Esperanza Spalding - Emily's d+evolution

Esperanza Spalding- Emily's d+evolution

Concord / Universal
VÖ: 04.03.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Funk forever

Manchmal passieren bei Musikpreisverleihungen auch gute Dinge. Am besten sind sie sowieso meistens dann, wenn jegliche Erwartungen über Bord geworfen werden und ein Überraschungsmoment die Zeit für ein paar Sekunden anzuhalten scheint – Sekunden, die man braucht, um zu begreifen, was gerade passiert. Auch bei der Grammy-Verleihung 2011 stand die Zeit kurz still. Der Preis für den besten Newcomer ging, trotz großer Konkurrenz, an eine junge Frau, von der bis dato kaum jemand in Mainstream-Kreisen gehört hatte. Und nicht nur steckte Esperanza Spalding populäre Kollegen wie Drake, Florence & The Machine und Mumford & Sons in die Tasche – sie fuhr mal eben auch noch einen Bieber über den Haufen. Justin Bieber, um genauer zu sein. Und wurde daraufhin von dessen Fans im Internet mit Lob überschüttet. Lob, das die Beliebers äußerst eindrucksvoll in Hass-Postings und Morddrohungen versteckten. Nun ja.

Von der geistigen Umnachtung einiger des Denkens offenbar nicht mächtigen Teenager mal abgesehen, konnte sich die damals 26-Jährige Spalding vor Lorbeeren kaum noch retten. Immerhin gewann erstmals eine Jazzsängerin in der besagten Kategorie. Ein Aufschwung für das Genre? Vielleicht. Zumindest versuchten sich seitdem vor allem HipHop-Größen wie etwa Kendrick Lamar am als verkopft geltenden Jazz. Und Spalding? Die zog weiter ihr Ding durch, nur um schließlich, fünf Jahre später, eine fast vollständige Abkehr von ihrem bisherigen Schaffen zu vollbringen. Denn Spaldings fünftes Album "Emily's d+evolution" könnte sich kaum noch mehr von seinen Vorgängern unterscheiden. Auf ihrem neuen Werk, das sie gemeinsam mit Bowie-Spezi Tony Visconti produziert hat, entdeckt die mittlerweile 31-Jährige den Funk für sich – und macht damit eine eindeutig bessere, weil glaubhaftere Figur als der dieser Tage auftretende Grunge-Bieber.

Der Hass, der ihr nach dem Grammy-Gewinn entgegenschlug, und auch die damit verbundenen Erwartungen, die an die ins kalte Wasser geschmissene Spalding geknüpft wurden, sind auch der Grund für ihre kontrastreiche Veränderung. Sie habe keine Lust, das Produkt von Männern in Anzügen zu sein. Daher macht Esperanza Spalding aus sich selbst Emily, nach ihrem Mittelnamen, wie sie in ihrer Kindheit auch genannt wurde. Und Emily macht eben, was sie will. Emily rockt sich etwa durch den krachig-aufrührerischen Opener "Good lava". Emily groovt sich auch durch den breitbeinigen Prince-Verschnitt von "Funk the fear". Und Emily säuselt, sehnt und singt sich durch den zähen, intensiven Art-Rock von "Rest in pleasure", das eine Achterbahnfahrt für die meisten Stimmbänder wäre, aber nicht für ihre eigenen. Und wenn die Melodie nach gut zweieinhalb Minuten plötzlich abhebt, erfährt man als Hörer, dass Emily auch gern fliegt. Hoch. Und schnell.

Am Ende kommt sie wieder auf den Boden zurück. Die Nacht in der Funk-Rock-Oper ist noch nicht vorbei: Mit dem barstuhlhockenden Psychedelic-Blues "Unconditional love" gibt es eine kurze Verschnaufpause, die dann doch wieder atemlos macht. Sprachlos hingegen ist man nach dem vollkommen unerwartet in Herz und Hirn einschlagenden "One", einer gospelartigen Mischung aus Minnie Riperton und Joni Mitchell, das die perfekte Liebe beschreibt: "The one so strong / It stops the world and my heart's spinning / One to prove what I've always known / But couldn't meet." Mit dem einzigen Cover auf "Emily's d+evolution", dem abschließenden "I want it now" aus dem Gene-Wilder-Klassiker "Charlie und die Schokoladenfabrik", macht Emily dann ein letztes Mal ihren Standpunkt deutlich. Männer in Anzügen sollten ihr besser nicht sagen, was sie zu tun hat – nicht mal, nachdem sie ihr einen Preis überreicht haben: "And if I don't get the things that I'm after / I'm going to scream / I want the works / I want the whole works / Give it to me / Now." Na los!

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Good lava
  • One
  • Rest in pleasure
  • Funk the fear

Tracklist

  1. Good lava
  2. Unconditional love
  3. Judas
  4. Earth to Heaven
  5. One
  6. Rest in pleasure
  7. Ebony and Ivy
  8. Noble nobles
  9. Farewell Dolly
  10. Elevate or operate
  11. Funk the fear
  12. I want it now

Gesamtspielzeit: 45:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
ohweh
2016-05-24 16:43:00 Uhr
Was ein unwürdiger Text.
Spaltung ist ja nun wirklich kein Newcomer mehr. Und dann sowas.

Diese krampfhafte Suche nach Stories als Ersatz für musikhistorische Kompetenz ist doch Mist.
Stammleser
2016-05-20 15:32:54 Uhr
Vielleicht hast Du recht.
Allerdings stört mich eine gute Rezension für Mittelmaß (...) erst mal weniger als offen zur Schau gestellte Ignoranz.
Schlussfolgerung:
"Writing About Music is Like Dancing About Architecture"

Was mir auch zu Denken gibt:
Offenbar ist es wichtiger große Acts zu zerreißen (auch wenn es oft lustig war...),
als sich auf der riesigen Menge neuer *hörenswerter* Musik zu konzentrieren.
Da sind wohl kommerzielle Interessen wichtiger: Große Namen - hoher Traffic.
Bekehren wird das natürlich niemanden.

Picard2

Postings: 47

Registriert seit 12.05.2016

2016-05-20 09:26:43 Uhr
Hallo es ist Plattentests, was erwartest Du? Hier haben Reamonn eine 9 (!) bekommen...
Stammleser
2016-05-20 08:17:18 Uhr
Naja. Von vier Absätzen beschäftigen sich gefühlt zwei mit dem Album. Dies deutet von einer umfassenden
Beschäftigung mit dem Album selbst. Ebenso die 7/10. Schade, Zeit genug wäre ja gewesen.
Aber besser spät und oberflächlich
("entdeckt die mittlerweile 31-Jährige den Funk für sich – und macht damit eine eindeutig bessere, weil glaubhaftere Figur als der dieser Tage auftretende Grunge-Bieber." ERNSTHAFT??)
als nie.
Und immerhin wesentlich fundierter als die dümmliche Kritik zu "Radio music society" von
Björn Bischoff ("Lieber Jazz...").

Armin

Postings: 13831

Registriert seit 08.01.2012

2016-05-18 21:55:19 Uhr
Frisch rezensiert.

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