Various Artists - Red Hot Organization - Day of the dead

Various Artists- Red Hot Organization - Day of the dead

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 20.05.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Dankbar leben

"I mean, whatever kills you kills you. And your death is authentic, no matter how you die."

Der Mann, der diese Zeilen aussprach, ist gestorben. Aber tot, das ist Jerry Garcia irgendwie dann doch nicht. Zwar gab sein Körper nach einem Leben voller wilder Drogenexzesse, Gewichtsprobleme und damit einhergehender Krankheitsgeschichten den Kampf auf, als Garcias großes Herz am 9. August 1995 im Zimmer einer Suchtklinik versagte. Aber für seine Fans lebt der Kalifornier weiter. Als Kopf, Stimme und Gesicht von The Grateful Dead durfte sich Garcia nicht nur zu Lebzeiten an einer der größten Anhängerschaften erfreuen, die die Musikwelt je gesehen hat. Garcia ist Kult. The Grateful Dead sind Kult.

Und so unvergessen der Sänger wohl immer bleiben wird, so hartnäckig hält sich auch nach wie vor der Kampf gegen das HI-Virus und AIDS. Seit jeher mit dummen, ignoranten Vorurteilen behaftet, scheint es keinen Halt für die immer wieder aufsteigende Zahl an Neuerkrankungen zu geben. Insbesondere junge Menschen unterschätzen die Gefahren oftmals, oder es mangelt an der richtigen Aufklärung: AIDS ist keine Krankheit, die nur Homosexuelle, Prostituierte oder Drogensüchtige gefährdet. AIDS ist keine Krankheit, die nur auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet. AIDS ist keine Krankheit, die man heilen kann. AIDS ist soweit, immer startklar, immer bereit für jeden. Und die Red Hot Organization arbeitet bereits seit 1990 daran, diese Kunde zu verbreiten.

Als Teil ihrer Mission veröffentlicht sie daher in regelmäßigen Abständen mal mehr, mal weniger üppige Compilations, auf der sich verschiedene Künstler versammeln und für den guten Zweck singen. Die Erlöse gehen zu 100 Prozent der Organisation zu, die dem HI-Virus den Kampf angesagt hat. Nach den hervorragenden letzten Songsammlungen wie "Dark was the night" von 2009 und der 2014 veröffentlichten, nicht minder guten, aber vergleichsweise etwas untergegangenen "Master mix: Red Hot + Arthur Russell" vereint sich nun auf "Day of the dead" erneut das Who-is-Who der Indie-Welt, um Geld zu sammeln – und gute Musik unter die Leute zu bringen. Zwei Fliegen mit einer Klappe? Auf jeden Fall.

"Live life expecting the worst, hoping for the best and living for the future."

Und "Day of the dead" hat es in sich. Kuratiert und zusammengestellt von den Dessner-Zwillingen Bryce und Aaron, die sonst hauptsächlich bei The National musizieren und seit Teenager-Tagen große Garcia-Fans sind, bietet es ein Aufgebot von über 60 Künstlern und gut fünfeinhalb Stunden Spielzeit, aufgeteilt auf fünf CDs. Vier Jahre haben die Dessners gebraucht, um alle Musiker im Studio zu versammeln. Die meisten der hier gecoverten Stücke stammen aus dem Œuvre von The Grateful Dead, aber auch Garcias Solowerk wird Tribut gezollt, gleich zu Anfang etwa, wenn sich Phosphorescent in Kooperation mit Jenny Lewis & Friends an seinem Klassiker "Sugaree" versuchen. Oder kurz darauf mit der fantastisch-melancholischen Version von "To lay me down", in der Perfume Genius und Sharon Van Etten ihre jeweiligen Stärken vereinen.

Aber natürlich bleibt das Hauptaugenmerk auf den Stücken von The Grateful Dead. Es ist durchaus spannend zu hören, wie es etwa The War On Drugs im Opener "Touch of grey" schaffen, ihre eigene Note zu hinterlassen, ohne das Original komplett zu ignorieren, während sich deren Ex-Kollege Kurt Vile in "Box of rain" verliert und den Hörer einfach mit sich zieht. Oder wie sich Bruce Hornsby gemeinsam mit dem Bon-Iver-Ableger DeYarmond Edison das ohnehin schon epische "Black muddy river" vorknöpft und noch gewaltiger erscheinen lässt. Den umgekehrten Weg schlagen The National in "Peggy-O" ein, das sie deutlich brodelnder vortragen, als es in seinen Live-Darbietungen von The Grateful Dead je gewesen ist. An anderer Stelle galoppieren The Walkmen gekonnt durch den Country-Folk von "Ripple", schmachtet die französische New-Wave-Sängerin Mina Tindle sehnsüchtig in "Rosemary" und verzieht sich Angel Olsen in eine stille Ecke, um mit "Attics of my life" zu Tränen zu rühren.

