Matze Rossi - Ich fange Feuer

Matze Rossi- Ich fange Feuer

End Hits / Cargo
VÖ: 18.03.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die innere Sicherheit

"Unrasiert und todmüde / Seit Stunden schreibe ich mich leer / Meine Stimme und die Finger sind schon wund / Aber genau deshalb bin ich hier." Mühseliger Alltag bei Plattentests.de? Weit gefehlt. Die schwermütigen Worte stammen vielmehr aus dem neuen Longplayer von Matthias Nürnberger alias Matze Rossi. Trotzdem seufzt der Rezensent leise: Hat sein damaliger Einstiegstext zu Nürnbergers Album "... Und wie geht es Deinen Dämonen?" wirklich schon acht Jahre auf dem Buckel? Hach ja, das waren Zeiten, als das Redaktionsgebäude zum Schutz vor erbosten Sunrise-Avenue-Fans noch nicht vollpanzerverglast war und der Häuptling sich mit ernster Miene Formulierungen wie "So und so lange ist es her, dass …" zum Auftakt künftiger Rezensionen verbat. Schon in Ordnung, Chef. Es gibt schließlich Wichtigeres.

Zum Beispiel die Liebe. Diese versteckt sich nämlich nicht nur als Statement unter dem Booklet im Digipak, sondern bildet auch die Klammer um dieses Album, auf dem der 39-Jährige eine vorläufige Lebensbilanz zieht. Und es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, dass "Ich fange Feuer" mit einem Lied über den Tod beginnt. Denn imaginiert der Franke sein Begräbnis herbei, geht es ihm statt um die Gram ob des eigenen Ablebens vielmehr um einen Blick zurück ohne Zorn. Und so machen Akustikgitarre, brummeliger Kontrabass und verhaltener Schellenkranz aus "Wenn ich mal" einen anrührenden, herzerwärmenden Indie-Folk-Opener, bei dem die innere Sicherheit aus dem Wissen erwächst, vielleicht nicht immer alles, aber doch das meiste richtig gemacht zu haben. Und mit dem alten Affen Vergänglichkeit muss man sich irgendwann ohnehin arrangieren.

Dementsprechend wird es auch danach nicht allzu oft allzu laut – sieht man vom fiebrig um einen Ausbruch ringenden Finale von "Das vertraute Kribbeln in meinen Händen" oder dem unwirsch hetzenden Rumpler "Es ist, wie es ist" ab, dem Nürnberger gar ein aufgekratztes "Fuck yeah!" hinterherschiebt. Eine unbeugsame Punkrock-Insel inmitten defensiv geklampfter Miniaturen und den wohligen Groovern "Kein Zweifeln und Bedauern" und "Oh oh oh", die immer wieder listige Breaks, trostreiches Schulterklopfen und kleine Verweise auf Thees Uhlmann oder Rio Reiser einstreuen. Und auch betont kontemplativen Songs wie "Wirst Du an mich denken" oder dem Titelstück sollte man eine gewisse Limitiertheit verzeihen, wenn man dafür zuhören darf, wie ein ausgewiesener Sympath seine Lieben musikalisch umarmt und mit sich und der Welt im Reinen ist.

Zwar schielen Zeilen wie "Stillstand ist wie tot sein" mitunter in Richtung Phrasenschwein – machen aber gleichzeitig deutlich, dass Nürnberger noch lange nicht am Ende ist. Stattdessen redet er bei "Erzähl mir nichts" zu trockenen Gitarrenschlägen einem Midlife-crisis-geplagten Weggefährten ins Gewissen, der genauso gut er selbst sein könnte, und hält seinem vermutlich anzugtragenden Gegenüber im aggressiv paukenden Abschluss ein unmissverständliches "Zieh meine Träume nicht durch den Dreck" entgegen. Sozusagen das erwachsene Gegenteil des kleinen Mädchens, das in der Bausparkassen-Werbung auch ein Spießer sein wollte, wenn es einmal groß ist. Zur Not kann man sich ja immer noch sagen: Das Leben ist hart – aber es geht vorbei. Und das liest sich weitaus finsterer, als dieses zutiefst persönliche und liebenswerte kleine Album klingt.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Wenn ich mal
  • Kein Zweifeln und Bedauern
  • Oh oh oh
  • Zieh meine Träume nicht durch den Dreck

