Chance The Rapper - Coloring book

Chance The Rapper- Coloring book

Chance The Rapper
VÖ: 26.05.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Über den Rand

In gewisser Weise haben Mixtapes ihr eigenes Konzept mittlerweile überholt. Oder womöglich sogar das der herkömmlichen Albumveröffentlichung? Waren sie anfänglich – je nach Verständnis bereits in den Sechzigern, spätestens aber in den Achtzigern – noch größtenteils als Sample-Compilations zu verstehen, mit denen hauptsächlich HipHop-Künstler auf ihr Schaffen aufmerksam machen wollten, hat sich ihre Bedeutung in den letzten Jahren stark gewandelt. Mixtapes sind kostenlos, daher fällt der finanzielle Gewinn, den ein Studioalbum natürlich erzielen will, hier flach. Doch sie machen den jeweiligen Künstler bekannt, Mund-zu-Ohr-Propaganda quasi, jeder kann sie haben, jeder kann sie hören. Mixtapes sind für alle da.

Kein Wunder also, dass Chance The Rapper das Mixtape scheinbar als sein favorisiertes Medium auserkoren hat. Denn auch der 23-Jährige ist für alle da. Schon mit seinem Nebenprojekt Donnie Trumpet & The Social Experiment und deren fantastischen Debütwerk "Surf" markierte Chancelor Bennet erneut seinen Platz in der Rap-Welt, ohne ein typischer Rapper zu sein. Seine Mischung aus HipHop, Soul, Jazz, Weltmusik, Pop – you name it – weiß zu begeistern. 2012 veröffentlichte er sein erstes Mixtape "10 day", ein weiteres Jahr später ließ er "Acid rap" auf die Welt los und seine Hörer seitdem zappeln. Fans warten auf den ersten regulären Release dieses durch und durch unabhängigen Künstlers, der sich vom Kampf der Majorlabels um seine Person zwar geschmeichelt fühle, seine Unterschrift bisher aber jedem verweigert hat. Auch die erste Hälfte des Jahres 2016 wird ohne das erste Chance-The-Rapper-Album zu Ende gehen. Aber immerhin nicht ohne ein weiteres Mixtape.

Sein dritter Solo-Streich "Coloring book", das zunächst auf Apple Music veröffentlicht und dann doch für alle zugänglich gemacht wurde, vereint Chances längst bekannte Stärken und verfeinert sie sogar noch. Gemäß eines ordentlichen Malbuches sitzt hier jeder Pinselstrich, über den Rand malt der Gute dennoch und mit voller Absicht. Schon der von The Social Experiment produzierte Gospel-Opener "All we got", auf dem sein Idol Kanye West assistiert, schlägt die Brücke zwischen "Surf" und einer hoffnungsvollen Zukunft: "This is the beat that played under the word / This is the sheep that ain't like what it herd / This is officially first / This is the third", wortspielt Chance und gibt gleich die Erklärung für den Apple-Music-Stunt: Die Recording Academy prüft derzeit, ob zukünftig nicht nur verkaufte Tonträger für den Grammy nominiert werden können, sondern auch solche, die nur auf Streaming-Diensten gespielt werden. Chance The Rapper könnte mit "Coloring book" also Geschichte schreiben als erster Künstler, der den Musikpreis erhält, ohne auch nur eine einzige Platte verkauft zu haben.

Es ist nicht der einzige Aha-Moment: Vom vielseitig-verspielten "Same drugs" mitsamt seinen Chor-, Piano- und Streichereinlagen über den pompösen Gottesanbeter "How great" bis hin zum vertonten Fotoalbum "Summer friends", das sich an früheste Kindheitstage zurückerinnert und für mehr Frieden und Zusammenhalt plädiert, zeigt sich Chance The Rapper stets auf seinem höchsten Niveau. Der Vater eines kleinen Mädchens muss nicht auf dicke Hose machen, eine Freude zuzuhören ist es auch so, selbst wenn er sich durchaus an düstere Themen wagt. "Angels" ist eine gleichermaßen fröhliche wie nachdenklich anmutende Liebeserklärung an Chances Heimatstadt Chicago, an die Freunde an seiner Seite – vor allem aber auch an die, die nicht mehr da sind: "It's too many young angels on the Southside / Got us scared to let our grandmommas outside." Am besten sagt er es aber im versteckten Neo-Soul-Highlight "Blessings": "I don't make songs for free / I make 'em for freedom." Chance The Rapper braucht die Musik. Die Musik braucht Chance The Rapper. Mixtape hin, Album her: "Coloring book" ist eines der besten Rap-Releases des Jahres. Und wenn Kendrick Lamar der King ist, ist Chance der Kronprinz.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • All we got (feat. Kanye West & Chicago Children's Choir)
  • Summer friends (feat. Jeremih & Francis And The Lights)
  • Blessings
  • Same drugs
  • Angels (feat. Saba)

Tracklist

  1. All we got (feat. Kanye West & Chicago Children's Choir)
  2. No problem (feat. Lil Wayne & 2 Chainz)
  3. Summer friends (feat. Jeremih & Francis And The Lights)
  4. D.R.A.M. sings special
  5. Blessings
  6. Same drugs
  7. Mixtape (feat. Young Thug & Lil Yachty)
  8. Angels (feat. Saba)
  9. Juke jam (feat. Justin Bieber & Towkio)
  10. All night (feat. Knox Fortune)
  11. How great (feat. Jay Electronica & My Cousin Nicole)
  12. Smoke break (feat. Future)
  13. Finish line / Drown (feat. T-Pain, Kirk Franklin, Eryn Allen Kane & Noname)
  14. Blessings (Reprise) (feat. Ty Dolla $ign)

Gesamtspielzeit: 57:21 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 9980

Registriert seit 10.09.2013

2016-09-26 16:15:36 Uhr
Kann mittlerweile sagen, dass das mein liebster Hip Hop-Release dieses Jahres ist. Die positive Stimmung, die dieses Album erzeugt, ist unerreicht und der Gospel fügt sich genauso gut ein wie die Trap-Tracks. Leicht besser als Surf für mich und mindestens auf einer Stufe mit Acid Rap.

Armin

Postings: 12940

Registriert seit 08.01.2012

2016-06-15 21:49:01 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2016-05-18 09:20:47 Uhr
Ich fand "Acid Rap" auch besser, aber das Ding zeigt weiterhin, dass er einer der besten derzeit ist.

Mister X

Postings: 2176

Registriert seit 30.10.2013

2016-05-18 01:57:26 Uhr
alles was bei p4k nicht best new music bekommt, wird als schlecht angesehen !
aoty
2016-05-17 22:15:09 Uhr
hmmm. finde, dass es sein bisher stärkstes projekt ist. gibt mir zumindest nen ähnlich guten vibe wie damals die graduation von west. man bekommt schlagartig ne gute stimmung. und alleine blessings 2 ist doch besser als das ganze acid rap zusammen. der chor am ende oder das wunderschöne same drugs. hatnen ähnlichen gospel-anstrich wie die tlop, wirkt aber nicht so drucheinander und zerfahren. Schade auch, dass das recht starke grown ass kid mit mick jenkins nicht auf dem album gelandet ist.
die 9.1 von p4k ist sicherlich etwas hoch, aber rap-alben kommen da ja immer recht gut weg. sogar das furchbar miese views von drake is da noch mit ner guten 6.8 durchgeschrammt.
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