Holy Fuck - Congrats

Holy Fuck- Congrats

Innovative Leisure / Rough Trade
VÖ: 27.05.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Au Backe, Hörnchen

Kann man so machen: die Platten der grenzdebilen Backenhörnchen-Fantasiegruppe Alvin And The Chipmunks so weit verlangsamen, bis die ursprünglich penetrant quietschig gecoverten Pop-Hits nachgerade gespenstische Dimensionen annehmen. Nur: Wer kommt auf so etwas? An dieser Stelle bitte ein "Hier!" von Holy Fucks Brian Borcherdt dazudenken. Als der nämlich eines tragbaren Plattenspielers mit niedrigstmöglicher Umdrehungszahl habhaft wurde, machte er sich gleich ans Werk, nannte das Ganze Chipmunkson16speed – und plötzlich wurde Kim Carnes' "Bette Davis' eyes" zum Witch-House-Schlürfer oder "My Sharona" zum verschleppten Depro-Black-Metal. Alles, was ihm vorschwebe, so Borcherdt schulterzuckend, könne er im Rahmen seiner Hauptband eben auch nicht verwirklichen.

Was einiges heißen will, denn schon auf den ersten drei Alben der Kanadier war eine Menge los: Bei aufgerautem Dance-Punk aus der eiernden Zentrifuge, rabiat dazwischenhauender Industrial-Rüttelei und mehreren Tonnen morphenden Tribal-Percussions, die Holy Fuck in einem Sud aus Kraut-Electronics versenkten, war der Ausruf im Bandnamen des Öfteren vorprogrammiert. Schlanke sechs Jahre nach "Latin" ist es nun wieder so weit – und schon die Vorabsingle "Tom tom" taugt allenfalls bedingt als zielsicheres Navigationsgerät: Giftig crunchende Synthie-Bässe werden ruppig, verzerrte Vocals verschaffen sich quengelig Gehör, die Gitarre besäuft sich an verstrahlter Fuzz-Brause. Hauptsache vorwärts – fertig ist der Elektrochemie-Crashkurs für den Fall, dass sich die Ereignisse im Club mal wieder überschlagen.

Nicht der einzige Monster-Groover dieses Albums. Auch "Xed eyes" rollt mit einem ganzen Hummelnest im Hintern über die Tanzfläche wie ein aufgekratzter Fuck-Buttons-Track nach großzügiger Disco-Injektion, während "Neon dad" auf kunterbunter Pappe daherwankt, hier versonnen den digitalen Dream-Pop von Maps grüßt und dort angetüterte Psychedelia-Riffs einsammelt, die Foxygen bei ihrem letzten Erdabstecher "...and star power" im Galopp verloren haben könnten. Doch auch der spröde Lo-Fi-Folk von Borcherdts Nebenprojekt Dusted hat seine Spuren hinterlassen – ebenso wie kosmisches Kraftwerk-Geblubber, das sich bei "Sabbatics" zu schroffen Trap-Beats mit einem Knall gehackt legt. Da kommen sogar die Roboter ins Stolpern und verlieren ein paar schmutzige Wörter.

Gut also, dass "Congrats" gegen Ende hin noch einmal richtig aufdreht: "Acidic" mag ursprünglich ein locker durch die Hose atmender Ragga-Klopfer gewesen sein, wächst sich aber schon nach kürzerster Zeit zum infektiös übersteuerten Elektro-Boogie aus, bei dem sich offenbar Giorgio Moroder in der Studiotür geirrt hat und netterweise gleich noch die überhitzte Durchlauf-Sequenz von "Crapture" dalässt. Natürlich eine frei erfundene Behauptung – solche Dinge erledigen Borcherdt und Kollegen schließlich von jeher auf eigene Faust. Und auch Tierfreunde müssen sich trotz der Vielzahl durch die Effektmangel gedrehten Stimmfetzen keine Sorgen machen: Gehen wir einfach davon aus, dass bei den Aufnahmen zu diesem Album keine Backenhörnchen zu Schaden kamen. Was hier die ganze Zeit so quietscht? Das müssen wohl die freudig erregten Hörer sein.

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Tom tom
  • Xed eyes
  • Neon dad
  • Acidic

Tracklist

  1. Chimes broken
  2. Tom tom
  3. Shivering
  4. Xed eyes
  5. Neon dad
  6. House of glass
  7. Sabbatics
  8. Shimmering
  9. Acidic
  10. Crapture

Gesamtspielzeit: 37:06 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 11863

Registriert seit 07.06.2013

2016-06-11 13:16:49 Uhr
Fängt recht zahm an, aber so ab "Xed eyes" find ich es ziemlich gut.

Armin

Postings: 13635

Registriert seit 08.01.2012

2016-06-08 21:53:10 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 13635

Registriert seit 08.01.2012

2016-03-10 20:28:08 Uhr
Holy Fuck
'Congrats'
VÖ: 27. Mai | Innovative Leisure

Mit dem neuen Album 'Congrats' der Band Holy Fuck dürfen wir euch ein weiteres, spannendes Klangwerk ankündigen. Es erscheint am 27. Mai via Innovative Leisure. Natürlich gibt es auch schon eine erste Hörprobe - den Song 'Tom Tom' könnt ihr euch hier anhören:

https://soundcloud.com/holyfuck/02-tom-tom-1

Holy Fuck machten bereits 2005 mit ihrem selbstbetitelten Debüt auf sich aufmerksam, 2010 folgte 'Latin', welches sie auf Tour aufgenommen haben. Die Musik lässt sich in kein textliches Gewand kleiden: stellt euch die von Fela Kuti neu inspirierten Einstürzenden Neubauten vor, mit Brian Eno am Pult, auf dem alle Regler auf Maximum gestellt sind. Gründer und 'Krachmeister' Brian Borcherdt über das neue Album: "When you're sitting still in a van and staring out the windows, you start to dream about all the other things you want to do. This album is exactly what we couldn't do then."

The MACHINA of God

Postings: 11863

Registriert seit 07.06.2013

2016-02-18 17:20:44 Uhr
Neues Album. Song "Tom tom" hier:
https://soundcloud.com/holyfuck/sets/tom-tom-holy-fuck
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum