Various Artists - Refugees welcome – Gegen jeden Rassismus

Various Artists- Refugees welcome – Gegen jeden Rassismus

Springstoff / Indigo
VÖ: 08.04.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ihr seid nicht das Volk

"Sie haben den Ruf, diejenige deutsche Vorsitzende zu sein, die die Möglichkeit aufgebracht hat, tatsächlich an der Grenze auf Flüchtlinge zu schießen – als letzte Instanz. Sind Sie stolz darauf?", fragt der Moderator Frauke Petry. Das habe sie nie gesagt, behauptet die AfD-Vorsitzende. Es gäbe schließlich einen Unterschied zwischen Waffeneinsatz und Waffeneinsatz gegen Menschen. "Sie haben nicht gesagt: 'Schießen Sie in die Luft', oder?", erwidert Tim Sebastian, der britische Interviewer. Petry steigt die Schamesröte ins Vorschüler-Gesicht. So geschehen kürzlich in der Sendung "Conflict zone" der Deutschen Welle. Hach, wie schön. Aber auch bezeichnend, dass erst ein Journalist aus dem Vereinigten Königreich nach Leipzig kommen muss, um diese Schreckschraube rhetorisch zu entwaffnen. Naja, Dunja Hayali hat es versucht, aber Petry wollte partout nicht in ihr Morgenmagazin kommen.

Und wie geht die Kunst mit der neuen Rechten um? Da darf man den Daumen guten Gewissens heben: Gerade in der alternativen Musikszene wird gegen Rechts angesungen wie vielleicht seit den Sechzigern und Siebzigern nicht mehr. So ist eine Compilation wie "Refugees welcome – Gegen jeden Rassismus" die Folge dessen. 22 Tracks, die Rassismus verurteilen und Vielfalt willkommen heißen. Dass dabei nicht nur Bands, die sich regelmäßig der Linken zugehörig positionieren, von der Partie sind und einige Künstler extra neue Songs für den Sampler aufgenommen haben, spricht für ein gesundes musikalisches Gewissen in diesem Land. Die Namen der Interpreten reichen von groß bis kleiner. Ein Dirk von Lowtzow ist freilich eine Institution, die sogleich mit "Fuck you Frontex", akustisch mit der Klampfe eingespielt, den Anfang machen darf und dabei fordert: "Entgrenzung jetzt!" Doch auch die vermeintlich Kleineren liefern feine Botschaften. Zum Beispiel Kobito feat. Spezial-K, die in "The walking Deutsch" Serie und Pegida-Spaziergänge rappender Weise zum beängstigenden Endzeit-Szenario verknüpfen.

"Deutschland, Arschloch, fick Dich" von Egotronic – exklusiv für die Compilation produziert – hat ordentlich Wut im Bauch und kommt musikalisch divers daher, zwischen Synthies und Zweiviertel-Gitarre, zwischen Gegröle und Gesang. "Oury" von Frittenbude, ebenfalls ein Exklusiv-Titel, lässt sich auf einem fliegenden Teppich von orientalischen Klängen nieder und lässt doch die bekannte pumpende Action nicht vermissen. Das Flug unternimmt mit "Deutlich unterbewaffnet in Hellersdorf" einen Abstecher in den Dubstep und hinterlässt eine Tanzfläche voller gekrachter Dielen. Antilopen Gang geht die Sache ironischer an, zumindest im Chorus von "Beate Zschäpe hört U2". In den Strophen erzählen die Rapper von persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. "Wut" von Feine Sahne Fischfilet feat. Waving The Guns macht mit solidem Ska-Sound gegen Polizeiwillkür mobil und erkennt bezeichnend: "Niemand muss Bulle sein." Ganz am Ende nimmt Gustav die hochgelobte "deutsche Kultur" aufs Korn und lässt es sich indes nicht nehmen, "At the river's edge" mit Volksmusikklängen zu untermalen.

Musikalisch bietet "Refugees welcome – Gegen jeden Rassismus" fast alles zwischen Punk und HipHop, Elektro und Dancehall und bleibt – vereint im Zwecke – dennoch sehr harmonisch. Die Messages, die dabei hängenbleiben, reichen von der einfachen Handreichung für Notleidende bis zur anarchistischen Verteufelung des Staates. Das linke Spektrum wird ausgereizt, die Stimmung schlägt aber nicht in Hass um, sondern bleibt positiv wütend statt "besorgt" – und hinterlässt schließlich den Optimismus, dass noch nichts verloren ist. Genau wie es Tim Sebastian mit seinem Interview tat. Der Kampf geht weiter!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Deutschland, Arschloch, fick Dich (Egotronic)
  • Beate Zschäpe hört U2 (Antilopen Gang)
  • Wut (Feine Sahne Fischfilet feat. Waving The Guns)
  • Oury (Frittenbude)
  • The walking Deutsch (Kobito feat. Spezial-K)

