Christina Stürmer - Seite an Seite

Christina Stürmer- Seite an Seite

Polydor / Universal
VÖ: 22.04.2016

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die immer lächelt

Die Modalitäten im Musikbusiness hebelt man nicht so einfach aus. War Christina Stürmer mit ihrem angerockten Image vor zehn Jahren noch auf einer ausklingenden Gitarren-Welle in den Charts unterwegs, lässt sich dies heutzutage deutlich schwerer verkaufen. Was stattdessen gefordert ist, ist klar: Wer kann, sattelt um auf schlagereske Beschallung, lässt das mit den schwarz gefärbten Haaren sein, setzt sich ein eingefrorenes, professionelles Dauerlächeln auf und tut weiß Gott alles, um das Publikum auf einfachste Weise abzuholen. Und die Österreicherin – oder eher ihr Management – hat gelernt. Das mit dem Lächeln klappt schon mal gut. Beziehungsdramen, Todesfälle, Depressionen – hier wird einfach alles mit Hochglanz-Optimismus überzogen, ein musikgewordenes "Wir schaffen das". Bloß keine schlechte Stimmung aufkommen lassen, die im Stadion für Irritation sorgen könnte. Und auch das Artwork ist diesmal derart süßlich-freundlich, da muss doch jeder mit.

Und so fängt "Seite an Seite", ihr mittlerweile siebtes Album, richtiggehend katastrophal an. Ob man jetzt Helene Fischers letztes Machwerk oder den fremdschamerregenden hiesigen Titeltrack hört, ist eigentlich egal. Dieser beginnt mit Aufzählungen von irgendwelchen Taten und Ereignissen, wie bei Adel Tawils "Lieder", nur ohne die Musik-Referenzen, um dann vor dem Refrain die unglaubliche Textzeile "Doch alle diese Dinge sind so klein / Denn das Größte, was wir können, ist Mensch zu sein" loszulassen. Und der Refrain, meine Herren (und Damen)! Streicher, Beat, Pathos, "Und wir gehen den Weg von hier / Seite an Seite / Ein Leben lang für immer" – es fehlen nur noch Wind- und Nebelmaschine. Zuvor musste schon der Opener "Katapult" überstanden werden, ein schwaches Abziehbild von Sarah Connors erstaunlich griffigem "Wie schön du bist".

Die ersten acht Songs bleiben fast uniform eine Zumutung. "Astronaut" und "Tragflächen" graben ganz unverhohlen bei Sidos und Andreas Bouranis letztjähriger Spießer-Hymne nach Inspiration, ersterer findet den Titel, zweiterer das Geseier über die ach so verkommene Lebensweise der hippen Städter. Dabei sind das noch die erträglichsten Songs in diesem Abschnitt: "Tanzen" ist hingegen eine furchtbare Kritik an der Leistungsgesellschaft mit der Pointe, dass Christina Stürmer "einfach nur tanzen" will. Eine aussichtsreiche Bewerbung auf den Thron des First-World-Problem-Pops, um den schon Revolverheld oder AnnenMayKantereit entschieden buhlen. Bei "Ein Teil von mir" fragt man sich nicht nur, wann der obligatorische Robin-Schulz- oder Felix-Jaehn-Remix des lahmenden Tracks kommt, sondern ob Peter Maffay angesichts der Zeilen "Du bleibst immer ein Teil von mir, von mir / Auch wenn Du gehst bleibt immer ein Teil von Dir bei mir" schon rechtliche Schritte eingeleitet hat. Und bei "Du fehlst hier" geht es offenbar um eine verstorbene Person, aber natürlich unpersönlich genug und mit Kopf-hoch-Anweisung versehen, dass am Ende bloß keine Traurigkeit entsteht. Lächeln! Immer lächeln!

Garniert wird alles mit den immer gleichen Durchhalteparolen: "Träum weiter" – schon der Titel greift direkt nach dem nächstbesten Ratschlag, ohne diesen auch nur ansatzweise mit Inhalt zu füllen. Gleichwohl bewegt sich auch die Musik nicht zu weit vom nächstbesten Schlager-Umzug oder Breitwand-Geklimper weg. Und doch überrascht "Seite an Seite", nämlich wenn es gegen Ende wenigstens noch ein paar sehr brauchbare bis gute Popsongs auspackt, bei denen das Radio tatsächlich schönen Zuwachs im Programm bekäme. Los geht diese Sektion mit "Immer weiter", das kurioserweise mit Samplefetzen und Reverb beginnt, dann äußerst hübsch im Gitarrenpop-Gefilde verläuft und in Erinnerung ruft, dass "Ich lebe" damals ja doch ein ganz netter Ohrwurm war. "Leicht sein" fährt zwar zum x-ten Mal irgendeine Leichtigkeitsmetapher auf und kopiert erneut in der Strophe den Sarah-Connor-Hit, aber landet überraschenderweise auf seinen Füßen und gefällt.

Das Highlight hebt sich die 33-Jährige allerdings für den Abschluss auf. "Zeppelinherz" ist eine reduzierte, klaviergetragene Ballade, die gut daran tut, die Pianofigur ausgerechnet bei Kate Bushs "Snowflake" zu mopsen, sowie sich textlich keine groben Schnitzer zu erlauben. Warum nicht öfter so? Warum auf das gerade Angesagte schielen, wenn die interessanten Sachen am Wegesrand liegen? "Seite an Seite" ist demnach ein echtes Novum: Statt sich im Einheitsbrei zu suhlen, geht ein Christina-Stürmer-Album konsequent in die Extreme, zwischen unhörbar und verblüffend solide. Das macht es nicht besser als seine Vorgänger, schürt aber die Hoffnung, dass aus dem Hause Stürmer irgendwann mal ein durchweg akzeptables Album kommen könnte. Also optimistisch bleiben. Und immer lächeln.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Zeppelinherz

Tracklist

  1. Katapult
  2. Seite an Seite
  3. Träum weiter
  4. Du fehlst hier
  5. Astronaut
  6. Ein Teil von mir
  7. Tanzen
  8. Tragflächen
  9. Immer weiter
  10. Niemals mehr für immer
  11. Leicht sein
  12. Neue Farben
  13. Zeppelinherz

Gesamtspielzeit: 46:38 min.

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