Vanessa Carlton - Liberman

Vanessa Carlton- Liberman

Caroline / Universal
VÖ: 29.04.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Meilen weiter

Gutes Schuhwerk ist Pflichtvoraussetzung für den Weg, den Vanessa Carlton in ihrer Debütsingle "A thousand miles" in Richtung des Angebeteten gehen wollte. Am besten solche Tausendmeilenstiefel, welche schon The Proclaimers 1988 hatten, die sich die Strecke mit "I would walk 500 miles / And I would walk 500 more" faulerweise noch in zwei Etappen aufteilten. Doch für Carlton führte der Weg nach dem Piano-Pop-Meisterwerk nicht tausend Meilen weiter voran, sondern recht schnell in die Sackgasse. Nach ihrem Debütalbum "Be not nobody" aus dem Jahr 2002 kam das leider allseits bekannte Schema der Ernüchterung: künstlerische Freiheit gewollt, aber nächste Hitsingle gefordert, Ärger mit der Plattenfirma, keine Promotion mehr, you name it. Abgesehen von Achtungserfolgen in den USA musizierte die aus Pennsylvania stammende Künstlerin in der Folge weitestgehend, ohne dass Rest der Welt Notiz nahm – zu Unrecht, versteht sich. Ende 2015 erschien bereits ihr fünfter Longplayer "Liberman" jenseits des Atlantiks, Deutschland musste unverständlicherweise noch ein halbes Jahr länger warten.

Mit "A thousand miles" hat die 35-Jährige ihren Frieden gemacht. Sie spielt den Song weiterhin bei Konzerten – unter anderem, damit das neun Jahre alte Mädchen im Publikum nicht weine, weil sie auf den Song gewartet hat, so die Sängerin im Interview. Künstlerisch hat sie sich jedoch in der Zwischenzeit deutlich verändert: Anstelle des vollmundigen Sounds ist ein klanglicher Minimalismus getreten. "Liberman" hat Carlton mit Hilfe des renommierten Produzenten Steve Osborne (Elbow, Placebo, New Order) geschrieben und aufgenommen, benannt ist das Album nach einem Bild ihres Großvaters. Stilistisch stellt die Weiterentwicklung des analogen, reduzierten Ansatzes vom Vorgänger "Rabbits on the run" dar. Nicht selten schimmern im negativen Raum der Songs Fingerabdrücke von Leisetretern wie The xx oder James Blake durch. Ebenso wichtig wie die gespielten Noten, sind die, die nicht gespielt werden. Carlton stützt sich zwar in ihrer Wahl der Instrumente weiterhin stark auf das Klavier, es nimmt hier aber eine andere Funktion ein. Früher als prominenter Melodiengeber weit vorne im Song, heute hauptsächlich als Gegenakzent zu Gitarren, Beats und sphärischen Klängen.

"As your castle crumbles down / And it will / Take it easy" singt sie im Opener, nicht das einzige Mal auf der Platte, dass sie den Umgang mit den Tiefen des Lebens thematisiert. Musikalisch macht es sich "Take it easy" dagegen im Elektro-Folk gemütlicher und sorgt für einen vergleichsweise eingängigen Einstieg. "Willows" kommt hingegen deutlich reduzierter, kantiger daher, einer der wenigen Momente, in denen das Piano wirklich unmittelbar im Vordergrund steht. "Blue pool" funktioniert in etwa wie Joanna Newsom ohne Harfe, dafür mit Synthies, und schunkelt sich einen nur oberflächlich unbeschwerten Refrain hinein, um im Outro langsam auszuperlen. Echos ihrer sehr gelungenen zweiten Platte "Harmonium" hallen nach, machen den Song zum besten des Albums. "Liberman" ist tatsächlich Kunst und kein Album für die schnelle Suche nach dem Hit geworden. Allenfalls die erste Single "Operator" ruft noch nach Airplay, wenn sie sich in einen energischeren Teil samt wortlosem Refrain hineinsteigert. Der stoische Beat trägt dabei den zwischen reduziert und treibend pendelnden Song bis zum Ende. Könnte auch dem neunjährigen Mädchen gefallen – was ansonsten auf nur Weniges hier zutrifft.

Generell hält "Liberman" immer etwas in der Hinterhand versteckt, flache oder durchschaubare Songs gibt es hier nicht. Geisterartig schwirren Klänge durch die Songs, sorgen dafür, dass auch bei wiederholtem Hören noch viele zuvor unentdeckte Details auffallen. "Unlock the lock" und "River" liegen recht simple Melodien zugrunde, doch die spärliche, dennoch abwechslungsreiche Instrumentierung verlängert ihre Halbwertszeit außerordentlich. Mit "Ascension" endet "Liberman" vollkommen ungewöhnlich, scheinbar skizzenhaft. Ein Klavier tapst umher, Enya-artige Bombastschübe treiben das Stück, bevor es am Ende gen Himmel entschwindet. Klar, "A thousand miles" bleibt weiter ein Hit für die Ewigkeit. Doch Vanessa Carlton ist bereits mindestens tausend Meilen davon entfernt – um etwas viel Beeindruckenderes zu schaffen.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Take it easy
  • Operator
  • Blue pool

Tracklist

  1. Take it easy
  2. Willows
  3. House of seven swords
  4. Operator
  5. Blue pool
  6. Nothing where something used to be
  7. Matter of time
  8. Unlock the lock
  9. River
  10. Ascension

Gesamtspielzeit: 35:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

El arco

Postings: 30

Registriert seit 02.12.2019

2020-04-05 00:25:31 Uhr
Den Minimalismus hat Frau Carlton in ihrem neuen Album Love is an art perfektioniert.

Schön, welch eine Künstlerin sich doch hier entwickelt hat.

Gibts zu neuen auch eine Rezi?
JTop
2016-04-27 10:35:19 Uhr
Klingt von den Referenzen her interessant. Werde ich reinhören.
Dideldidideldu
2016-04-27 10:21:31 Uhr
Making my Way downtown,
Walking fast,
Faces past,
and i'm homebound

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 18062

Registriert seit 08.01.2012

2016-04-26 23:23:35 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Mike
2016-04-26 22:54:37 Uhr
Schön geschrieben! Tolle Künstlerin!
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