Let's Eat Grandma - I, Gemini

Let's Eat Grandma- I, Gemini

Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 17.06.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Im Märchenwald

Was hat unsereins im Alter von 16 Jahren in der großzügig bemessenen Freizeit gemacht? Man ist mit seiner Fußballmannschaft über die windschiefen Dorfplätze des Allgäus getingelt, um sich haushohe Niederlagen einzufangen, ließ sich im Freibad die Sonne auf den Wanst scheinen und glotzte bei schlechtem Wetter MTV, um das neue Musikvideo von Puddle Of Mudd oder Incubus zu erhaschen. So wirklich aufregend war das im Rückblick eher nicht. Im Gegensatz zu "I, Gemini", dem betörenden Debüt von Rosa Walton und Jenny Hollingworth, beide noch junge 16 bzw. 17 Jahre alt und trotzdem schon mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Ihr Sound pendelt zwischen psychedelischem Folk und zartgliedrigem Gothic-Pop, der zwar ohne Kajal auskommt, aber trotzdem leichten Grusel verbreitet. Nennen wir es Märchenmusik und beginnen standesgemäß.

Es waren also einmal zwei blutjunge Mädels aus dem britischen Städtchen Norwich. Schwestern waren sie nicht, auch wenn sie aussahen wie Zwillinge und sich vermutlich auch so fühlten. Ihre Interessen entsprachen eher nicht den Vorlieben der gleichaltrigen Klassenkameradinnen: Hier ein bisschen Okkultismus, da ein bisschen Musikhistorie – für Jungs, Pferde und Schminke war da nicht mehr viel Platz. Alsbald gründeten sie ihre kleine Band, suchten sich einen humorvoll-quatschigen Namen und probierten sich an allerhand Instrumenten aus. Sie schrieben Texte, die auf dem manchmal so schmalen Grat zwischen Traum und Realität wandelten und dabei einen schwarzen Humor und eine Abgründigkeit offenbarten, die man freilich nicht erwartete. Im Hier und Jetzt veröffentlichen die beiden Damen mit "I, Gemini" ein Album, das von vorne bis hinten voller Ideen steckt. Eine Songsammlung, die förmlich aus allen Nähten zu platzen droht.

Der dunkel funkelnde Opener "Deep six textbook" startet mit verschwörerischen Handclaps, eine Orgel stößt hinzu, die beiden jungen, mitunter recht hohen Stimmen umranken das instrumentale Gerüst wie giftiger Efeu: Es entsteht eine bittersüße Melange aus purem Schönklang und schwarzer Magie, der man sich kaum entziehen kann. Und als wäre dieser Song nicht schon wahnsinnig genug, setzen Let's Eat Grandma noch einen drauf: "Eat shiitake mushrooms" orgelt zunächst wild los, erst flankiert von einem Glockenspiel, dann gejagt von einem zischenden Drumcomputer, bis sich die süße Melodie durch das Dickicht frisst und der Gesang einsetzt. Dass die beiden kurz darauf tatsächlich rappen, ist nur die Tollkirsche auf diesem seltsamen und doch wunderschönen Kuchen, von dem jeder Bissen bewusstseinserweiternd wirkt.

Let's Eat Grandma zeigen auch im weiteren Verlauf, wie vielfältig und entschlossen sie trotz ihres jungen Alters agieren: "Sax in the city" geht einen verhängnisvollen Flirt mit dem titelgebenden Instrument ein, "Chocolate sludge cake" flötet sich selbst ins kalorienreiche Delirium und das düstere Doppel aus "Rapunzel" und "Sleep song" sorgt für Gänsehaut. Mit dem zweiteiligen "Welcome to the treehouse" gelingt Walton und Hollingworth kurz vor Ende noch ein weiteres Mal der Spagat zwischen Kunstfertigkeit und Wahnwitz. Das abschließende "Uke 6 textbook" ist, Sie vermuten richtig, eine Ukulelen-Version des Openers und beendet als gelungene Koda dieses erstaunliche Erstlingswerk, bei dem man gewiss den Überblick und die Orientierung verlieren kann. Es sei denn, man hat Brotkrumen in den Jackentaschen.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Deep six textbook
  • Eat shiitake mushrooms
  • Welcome to the treehouse (Part II)
  • Uke 6 textbook

Tracklist

  1. Deep six textbook
  2. Eat shiitake mushrooms
  3. Sax in the city
  4. Chocolate sludge cake
  5. Chimpanzees in canopies
  6. Rapunzel
  7. Sleep song
  8. Welcome to the treehouse (Part I)
  9. Welcome to the treehouse (Part II)
  10. Uke 6 textbook

Gesamtspielzeit: 48:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Gebührenzahler
2016-08-27 10:44:36 Uhr
Melodien sind für Newbs, Pros setzen auf Drones.
Lena Meyer-Fingerhut
2016-08-27 03:36:17 Uhr
Eine von den Sängerinnen klingt wie "unsere" Lena. :D

Mr. Fritte

Postings: 127

Registriert seit 14.06.2013

2016-06-26 17:43:42 Uhr
Das Album ist richtig gut, sind eine ganze Menge tolle Melodien drauf. Wenn man die Stimmen mag, kann ich das nur empfehlen.
Lale nicht, wenn der Regen fällt
2016-06-11 21:19:48 Uhr
T.a.T.u

Stimmt, an die musst ich auch denken. Das lesbische, russische One-Hit-Wonder von umme Jahrtausendwende rum. *lal*

Achim

Postings: 4743

Registriert seit 13.06.2013

2016-06-11 16:50:56 Uhr
Kann doch echt nicht sein, dass Swans ausgerechnet gegen so einen Plastik den Kampf ums AdW verloren haben :D

Achim.
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