Drangsal - Harieschaim

Drangsal- Harieschaim

Caroline / Universal
VÖ: 22.04.2016

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Nimm mich mit

"Sie nimmt mich mit / In 'nem roten Kadett", singen Spliff. Wir schreiben das Jahr 1989, die Wende steht noch bevor, aber im Leben des jungen Rezensenten geschieht anderes Erstaunliches: Als sein Vater "Duett komplett" aufs Tonbandgerät setzt, gräbt sich der erste Ohrwurm in den Gehörgängen des Dreijährigen fest. Jung und unschuldig, wie es ist, versteht das Bübchen nicht, dass es im Song um Sex und Drogen geht. Jung und unschuldig wie es ist, versteht das Bübchen nicht, dass es eigentlich allgemein im Leben um Sex und Drogen geht. Die Neue Deutsche Welle übt bis heute ihre Faszination aus. Auch auf Max Albin Gruber. Dabei kann dieser eine Erinnerung der oben beschriebenen Art sicher nicht teilen – mit Anfang zwanzig ist er schlicht zu jung dafür.

Dass sich der genannte Herr Gruber nun dennoch mit der NDW beschäftigte, ließ er in diversen Interviews durchsickern. Dass er Hubert Kah cool findet, genauso. Indes leugnet er, jemals The Cure oder Joy Division viel, geschweige denn sonderlich gern gehört zu haben. Als ob! Wenn er seinen bürgerlichen Namen ablegt und zu Drangsal wird, lässt er sich auf dem gemachten Bette einer Ästhetik nieder, die The Cure und Konsorten einst schufen. Und das nicht nur musikalisch, sondern auch sein Styling betreffend. Einen Hauch des Schrillen, Exaltierten behält er sich derweil vor. Das steht im Kontrast zum Post-Punk-Look, dafür jedoch im Zeichen ebenjener NDW. Die großen Musikmagazine führten Drangsal seit seinem Auftauchen 2013 ganz oben auf der Geheimtipp-Liste. Zuletzt war die Erwartungshaltung an das großflächig mit Vorschusslorbeeren bedachte Wunderkind enorm. Nun erscheint mit "Harieschaim" sein Debütalbum, und ein Mysterium weniger bringt die Musikwelt durcheinander.

Stell Dir vor, Du kommst aus Herxheim. Oder stell es Dir besser nicht vor. Es muss trist sein. Zwar sind die Pfälzer ja nun ein ganz herzlicher Menschenschlag. Aber "Provinz" ist in diesen Gefilden noch ein schmeichelndes Wort. "Harieschaim" bezeichnet den Herkunftsort Drangsals im Wortlaut der ersten urkundlichen Erwähnung. Im jungen Künstler – mittlerweile natürlich Berliner – muss es etwas bewirkt haben, aufzuwachsen, wie er aufwuchs: Sein Debüt ist ein halbstündiger Befreiungsschlag. In zehn Tracks finden sich Ansätze von Wut und Fernweh zugleich. Drangsal ist für die große weite Welt geboren und nicht für das kleinmännische Auf und Ab zwischen den Weinfesten. Mit "Allan align" ließ der Musiker schon Anfang 2016 durchblitzen, was den Hörer erwartet: Abgerotzter, dahingewichster New-Wave-Sound, der mehr Arbeiterklasse in sich trägt, als es sie überhaupt noch gibt in diesem spießigen AfD-Wähler-Land, der mehr Ärger in die Waagschale wirft als ein hochdeutsch sprechender Bürger überhaupt aufzubauen im Stande wäre. Trotzdem ist das Disko. Trotzdem ist das Hit.

Allan fügt sich und passt sich an. Chöre wiederholen die stoischen Verse Drangsals, und die Gitarre spielt Johnny Marr ein Gedächtnisständchen. "Do the dominance" mit seinem Breakbeat, den Industrial-Drums und den Synthies erzählt in seiner Songstruktur eine ganze Geschichte. Für so einen Song wurde das Vers-Chorus-Schema einst erdacht. Für Hände in die Höhe, für schwingende Hüften. Der Tanzleib schält sich aus der bedrückenden Übermacht, wenn Bongos, Handclaps und schnelle Pickings Drangsal vom Singen ins Rufen treiben. Genauso das folgende "Moritzzwinger". Weniger satt, aber gleichermaßen willig erscheint der Titel: Im Gewitter von künstlicher Trompete und stampfenden Drums geben sich Drangsal und der Chor die Klinke in die Hand. So galoppiert man dem Sturm entgegen, verweilt einen Augenblick im Auge desselben und reitet schließlich von dannen. In "Love me or leave me alone" verkündet Gruber ein ruhiges, aber umso deftigeres "Schleich Dich" – Falco-Handbewegung inklusive. Da wird aus einer großen Liebe ein gezischtes "geh scheißen", ganz ohne im Theatralischen zu versinken. Ein Klasse-A-Pophit, der heute wie vor 30 Jahren funktioniert.

