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Swans - The glowing man

Swans- The glowing man

Young God / Mute / GoodToGo
VÖ: 17.06.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kill the child

Zu viel Beständigkeit war noch nie Michael Giras Ding. Nicht nur, dass der Charakterkopf sich stets in zahlreiche Nebenprojekte wie World Of Skin oder The Body Lovers flüchtete, auch seine Hauptband Swans erfand sich während ihres ersten Bestehens von 1982 bis 1997 mehrfach neu. Von den rohen, gewaltsamen Anfangstagen über den Einzug von Folk-Elementen hin zu psychedelischem Postrock schlug Gira Haken, tauschte Personal aus und ließ die Musik dennoch immer einen hypnotisierenden Faktor behalten, ähnlich einer Séance. Umso überraschender, dass die Neuinkarnation seit 2010 nicht nur personell relativ stabil geblieben ist, sondern sich auf die Perfektionierung eines Sounds fokussiert hat – eine im Nachhinein überraschend schlüssige Konsequenz aus der Psychedelik von "The great annihilator" und der meisterhaften Collage "Soundtracks for the blind". Doch damit sei jetzt Schluss, so Gira: "The glowing man", das vierte Werk der aktuellen Reinkarnation, sei das letzte dieser Art.

Klar, dass die Erwartungen an den vorläufigen Schlussakt ins Immense stiegen. Ist eine weitere Steigerung gegenüber den Monolithen "The seer" und "To be kind" überhaupt möglich? Dazu hält sich "The glowing man" zunächst bedeckt. Zwar wird die abermals zweistündige Spielzeit mit noch weniger und noch längeren Tracks befüllt, in Sachen Dynamik und Explosivität geht das Album jedoch eher einen Schritt zurück. Und vor allem der Einstieg gibt Rätsel auf. Entsprechend ihren Titeln warten die Opener "Cloud of forgetting" und "Cloud of unknowing" mit Diffusität auf, Giras Vocals sind tranceartig langgezogen. Letzterer Song schafft in seinen 25 Minuten jedoch schließlich den Sprung in einen fantastischen Groove und zeigt, warum er auf der letzten Tour so passend mit dem mächtigen "The apostate" von "The seer" kombiniert wurde. In der Tat bekommen sogar die apokalyptischen Glocken erneut ihren Einsatz.

"The world looks red / The world looks black", auf dem Livealbum "The gate" noch als embryonales Demo "New rhythm thing" enthalten, reicht indes weiter zurück in die Vergangenheit: Es beinhaltet Lyrics, die Gira ursprünglich für Sonic Youth geschrieben hatte und die auf deren Debüt "Confusion is sex" zu finden sind. Spätestens hier fällt außerdem auf, dass "The glowing man" den vermehrten Einsatz von Background-Chören als distinguierendes Merkmal gegenüber seinen Vorgängern verbuchen kann. Die Songs erhalten dadurch einerseits eine äußerst erhebende sakrale Aura, auf der anderen Seite fehlen ausgleichende Gewaltausbrüche oder Kakophonien wie "93 Ave. B blues" oder "Oxygen", bei denen die Reißleine zum Verstand gekappt wird. "The glowing man" hat sich eindeutig mehr unter Kontrolle.

Was nicht heißt, dass die perfektionierte Repetition in einen verschlingenden Mahlstrom diesmal nicht stattfindet. Die besten Beispiele finden sich jedoch erst in Hälfte zwei, welche in ihrer Gänze einen atemberaubenden Lauf darstellt. "Frankie M.", das auf Tour noch als Opener fungierte, schmeißt sich hier stattdessen in Position, um die Sache auf ein noch höheres Level zu heben. Die Studioversion wurde gegenüber der Livefassung etwas gestrafft, doch es bleibt der grandiose, noisige Spannungsaufbau im Intro, das in einen scheinbar harmlosen, konventionellen Song mündet und sich schließlich mit sich wiederholenden Zeilen bis zur finalen Erschöpfung steigert. "When will I return?" wirkte als zurückhaltende Vorabsingle zwar irritierend, das für Giras Frau Jennifer geschriebene und von ihr selbst intonierte Stück ist jedoch im Anschluss perfekt als Ruhezone zwischen zwei massiven Brocken platziert.

