Jamie-Lee - Berlin

Jamie-Lee- Berlin

TVOG / Universal
VÖ: 29.04.2016

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Jede Menge Oberfläche

In den letzten beiden Jahren war aus deutscher Sicht der Vorentscheid des Eurovision Song Contest wesentlich turbulenter als der eigentliche Wettbewerb. Nachdem 2015 Andreas Kümmert das, was ihm nach der abgelehnten ESC-Teilnahme an Beschimpfungen, Morddrohungen und anderem Unrat aus den Untiefen menschlicher Hirnwindungen und denen des Internets entgegenschlug, verständlicherweise wenig charmant konterte, durfte man sich für die diesjährige Auflage glücklicherweise gut unterhalten lassen. Erst nominierte der NDR eigenmächtig Xavier, den Erretter, Naidoo, nur um diese Nominierung infolge der massiven Aufregung gleich wieder zurückzuziehen. War hier noch mancherorts die Schadenfreude hoch, durfte man sich danach noch eine Weile lang vorstellen, wie ausgerechnet die nackten, bierfassförmigen Körper der Kassierer die ESC-Bühne zum Einstürzen bringen würden. Aus diesen kühnen Träumen wurde zwar nichts, aber die während alledem mit gerade einmal 17 Jahren zur Siegerin von "The Voice Of Germany" gekürte Jamie-Lee Kriewitz war durch ihre süße und doch schrille Art sowie ihren unverwechselbaren Gesang ohnehin sicherlich die logischere Wahl – wenngleich auch die konservativere.

Mutmaßlich existieren mehrere 1000 Seiten Berichterstattung zu diesem Thema. Abgesehen davon, dass ihr Song "Ghost" in der Refrain-Zeile "Lonely in a crowded room together" stark an Rihannas "Umbrella" erinnert, ist allerdings kaum etwas zu Jamie-Lees Musik dabei. Egal, ob in Interviews oder Artikeln – ihr veganer Lebensstil, das PETA-Engagement, die Moderichtung Decora Kei oder Alltägliches aus dem Leben eines Teenagers bestimmen das nahbare Bild der Sängerin. Auch wenn dies durchaus sehr sympathisch und bezüglich Ernährung und Aktivismus angenehm unmissionarisch rüberkommt, sagt das zwar jede Menge über die öffentliche Inszenierung des jungen Mädels, aber rein gar nichts über den künstlerischen Gehalt aus. Mit dem nicht allzu lang erwarteten Album "Berlin" hat dies nun endlich ein Ende.

Wenig überraschend eröffnet "Ghost" die Platte. Auch wenn der Song nun wirklich schon ein paar Monate auf dem Buckel hat, weiß er noch immer zu gefallen, denn die Pop-Ballade bietet der wirklich tollen Stimme Möglichkeiten ohne Ende, sich in den Ohren festzusetzen. Klar, Phrasen wie "The love we get is the love we give" sind nicht unbedingt das, was ein Poet von sich gäbe, doch erstens passt es zur kindlich-naiven Ausstrahlung der inzwischen 18-Jährigen, zweitens sind Wortzusammenhänge auch im erklärten Ziel-Genre K-Pop traditionell wurscht und drittens fragt in den Gefilden des ESC nun wirklich nur in den seltensten Fällen irgendjemand ernsthaft nach den Texten. Da will man ja kein pedantischer Nörgler an falscher Front sein. Lehnt man sich nun in Erwartung an ein paar leicht verdauliche Popsongs und nette Powerballaden entspannt zurück, hat man sich gefühlt kaum bequem eingerichtet, da herrscht auch schon Stille. Dafür gibt es zwei simple Gründe, und auch wenn manch einer vielleicht irritiert testet, ob die Stereoanlage nun den Geist aufgegeben hat, liegt es nicht an einem technischen Defekt. Die übrigen neun Songs sind erstens bereits nach einer guten halben Stunde vorbei und entfalten zweitens nur in selteneren Fällen einen tatsächlichen Erinnerungswert. Positiv daran: Ausfälle sucht man auf dem kurzweiligen "Berlin" vergebens. Außerdem darf man sich bei "The hanging tree", welches übrigens im Gegensatz zum in letzter Zeit häufig im Radio rotierenden Remix erfreulich archaisch daherkommt, wieder daran erinnern, wie ein junges Mädchen irgendwo zwischen Disney und Manga erstmals auf der großen Bühne stand und ihre außergewöhnliche Stimme ertönen ließ. Negativ: Dazu benötigt es einen neuen Absatz.