Die Titel auf "Harieschaim" schmiegen sich aneinander und ineinander wie ein großes Ganzes als Erweiterung der Summe seiner Teile. So entsteht ein Etwas der gewissen Art, wie es heute wohl kaum einem Act im deutschen Pop-Rock-Spektrum gelänge. Die Durchgängigkeit des Albums ist enorm, jeder Song ist ein Hit. Obgleich "Harieschaim" Bekanntes featured und seine Vorbilder offenkundiger benennt als sein Macher. Oder eben gerade deswegen: Weil ein Umgang mit großer Popmusik gefunden wird, der sie sogleich noch größer macht. Und wie war das nun mit der Neuen Deutschen Welle? Einmal, nur ein einziges Mal wagt Drangsal sich ins Deutschsprachige. "Ich hab den Kopf voll mit Pflastersteine (sic!) / Weil Du nie kapierst, was ich meine", erklärt sich Gruber in hirnfickender Manier. Er zeigt sich als Unverstandener, der doch nur die Bedürfnisse des normalen Mannes teilt: "Und doch will ich nur Dich!" Der temporeiche Vierviertel-Track hat ein Anziehungspotenzial, welches im ausgespielten Zustand Herzen erweicht und von Chuzpe zeugt. Durch den Rhythmus, der die Füße kitzelt, der der Trompete ausreichend Platz für die Melodie zugesteht und Drangsal den Raum zum sehnlichen Ruf gibt.

Ein 22-jähriger Herxheimer geht in eine Bar. Und da sieht er das Mädchen seiner Träume. Alles in ihm sagt "bitte, bitte". Und man wünscht ihm eine Frau wie im Spliff-Song: "Raus aus der Bar und weg / In ihrem roten Kadett / ... / Duett komplett im roten Kadett."

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Allan align
  • Will ich nur Dich
  • Do the dominance
  • Moritzzwinger
  • Love me or leave me alone

Tracklist

  1. Allan align
  2. Der Ingrimm
  3. Will ich nur Dich
  4. Hinterkaifeck
  5. Do the dominance
  6. Moritzzwinger
  7. Love me or leave me alone
  8. Schutter
  9. Sliced bread #2
  10. Wolpertinger

Gesamtspielzeit: 31:01 min.

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Armin

Postings: 9743

Registriert seit 08.01.2012

2017-02-03 18:40:12 Uhr
Brachial-Pop: Die Deezer Sessions mit Drangsal








Nach Lina Maly und Maxim spielt auch Drangsal eine exklusive Deezer Session in der St. Pauli Music School by Levi’s® im Millerntor-Stadion in Hamburg ein



Berlin, 03. Februar 2017: Deezer, einer der weltweit führenden Audiostreaming-Dienste, veröffentlicht heute eine Deezer Session mit Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Drangsal. Das Format wurde bereits Anfang des Jahres mit Lina Maly und Maxim in Deutschland gestartet – und soll auch in Zukunft verstärkt auf lokale Künstler setzen.



Drangsal - alias Max Gruber - dessen Debütalbum „Harieschaim“ im Frühjahr 2016 erschienen ist, lässt sich nicht in eine Schublade stecken. Sein Musikstil bewegt sich zwischen Synthie-Pop und Post-Punk der 80er-Jahre, seine Live-Auftritte sind fesselnd und spektakulär, genauso wie die Kunstfigur Drangsal („Kunstfigur“ finde ich nicht passend, das ist keine Kunstfigur…einfach weglassen? )

selbst. Für Deezer hat der 22-Jährige nun drei seiner Songs in einer exklusiven Deezer Session live eingespielt. Während „Der Ingrimm“ durch härtere Gitarrenriffs und „Will ich nur dich“ mit treibenden Beats sowie prägnanten Bass-Lines besticht, liefert der Newcomer mit „Love Me Or Leave Me Alone“ eine Synthie-Hymne (Synthie bitte mit Pop ersetzten, Synthie wäre Depeche Mode) der Extraklasse ab.

Aufgenommen wurde die Deezer Session am 24. September in der St. Pauli Music School by Levi’s® im Millerntor-Stadion in Hamburg. Erst kurz zuvor eröffnete der FC St. Pauli in Zusammenarbeit mit Levi’s® in dessen Loge auf der Südtribüne des Stadions eine Musikschule. Auch ohne die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten können Kinder und Jugendliche hier Instrumente erlernen und sich somit kulturell und kreativ auszuprobieren.



Parallel zur Veröffentlichung der Session gibt es auf Deezer eine exklusive Live-EP der drei Songs von Drangsal. Insgesamt sind im September gleich drei Deezer Sessions innerhalb von zwei Tagen entstanden.



Die komlette Songliste der Deezer Session mit Drangsal

1. Der Ingrimm

2. Will ich nur dich

3. Love Me Or Leave Me Alone





Die gesamte Deezer Session mit Drangsal sehen Sie hier:

Mr. Orange

Postings: 926

Registriert seit 04.02.2015

2016-10-09 23:29:09 Uhr
Nach wie vor bestes Album des Jahres für mich. Knapp vor Pantha Du Prince, Radiohead und David Bowie. Hab allerdings 2016 relativ wenige neue Platten gehört, weshalb mein Urteil nicht so wahnsinnig fundiert sein mag. Aber eine sehr gute 8/10 ist es mindestens.

Mr. Orange

Postings: 926

Registriert seit 04.02.2015

2016-09-30 20:01:26 Uhr
Schön, dass mit "Will ich nur dich" der zweitbeste Song des Albums nach "Allan Align" auch noch als Single ausgekoppelt wurde.
Mister X (unangemeldet)
2016-09-30 13:32:51 Uhr
Der Grund für meinen Hass ist, dass der gute Max mir bis heute nicht auf meinen erotischen Fanbrief geantwortet hat!
So ein arroganter Schnösel!

Mister X

Postings: 1829

Registriert seit 30.10.2013

2016-09-30 13:05:50 Uhr
Wollte nur auf die Aehnlichkeit anspielen. Will den Guten ja nicht verdaechtigen.
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