Tracklist

  1. Wenn ich mal
  2. Das vertraute Kribbeln in meinen Händen
  3. Alles schmilzt zusammen
  4. Kein Zweifeln und Bedauern
  5. Erzähl mir nichts
  6. Ich fange Feuer
  7. Oh oh oh
  8. Alles geht weiter
  9. Es ist, wie es ist
  10. Wirst Du an mich denken
  11. Wovon sollen wir leben
  12. Zieh meine Träume nicht durch den Dreck

Gesamtspielzeit: 45:44 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 12940

Registriert seit 08.01.2012

2016-04-13 21:13:13 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 12940

Registriert seit 08.01.2012

2016-01-27 17:50:54 Uhr
Hallo Liebe Plattentester,

die verträumte Songwriter-Ballade „Wenn ich mal“ ist der erste Video-Vorbote auf das neue Matze Rossi Album und ist soeben bei Youtube erschienen:

https://www.youtube.com/watch?v=vXKyvKCSeMQ&list=PLegtzfVbFRVtEHEB0S6Cq2FuB4Y4S3jrd&index=1

Das in einer Bauern-Küche live aufgenommene Video beginnt beschaulich und entwickelt sich zwischen Tomatenpassata und Basilikumduft dank befreundeter Gastmusiker zu einem wohligen Kleinod.

Der Song stammt vom Album „Ich Fange Feuer“, welches am 25.03.2016 via End Hits Records erscheinen wird

Armin

Postings: 12940

Registriert seit 08.01.2012

2016-01-13 22:09:16 Uhr

MATZE ROSSI
Album-Ankündigung 2016
End Hits Records / Cargo Records
18 March 2016

MEDIA:
Matze`s Album- und Vorbestell-Ankündigung: https://www.youtube.com/watch?v=dI0uqOsdrAs


Matze Rossi gehört der Generation Punk an, die mit Ende 30 wieder dort angekommt, wo sie mit Anfang zwanzig schon einmal war. Wilde Träume, ein brennendes Herz, auf Bühnen zuhause (bei ihm waren es die fast mystisch verehrten Tagtraum, mit denen Matze von 1993-2006 fünf Alben veröffentlichte). Irgendwann der Bruch, der Job, das Bürgerliche, die Familie. Und Jahre später die Einsicht, dass das unstete Leben uns immer wieder einholt, wo immer wir uns auch vor ihm verstecken mögen. Auch deshalb stellt Matze weiter seine Fragen, auf einem Album, das sich damit beschäftigt, was es heisst ein "Erwachsener" zu sein, obwohl Punk uns doch gefordert hat "Young till i die" zu bleiben.


Eigentlich müsste der Tag für Matthias Nürnberger aka Matze Rossi mindestens 30 Stunden haben. Der Singer / Songwriter ist Vater von 3 Kindern, Yogalehrer, Sänger der Punkband Bad Drugs, Labelbetreiber, Dozent an der Fachakademie für Sozialpädagogik. Trotzdem schafft er es immer wieder, alles unter einen Hut zu bringen. Denn in ihm brennt ein Feuer, eine Leidenschaft für seine Musik, welche ihm gar keine Wahl lässt. "Ich Fange Feuer" heißt sein mittlerweile 5. Solo-Album, das so vertraut klingt, einen Neuanfang bedeutet und dennoch an alte Zeiten anknüpft. Aufgenommen wurden die zwölf Songs an nur 4 Tagen in Zusammenarbeit mit Sven Peks im Herbst 2015 in der Audiolodge Gaibach - einem Ort, an dem Matze`s musikalische Vergangenheit wohnt: Hier entstanden auch die wegweisenden Alben von Tagtraum, jener Punkrock-Band, die den Grundstein der Musikkarriere des positiven Querdenkers legte – der Kreis schließt sich also wieder.
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