Zugegeben, fünfeinhalb Stunden sind eine wahre Wucht. Man sollte sich die Zeit aber nehmen. Sonst würde man womöglich verpassen, wie gut die kanadischen Hardcore-Helden von Fucked Up zum Rest passen, was sie mit dem für ihre Verhältnisse recht harmlosen "Cream puff war" beweisen. Oder dass sich The Flaming Lips offensichtlich schon immer von Garcia & Co. inspirieren ließen, worauf "Dark star" schließen lässt. Und welch glückliches Händchen die Dessners bei der Auswahl hatten: The Tallest Man On Earth hat hier ebenso seine Daseinsberechtigung wie Real Estate, wie die stets verstrahlten Unknown Mortal Orchestra, wie Yo La Tengos Ira Kaplan, wie TV On The Radios Tunde Adebimpe oder wie die Instrumental-Stücke von Stargaze und Bryce Dessner höchstpersönlich. Und wie die vielen anderen Künstler, die "Day of the dead" zu einer der spannendsten Compilations überhaupt machen. Da verdoppelt, verdreifacht, ja, vervielfacht sich der gute Zweck glatt. Und das hätte Jerry Garcia ohne Zweifel am meisten gefreut.

"Once in a while, you get shown a light, in the strangest of places if you look at it right."

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Touch of grey (The War On Drugs)
  • Black muddy river (Bruce Hornsby and DeYarmond Edison)
  • To lay me down (Perfume Genius, Sharon Van Etten & Friends)
  • Box of rain (Kurt Vile & The Violators feat. J Mascis)
  • Rubin and Cherise (Bonnie 'Prince' Billy & Friends)
  • Playing in the band (Tunde Adebimpe, Lee Ranaldo & Friends)
  • Peggy-O (The National)
  • Terrapin station (Suite) (Daniel Rossen, Christopher Bear and The National feat. Josh Kaufman, Conrad Doucette, So Percussion and Brooklyn Youth Chorus)
  • Wharf rat (Ira Kaplan & Friends)
  • Dark star (The Flaming Lips)
  • Shakedown Street (Unknown Mortal Orchestra)
  • If I had the world to give (Bonnie 'Prince' Billy)
  • Ship of fools (The Tallest Man On Earth)
  • Here comes sunshine (Real Estate)
  • Attics of my life (Angel Olsen)

