Alte Sau - To be as livin'

Alte Sau- To be as livin'

Major / Broken Silence
VÖ: 20.05.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Pathologischer Punk

Tobias Levin hält sich im Hintergrund. Dabei gilt er als Begründer der Hamburger Schule, an der ihn zuallerst das Wort "Hamburger" und dann gleich "Schule" am meisten stört. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, und die Produktion von Albumklassikern wie "Tocotronic", "Zweilicht", "Hurra! Hurra! So nicht." sowie "Libertatia" gehen auf sein Konto, nur um die bekanntesten zu nennen. Auch die Studioarbeit der letzten Jens-Rachut-Projekte hat Levin begleitet und saß zudem für das neue Alte-Sau-Album hinter dem Pult seines Electric-Avenue-Studios. Für die Band Grund genug, ihm ein gut verhülltes Denkmal zu setzen und ihr zweites Album lautmalerisch "To be as livin'" nach ihm zu benennen.

Im Vergleich zum Vorgänger gibt sich die Platte dabei ungewohnt konstant. Die Selbstbeschränkung, ohne Gitarren auszukommen, besteht noch immer, und genau so sind als Substitut vor allem zwei Orgeln eingespannt. Diese klotzen wieder mächtig ran und treiben das gesamte Album vor sich her. Dazu reiht Rachut textliche Versatzstücke aneinander, an deren Decodierung man sich erneut versuchen kann. Das erscheint schwieriger als auf "Alte Sau". Auffällig ist lediglich, dass sich insbesondere die erste Hälfte des Werkes anscheinend mit Vergänglichkeit und Tod befasst und Rachut immer wieder Geschwüre und Vergesslichkeit herbei rezitiert. Auseinandersetzung mit dem Altern? Vielleicht. Aber natürlich lassen sich pathologische Wucherungen und Demenz auch auf den Zustand unserer Gesellschaft übertragen: "Warum sie kaufen / Damit sie haben / Ohne Pause / Und dann zerlaufen / Metastasen." Dabei schwankt Rachuts Stimme zwischen wohlwissend altersweise und hysterisch und wird von himmelsschreiendem Chorgesang unterstützt. In "Sauna und Krieg" spürt man so auch die Hitze des Gefechts, während Alte Sau auf ihre Weise ein Kriegsszenario in die Alltagswelt einführen: "Und die Bomber warfen ab / Kein Kaffee, kein Ei, kein Toast."

Auch in Rachuts zuletzt produziertem Hörspiel "Herzinfarkt" inszenierte er bereits Organversagen als Verfallserscheinungen aller möglichen Systeme. Als stilistische Derivate davon erscheinen "Zackenbarsch" und "Die Raben" als partielle Spoken-Word-Performances. Ansonsten sind die Tracks der zweiten Albumhälfte einzig durch eine offenkundige Passion für Titel über alle Tiergruppen hinweg verbunden – und selbst "Leberwurst" war ja mal Tier. In "Die Raben" strahlt die Orgel fast schon erlösend, während sie ansonsten schwarzseherisch mit dem dynamischen Schlagzeugspiel um die Wette eifert. Im instrumentalen Zwischenspiel "Cha cha no" dürfen beide Parts ausgiebig ihre Kräfte messen und spornen sich so zu Höchstleistungen an. Ansonsten darf Schlagzeuger Raoul Doré vor allem in "Lass es im Nebel stehen" und "Maschinen" so richtig auf die Tube drücken. Trotzdem erscheint das Album etwas weniger druckvoll als sein Vorgänger, ein wenig kraftloser, was vielleicht dem vermeintlich übergeordneten Thema geschuldet ist. Da sich gleichzeitig auch der Zugang zu den Texten noch etwas diffiziler gestaltet, muss sich "To be as livin'" knapp hinter dem selbstbetitelten Debüt anstellen.

(Andreas Menzel)

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Highlights

  • Lass es im Nebel stehen
  • Sauna und Krieg
  • Die Raben

Tracklist

  1. Fehler im Gehirn
  2. Ohne Pause
  3. Lass es im Nebel stehen
  4. Kreis ist leer
  5. Sauna und Krieg
  6. Zackenbarsch
  7. Cha cha no
  8. Stier und Bär
  9. Leberwurst
  10. Maschinen
  11. Die Raben
  12. Drei Sorten Flöhe

Gesamtspielzeit: 37:20 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-06-15 21:48:01 Uhr
Frisch rezensiert.

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