Tracklist

  1. Fuck you Frontex (Dirk von Lowtzow)
  2. Festung Europa (Brockdorff Klang Labor)
  3. Deutschland, Arschloch, fick Dich (Egotronic)
  4. Beate Zschäpe hört U2 (Antilopen Gang)
  5. Zusammenhänge (Sookee feat. Spezial-K)
  6. Vom Grund der Haltung zur Grundhaltung (Human Abfall)
  7. Dunkle Tage (Das Bierbeben)
  8. 2014 (Neonschwarz)
  9. Wut (Feine Sahne Fischfilet feat. Waving The Guns)
  10. Gegenwind (Denyo)
  11. 31 (Candelilla)
  12. Gatekeepers of blooming scenery (Dropout Patrol)
  13. Das Boot ist voll (Form)
  14. Oury (Frittenbude)
  15. Mein Nachbar ist ein Alien (A Tribe Called Knarf)
  16. Deutlich unterbewaffnet in Hellersdorf (Das Flug)
  17. Scheiß DDR (Remix) (Pisse feat. Klaus Walter)
  18. Espoir (Mal Eleve, Chaoze One, Microphone Mafia)
  19. Ums Ganze (Berlin Boom Orchestra)
  20. The walking Deutsch (Kobito feat. Spezial-K)
  21. Zur Situation von Konstruktion (Les Trucs)
  22. At the river's edge (Gustav)

Gesamtspielzeit: 79:42 min.

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Nachtfalter

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Registriert seit 13.09.2013

2016-04-08 00:53:07 Uhr
refugee-romantiker-logik anno 2016.

Dirk von Lowtzow singt in seinem Song etwas von "Fuck you Frontex/Entgrenzung jetzt". Das mit der weltweiten Entgrenzung sehe ich als so eine linke, nicht zu Ende gedachte Traumtänzerei. Das ist eben das Problem: Wenn jeder in der Welt dahin könnte, wohin er wollte, dann würden noch sehr viel mehr Menschen nach Europa wollen. Wahrscheinlich auch in die USA oder nach Australien, aber die lassen ja sowieso kaum jemanden rein. Es scheitert eben an der Machbarkeit. Und wenn man schon solche großen Träume bemüht, dann müsste man das auch konsequent weiterdenken. Von mir aus dann bedingungsloses Grundeinkommen für alle oder so. Das wäre auch nicht verrückter als weltweite Entgrenzung. Eigentlich wäre es auch nicht verrückter, als das System, was wir bisher haben. Aber dazu müssten dann auch die Banken am selben Strang ziehen, wie die Romantiker. Und Banken hatten mit Romantik bisher leider wenig am Hut. Doch wenn nur ein paar Linke laut ihre Forderungen herausschreien, doch keine Substanz dahintersteckt, damit "rettet man nicht die Welt". Dann wäre es besser, wenn man bei der Vernunft im derzeitigen System bleibt und halt sagt, dass es nicht möglich ist, dass jeder hierher kommt, der will. So wie es Merkel letztes Jahr im TV im Sommer zu dem jungen Flüchtlingsmädchen gesagt hat, bevor es mit der Willkommenskultur losging.

Lichtgestalt

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2016-04-08 00:03:49 Uhr
In der Doku geht es ja um Auschwitz und wie es anfing, im Stammlager Auschwitz I. Und wie es zunächst noch keine Vergasungen, sondern Erschießungskommandos gab. Unter den Opfern waren viele sowjetische Juden, für die Nazis war die Kombination aus Bolschewisten, Slawen und Juden besonders tückisch, diese Menschen eine besonders niedrige Lebensform, noch niedriger als der "mächtige Hintermann"-Jude.
Zu diesem Erschießungskommando gehörte dieser SS-Offizier, und wurde gefragt, was er beim Schießen empfunden habe ("Nichts").
Er wird in der Doku immer wieder mal eingeblendet, wo er dann nach und nach über seine "Erfahrungen" berichtet.

Mainstream

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Registriert seit 26.07.2013

2016-04-07 23:24:13 Uhr
Habe auch nie etwas in die Richtung gehört.

"Der Jude" galt, sofern ich weiß, mehr als mächtiger Hintermann, nicht als Kanake, der mit billiger Maloche unterbietet und Straßenkriminalität begeht.

Bist Du Dir sicher, dass das genau so vorkam, Lichtgestalt?

Demon Cleaner

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2016-04-07 22:27:22 Uhr
Wenn das Zitat so stimmt, wäre das schon sehr bezeichnend und zum drüber nachdenken.

Lichtgestalt

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Registriert seit 02.07.2013

2016-04-07 21:01:33 Uhr
Läuft zur Zeit bei Netflix.
Bei Youtube habe ich leider nur Stückwerk gefunden, jedenfalls Episode 1 nicht komplett.

Auschwitz: The Nazis and the 'Final Solution'
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