Tracklist

  • CD 1
    1. Touch of grey (The War On Drugs)
    2. Sugaree (Phosphorescent, Jenny Lewis & Friends)
    3. Candyman (Jim James & Friends)
    4. Dire wolf (The Lone Bellow & Friends)
    5. New speedway boogie (Courtney Barnett)
    6. Friend of the devil (Mumford & Sons)
    7. Black muddy river (Bruce Hornsby and DeYarmond Edison)
    8. Morning dew (The National)
    9. Black Peter (Anohni and yMusic)
    10. Loser (Ed Droste, Binki Shapiro & Friends)
    11. To lay me down (Perfume Genius, Sharon Van Etten & Friends)
  • CD 2
    1. Box of rain (Kurt Vile & The Violators feat. J Mascis)
    2. Rubin and Cherise (Bonnie 'Prince' Billy & Friends)
    3. Me and my uncle (The Lone Bellow & Friends)
    4. Cassidy (Moses Sumney, Jenny Lewis & Friends)
    5. Uncle John's band (Lucius)
    6. Mountains of the moon (Lee Ranaldo, Lisa Hannigan & Friends)
    7. Dark star (Cass McCombs, Joe Russo & Friends)
    8. Nightfall of diamonds (Nightfall Of Diamonds)
    9. Transitive refraction axis for John Oswald (Tim Hecker)
    10. Playing in the band (Tunde Adebimpe, Lee Ranaldo & Friends)
    11. Brokedown palace (Richard Reed Parry with Caroline Shaw and Little Scream feat. Garth Hudson)
  • CD 3
    1. Peggy-O (The National)
    2. Garcia counterpoint (Bryce Dessner)
    3. Terrapin station (Suite) (Daniel Rossen, Christopher Bear and The National feat. Josh Kaufman, Conrad Doucette, So Percussion and Brooklyn Youth Chorus)
    4. Clementine jam (Orchestra Baobab)
    5. China cat sunflower -> I know you rider (Stephen Malkmus And The Jicks)
    6. Jack-a-roe (This Is The Kit)
    7. Easy wind (Bill Callahan)
    8. Wharf rat (Ira Kaplan & Friends)
    9. Going down the road feelin' bad (Lucinda Williams & Friends)
    10. And we bid you goodnight (Sam Amidon)
  • CD 4
    1. Ripple (The Walkmen)
    2. Truckin' (Marijuana Deathsquads)
    3. Dark star (The Flaming Lips)
    4. Stella blue (Local Natives)
    5. Shakedown Street (Unknown Mortal Orchestra)
    6. Franklin's tower (Orchestra Baobab)
    7. Eyes of the world (Tal National)
    8. Help on the way (Bela Fleck)
    9. Estimated prophet (The Rileys)
    10. What's become of the baby (Stargaze)
    11. King Solomon's marbles (Vijay Iyer)
    12. If I had the world to give (Bonnie 'Prince' Billy)
  • CD 5
    1. Standing on the moon (Phosphorescent & Friends)
    2. Ship of fools (The Tallest Man On Earth & Friends)
    3. Bird song (Bonnie 'Prince' Billy & Friends)
    4. Brown-eyed women (Hiss Golden Messenger)
    5. Here comes sunshine (Real Estate)
    6. Cumberland blues (Charles Bradley and Menahan Street Band)
    7. Drums -> Space (Man Forever, So Percussion and Oneida)
    8. Cream puff war (Fucked Up)
    9. Rosemary (Mina Tindle & Friends)
    10. High time (Daniel Rossen and Christopher Bear)
    11. Till the morning comes (Luluc with Xylouris White)
    12. Althea (Winston Marshall, Kodiak Blue and Shura)
    13. Attics of my life (Angel Olsen)
    14. St. Stephen (live) (Wilco with Bob Weir)
    15. I know you rider (live) (The National with Bob Weir)

Gesamtspielzeit: 327:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

musie

Postings: 2378

Registriert seit 14.06.2013

2016-05-27 16:25:40 Uhr
Box of Rain ist super

wirklich viele Perlen hier drauf. man muss sie nur finden...

musie

Postings: 2378

Registriert seit 14.06.2013

2016-05-25 08:22:13 Uhr
Hab mich da auch durchgehört und bin ziemlich begeistert. Die Highlights sehe ich sehr ähnlich wie hier in der Rezi, DAS Highlight ist für mich The War on Drugs, aber auch sonst hats massig spannende Lieder. Die Originale kenne ich kaum. Bei meinen Highlights wäre noch Bela Fleck dabei und der Beitrag von Mumford & Sons gefällt mir überraschend gut. 8/10 passt schon, und das ist eine Leistung bei so vielen Songs..

Armin

Postings: 14277

Registriert seit 08.01.2012

2016-05-24 22:32:35 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Quirm

Postings: 261

Registriert seit 14.06.2013

2016-04-11 19:24:07 Uhr
Hier ist der nächste Song:
Daniel Rossen, Christopher Bear & The National - "Terrapin Station (Suite)"

https://www.youtube.com/watch?v=qPdoWp-PHFU&pxtry=1

(Hab ich jetzt nur auf YouTube gefunden)

The Grateful Dead ist ja zu der Zeit, als ich sehr viel 70er-Jahre Zeugs gehört hab, völlig an mir vorbei gegangen. Die Songs hier auf der "Compilation" gefallen mir aber alle sehr gut. Vielleicht sollte ich mal ein Grateful Dead-Album antesten. Nur welches, bei der Auswahl.^^

Biene Maja Angelou

Postings: 17

Registriert seit 22.03.2016

2016-03-24 22:10:57 Uhr
an dieser compilation wird deutlich, wie blutleer die derzeitige indie-szene doch ist. da hör ich lieber die originale.
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