Vor allem war die Maschinerie, die greift, wenn Alben von Casting-Show-Gewinnern im Zeitraffer zusammengeschustert werden müssen, selten so offensichtlich wie beim gerade noch rechtzeitig vor dem besagten Contest am 14. Mai veröffentlichten "Berlin". Besonders plastisch verdeutlicht das die Verpackung. Wenn jemand fragt, wofür Jamie-Lee steht, lautet die Antwort: Süß und irgendwas Asiatisches. Genau das wird auf jeder bedruckbaren Oberfläche reproduziert. Sei es der mit bunten Bällen und Manga-Gesichtern zugeballerte Silberling selbst oder das zum quietschepinken Poster ausfaltbare Booklet, auf dessen Rückseite sich allerhand weitere in sämtlichen Färbungen dieser Welt gehaltene Fotografien oder Zeichnungen der Dame aus Springe finden. Der Hype um ihre Person muss ja genutzt werden, was auch nicht weiter schlimm wäre, wenn den Songs (auch im Booklet nur Randnotizen in Form einer Titelauflistung mit rechtlichen Eckdaten) nur ähnlich viel Aufmerksamkeit im Produktionsvorgang zugekommen wäre. Der Sängerin selbst ist dabei zwar noch am wenigsten vorzuwerfen, hat sie doch ohnehin an keinem Song kreativ mitgewirkt und blitzt ihre Stimme doch immer wieder mal, etwa bei "Home", als einziges echtes Highlight auf. Das funktioniert noch am besten beim Titeltrack, in dem alles Beiwerk auf ein Minimum zurückgeschraubt wird und Jamie-Lee quasi im Alleingang das Beste aus der Nummer herausholt. Dennoch sind diese schönen Momente auch bei den knapp 35 Minuten Spielzeit ein wenig rar gesät, wodurch das überdramatische "Mine" und der weitgehend dahinplätschernde Closer "Last dance" stärker ins Gewicht fallen. Auch wenn diese Ärgernisse mitunter der Freude an "Berlin" im Wege stehen, dürfen die Daumen für Stockholm guten Gewissens gedrückt werden und muss man Nachsicht für Kriewitz üben. Denn von ihr wird hoffentlich noch Besseres zu erwarten sein, wenn all der Rummel vorbei ist und sie ihre Außenseiterchance vielleicht sogar genutzt hat.

(Marcel Menne)

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Highlights

  • Ghost
  • The hanging tree

Tracklist

  1. Ghost
  2. Lion's heart
  3. Mine
  4. Berlin
  5. Home
  6. Wild one
  7. The hanging tree
  8. Visions
  9. Remember the rain
  10. Last dance

Gesamtspielzeit: 34:47 min.

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ganz schön frech
2016-06-05 02:12:29 Uhr
Sie Schwein, Sie!!!111einself
@randwer
2016-05-15 20:22:32 Uhr
vorab werden aber noch ganz andere dinge an ihr wachsen (wenn sie mit leuten aus dem biz verkehrt). und vor allem in ihr.
Vorbild Ann Sophie
2016-05-15 14:06:45 Uhr
http://www.stern.de/kultur/musik/ann-sophie--schwere-zeit-nach-esc-niederlage-6849584.html

Randwer

Postings: 945

Registriert seit 14.05.2014

2016-05-15 13:37:24 Uhr
Möglicherweise. Aber wenn sie es richtig angeht, dann kann sie diesen Misserfolg unter Lebenserfahrung verbuchen und daran sogar wachsen.
So schnell kanns gehen
2016-05-15 12:51:38 Uhr
Karriere schon wieder vorbei.
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