden für das Album geschrieben und aufgenommen. Schon der Opener von Douglas Stewart (BMX Bandits) hat es in sich. Der Sänger klagt zwischen Gitarren, Geigen und einem minimalen, elektronischen Beat: "I don't know, how not to care." Wie kann es sein, dass es so vielen am Arsch vorbeigeht, dass gerade täglich Kids im Mittelmeer ersaufen? Ein Stich ins Herz.

"Scarce of fishing" von Alasdair Roberts übernimmt Atmosphäre und Aussage. Gänsehautstimmung, wenn Roberts voller Leidenschaft im letzten Drittel loslegt. Lo-Fi, aber Hi-Emotion. Auch bei "This morning the birds", welches von Piers Faccini mit Tambourin und "Uh-uh"-Kehrvers inszeniert wird, möchte man am liebsten ob der Ungerechtigkeit in dieser Welt verzweifeln. Traurig, aber schön. Aus der Tiefe, aber aktivierend. "The Devil's war and God's blue sea" kommt folkig daher, ohne das Tempo allzu stark anzuziehen. Anschaulich schildert der Organisator Robin Adams singenderweise das Leid der flüchtenden Massen, klagt mit den Menschen um die verlorene Heimat, um zurückgelassende Angehörige. Die sanfte Geige im Hintergrund gibt dem Hörer den Rest.

Als wohl bekanntester Liedermacher der Runde stellt Bonnie 'Prince' Billy "most people" und "some people" gegenüber. Das Glück der Wenigen, das Unglück der Vielen. Schmerz und Trauer lässt der Amerikaner bis zu einer Schmachtpause zur Songhälfte heraus, um sich dann dem Zynismus zu widmen: "Thank you there's no room for love or family in what's to come." Roddy Hart macht es anders und vergleicht die amerikanische "Go west"-Mentalität aus Zeiten der Besiedlung des Kontinents durch die Europäer mit dem derzeitigen Flüchtlingstrek: Gemeinsam ist ihnen das Streben nach dem Glück. Auch "West" hat kein Happy End, sondern betont die Unendlichkeit ebenjener Suche im langegzogenen, markerschütternden Refrain. Wenn dem Hörer angesichts solcher Songs das Herz bricht, dann ist er auch nur einer von vielen, die auf bessere Zeiten hoffen. "Refugee" führt vor Augen und ins Ohr, welch einen Schmerz diese blaue Kugel auf ihrer Oberfläche beherbergt. Es gibt dabei nur einen Weg, die Welt besser zu machen: Wir müssen zusammenhalten! Die goldene Regel erscheint dabei als idealer Leitvers.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • How not to care (Douglas Stewart of BMX Bandits)
  • Scarce of fishing (Home recording) (Alasdair Roberts)
  • The Devil's war and God's blue sea (Robin Adams)
  • Most people (Bonnie 'Prince' Billy)
  • West (Roddy Hart)

Tracklist

  1. How not to care (Douglas Stewart of BMX Bandits)
  2. Ravioli (Mike and Solveig)
  3. Scarce of fishing (Home recording) (Alasdair Roberts)
  4. The Devil's war and God's blue sea (Robin Adams)
  5. This morning the birds (Piers Faccini)
  6. The horn still blows (Jenny Lysander)
  7. Baby what's to know (Ricky Ross)
  8. Witchseason (Linda Thompson)
  9. Most people (Bonnie 'Prince' Billy)
  10. Post cards (Rick Redbeard)
  11. Innocent journey (Rachel Sermanni)
  12. The lines (Kathryn Joseph)
  13. West (Roddy Hart)
  14. The dusk (Dana Falconberry)
  15. To the sea (Richard Dawson)

Gesamtspielzeit: 51:44 min.

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User Beitrag

Superhelge

Postings: 607

Registriert seit 15.06.2013

2016-07-12 21:30:19 Uhr
@Pascal:
Oh, das find ich klasse.

Habe selbst null für Religion(en) über, aber Paffe steht für mich auf einer Stufe mit Teppichfahrer, Turban-Jedi oder Ölauge... klingt eigentlich harmlos (vielleicht tatsächlich verniedlichend), ist es aber leider gar nicht gemeint...

gerne btt

Pascal

Postings: 337

Registriert seit 13.02.2013

2016-07-07 19:02:45 Uhr
@Superhelge: Ich habe es längst nicht so abwertend gemeint, wie es offenbar wahrgenommen wurde. Ich habe "Pfaff" eher verniedlichend verstanden. Ich habe die entsprechende Zeile aber ins Neutralere geändert. LG, Pascal
.Pfaffenfrei.
2016-07-06 19:01:31 Uhr
Die Rezi beherbergt mehrere No-Go-Areas!

Superhelge

Postings: 607

Registriert seit 15.06.2013

2016-07-06 18:09:01 Uhr
Ich weiß nicht, warum man Pfarrer oder Pastoren -egal, was man von Ihnen hält- in der Rezi als Pfaffen bezeichnen muss... No Go!
XCT
2016-07-05 23:51:34 Uhr
Wie kann es sein, dass es so vielen am Arsch vorbeigeht, dass gerade täglich Kids im Mittelmeer ersaufen?

Genauso wie es sein kann, dass es vielen Menschen seit Jahren am Arsch vorbeigeht, dass Hunderttausende von Deutschen obdachlos sind oder irgendwelche Krümel von der Tafel 'erbetteln' müssen, weil sie nix zum Fressen haben (ich verstehe Pascals Punkt, aber wo ist denn dann DA die Rede vom "Stich ins Herz"?)...wenn man das eine nicht klärt, kann man auch nicht blauäuig das andere erwarten.
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