Gregory Porter - Take me to the alley

Gregory Porter- Take me to the alley

Blue Note / Universal
VÖ: 06.05.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Seid süß!

Aufatmen in Cafés, die Selbstgebackenes servieren zu bolivianisch-italienisch-philippinischen Kaffeevariationen und eigentlich lieber Nachmittags-Lounge wären: Ihre musikalische Beschallung ist gerettet, Gregory Porter hat ein neues Album. Der derzeit wohl massenkompatibelste Künstler, der "irgendwas mit Jazz" macht, klingt auf "Take me to the alley" wieder so, als würde er auch Panzerfäuste erst einmal mit Weichspüler bei 60 Grad reinigen und dann mit Samt bügeln. "Irgendwas mit Jazz" ist das "Irgendwas mit Medien" der Musik. Unter der Ballonmütze und dem kopfumschlingenden Schal steckt zweifelsohne ein Jazz-Sänger, seine Kompositionen – erneut entstanden mit Produzent Kamau Kenyatta – aber enthalten auch Elemente des Blues und Gospel und eine Wagenladung Soul – was sich wiederum rückkoppelt in Porters Stimme.

Als sein Debütalbum 2011 erschien, war der in Brooklyn wohnhafte Porter bereits 40 Jahre alt. Dies kommt seinem gesettelten, reflektierten Auftreten in den Songs, in Interviews, bei Auftritten durchaus entgegen. Schockschwerenot, vielleicht ist der Mann genau so entspannt, wie es das Cover suggeriert! Falls Hanna-Barbera noch einmal einen schwarzen Jogi-Bär erfinden müsste, gelänge diese mit der Animation Porters zielbringend: ein angenehmer Geist mit einer noch viel angenehmeren Stimme. Diese erzählt, stets persönlich gefärbt, von der Liebe, dem Glauben, dem Heranwachsen seines Sohnes, seiner Mutter und von Rassendiskriminierung. Im Interview mit Galore sagte er: "Es geht mir um den Rassismus in den Herzen." Nicht der Rassismus, der entwächst aus Unwissenheit, Uninformiertheit oder gar Dummheit, sondern der tiefverankert seinen Weg über die Galle nach Außen sucht.

Porter, beleibter Beinah-Profi-Footballer und auch kein Zwerg, könnte dabei bedrohlich wirken, aufrührerisch. Aber er ruft im Aufbegehren lieber zu gemeinschaftlicher Stärke auf. "Break a window and let the sun in / Break the silence it's not a sin / Stand upon your seat with your dirty feet / Put your fist in the air / Be sweet." Es ist einer der wenigen Momente auf "Take me to the alley", in denen auch das musikalische Arrangement seine bestens eingerichtete Komfortzone verlässt, etwas hektischer wird und eher Anschluss sucht bei Donny Hathaway oder Curtis Mayfield. "Be sweet" betont der 44-Jährige immer wieder. Porter ist eher Schlichter und Denkanstoßer denn Rebell. Aber es steht ihm extrem gut zu Gesicht, sich nicht ausschließlich in die Silben zu legen, sondern, wie im Schlusstrack, die Worte einfach sprudeln zu lassen. "We feel the same human feelings, with different words we say / We are a fruit from the same tree I think you know just what I mean."

Auf der inhaltlichen, der beobachtenden Ebene offenbart sich keine neue Seite des Amerikaners. Musikalisch hingegen schon. "Take me to the alley" verzettelt sich weniger als sein – immer noch guter – Grammy-dekorierter Vorgänger "Liquid spirit", die Soli von Trompete in "In heaven" oder an anderer Stelle Alt- bzw. Tenorsaxophon sind wohl dosiert. Und Porter erhält vokalische Unterstützung: In drei Stücken assistiert ihm Alicia Olatuja, was themenunabhängig sehr gut funktioniert. Im Titeltrack lenken beide gemeinsam den Blick auf die Leidenden und Einsamen und fallen in "Don't be a fool" in die "open arms of love". Im letztgenanntem Song spielt auch Ondrej Pivec auf, der ebenfalls neu dabei ist. Dem Tschechen an der Hammond-Orgel gelingt ein wunderbares Zusammenspiel mit Chip Crawfords Piano im angebluesten "Don't lose your steam" und auf reduzierter Basis in "Consequence of love". Solche Details gehen beim Rühren im Café-Kaffee natürlich unter. Also: Platte besser mit nach Hause nehmen. Und spätestens bei Porters Summen in "More than a woman" ein Bad heiße Butter einlassen. Seid süß, seid herzhaft.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Don't lose your steam
  • Take me to the alley
  • Consequence of love
  • Fan the flames

Tracklist

  1. Holding on
  2. Don't lose your steam
  3. Take me to the alley
  4. Daydream
  5. Consequence of love
  6. In fashion
  7. More than a woman
  8. Insanity
  9. In heaven
  10. Don't be a fool
  11. Fan the flames
  12. French african queen

Gesamtspielzeit: 51:14 min.

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User Beitrag
Wie bei Bob Marleys Haaren
2016-06-05 11:38:42 Uhr
Unter der Mütze befinden sich bereits 45 seltene Tierarten.

Flami

Postings: 185

Registriert seit 28.11.2015

2016-06-05 09:59:32 Uhr
Der hat 'ne komische Mütze auf. Ich mag keine komischen Mützen... Das war bei Jamiroquai schon doof.
who she is
2016-06-05 02:17:35 Uhr
noch immer kein neuer betrag (seit einem monat)?

rassismus pur!!11einself

p.s.: das album ist ganz große sahne.

Armin

Postings: 13817

Registriert seit 08.01.2012

2016-05-03 18:29:04 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?
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