Denn im 29-minütigen Titeltrack kulminiert – ungeachtet aller Verdienste der letzten Jahre – das Schaffen dieses Lineups. Die wahnwitzige Tour de Force ab der Mitte des Songs mit einem großartigen Einsatz von Background-Vocals entpuppt sich als der beste Teil dieses ohnehin großen Albums. "The glowing man" trägt deshalb in der Gesamtbetrachtung einen immensen, umfassenden Spannungsbogen mit sich, der die scheinbaren Schwammigkeiten am Eingang rechtfertigt. Wenn die Coda "Finally, peace." mit versöhnlichem Folk-Chor im Geiste der sanfteren Bandphase à la "Love of life" den Hörer aus seinen Fängen entlässt, sind drei Dinge klar. Zum ersten, dass für ein so vielseitiges Projekt nach extensiver Ausreizung eines Sounds nun tatsächlich Zeit für Veränderung sein könnte. Zum zweiten, dass Gira angesichts der anstehenden finalen Tour noch nicht vom Erwartungsdruck befreit ist. Und schließlich, dass "The glowing man" zwar gegenüber "The seer" und "To be kind" leicht den Kürzeren zieht, aber dennoch einen würdigen, gigantischen Abschluss dieser fantastischen Bandphase bietet.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Frankie M.
  • The glowing man

Tracklist

  • CD 1
    1. Cloud of forgetting
    2. Cloud of unknowing
    3. The world looks red / The world looks black
    4. People like us
  • CD 2
    1. Frankie M.
    2. When will I return?
    3. The glowing man
    4. Finally, peace.

Gesamtspielzeit: 118:26 min.

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User Beitrag

nörtz

User und News-Scout

Postings: 13887

Registriert seit 13.06.2013

2023-06-10 13:35:14 Uhr
Die Cloud of Forgetting liebe ich aber!

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 9373

Registriert seit 26.02.2016

2023-06-10 12:59:30 Uhr
Höre mich anlässlich der neuen Platte noch mal etwas quer durch.
"The Glowing Man" kommt ab der zweiten Hälfte von "The World Looks Red / The World Looks Black" so richtig in Fahrt, hält bis zum Ende locker mit "To Be Kind" Schritt. Speziell der Titeltrack ist immer noch ein Karrierehighlight.
Nur davor, vor allem die "Cloud"-Tracks, das ist für mich immer noch eher eine Exposition zur eigentlichen Platte, die mit rund 40 Minuten einfach zu lang ist. Macht trotzdem immens Laune, nur klar hinter beiden Vorgängern. Für mich aber gleichauf mit der generell etwas unterbewerteten "Leaving Meaning".

Mayakhedive

Postings: 2515

Registriert seit 16.08.2017

2019-12-13 13:54:55 Uhr
Das Titelstück ist so eine verdammte Monstrosität und "Finally Peace" könnte sowohl vom Titel als auch vom Sequencing kaum passender sein.
Dass ich diese Inkarnation nie live gesehen habe, werde ich noch auf dem Sterbebett bitterlichst bereuen.
Diese Wucht, diese Energie und Intensität...

Ich beuge mein Haupt vor Michael Gira und den Musikern, die er um sich schart.

boneless

Postings: 5320

Registriert seit 13.05.2014

2017-03-09 19:57:56 Uhr
Besser kann mans kaum sagen:

I really like this band, they are almost as good as Coldplay

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 31772

Registriert seit 07.06.2013

2017-03-09 17:31:53 Uhr
@boneless:
Schön geschrieben!
Mir gefällt zwar auch von der Trilogy "The seer" am meisten. Vielleicht bekommt es dich ja noch.
Da fällt mir ein, da ich gerade "The Stand" von Stephen King lese, sollte ich es mal damit probieren. Sucche die ganze Zeit apokalyptische Alben.
Zum kompletten Thread

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