Mutual Benefit - Skip a sinking stone

Mutual Benefit- Skip a sinking stone

Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 20.05.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Neues vom Seelenfischer

Eigentlich weiß man ja seit "Love's crushing diamond", was Jordan Lee mit seinen Hörern anstellt. Dieser Seelenfänger und Beschwörer verschütteter Gefühle. Er wandelt mit seinen Songs auf einem kerzengeraden Kuschelkurs. In manchen Momenten ist er Sanatorium, in anderen tiefster Herzschmerz. Trotzdem rankt sich immer noch ein Geheimnis um diese Kunst, dass man seine Musik immer mit sich herumtragen muss, wie Peanut Linus seine Kuscheldecke. Eigentlich könnte diese Rezension hier schon zu Ende sein. Denn Lee hat es wieder getan. Und er wird auch diesmal keine Ruhe geben, bis wirklich jeder "Skip a sinking stone" wie jenen besagten Stein über seinen Seelensee flippen lässt, bis er unweigerlich darin versinkt.

"Golden wake" und "Advanced falconry" hatten vor Release des Vorgängers gute Vorarbeit geleistet, bis schließlich das bejubelte Debüt erschien. Bis der Zweitling dort ankommt, wo er hin will, dauert es etwa einen Hördurchgang länger. Aber wenn es soweit ist und die Streicher bei "Not for nothing" einsetzen und der pathetische Poet gegen das Lamento vom Ende einer großen Liebe ansingt, findet man sich im Handumdrehen in dieser seltsamen Stimmung wieder. Eine Stimmung, die sich kaum besser beschreiben lässt, als mit den letzten Zeilen dieses introspektiven Meisterwerks: "Know at times we lose our way / Moments closer every day / And just a little past the haze / It's not for nothing." Hach! Wie schön kann Trennung sein.

Erwachsener soll das neue Album klingen, heißt es. Wie jetzt?! Finanzielle Sicherheit? Häuschen, Kind und Garten? Kann nicht sein. Lee führt weiterhin sein Vagabundenleben. Die erste Hälfte von "Skip a sinking stone" ist auf den endlosen Roadtrips von Bühne zu Bühne entstanden. Philosophiert er nun über die Steuererklärung und rutschfeste Terrassenfliesen? Zum Glück nicht. In "Skipping stones" wird nach dem Intro "Madrugada" deutlich, dass seine Metaphern immer noch seiner zerklüfteten Psycho-Landschaft entspringen. Er erfindet Bilder, die das Unsagbare beschreiben sollen. Mal springt der Stein, mal geht er unter. Erwachsensein hat in Lees Kosmos eher etwas damit zu tun, dass er seinen Weg ungehindert fortsetzt. Mutual Benefit ist längst kein Projekt mehr, sondern für ihn das beste Handwerkszeug, sein Innerstes zu Kunst zu wandeln. Mit der ersten Singleauskopplung "Lost dreamers" setzt er dies mit einer Selbstverständlichkeit fort, die mit Überzeugung unterfüttert ist und ein klares Ziel vor Augen hat: weitermachen. Eine kurze Reminiszenz an "Advanced falconry" erscheint am Horizont und wieder verklärt Lee in drei Strophen die Realität zu einem Ort, an dem sich der Mensch viel zu leicht die wichtigen Dinge aus den Augen verliert: "Let's take the long way home / Let's throw away our phones / We can see stars from here / Why don't we go back anyway?"

Diesmal legen Mutual benefit dann noch eine Schippe drauf. Mit knapp 32 Minuten war "Love's crushing diamond" schon verdammt kurz. Jetzt gibt es immerhin knapp acht Minuten mehr, die sich auch lohnen. "City sirens" etwa ist eine zauberhaft schmerzvolle Elegie, die man sie entweder lieben oder wegen des triefenden Pathos verdammen muss. "Fire Escape" wagt da etwas mehr. Experimentell kommt das Thema des Stückes daher. Lee hat einen seltsamen Summ-Singsang zum Thema des Songs gemacht, der erst lange nach seiner Stimme verstummt. Vielleicht ein Blick in die Zukunft? Das wird sich zeigen. Solange kann man getrost mit der ausgewachsenen Gegenwart Vorlieb nehmen.

(Bastian Sünkel)

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Highlights

  • Skipping stones
  • Not for nothing
  • City sirens

Tracklist

  1. Madrugada
  2. Skipping stones
  3. Closer, still
  4. Lost dreamers
  5. Getting gone
  6. Not for nothing
  7. Nocturne
  8. Slow march
  9. Many returns
  10. City sirens
  11. Fire escape
  12. The hereafter

Gesamtspielzeit: 39:48 min.

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