Metal Church - XI

Metal Church- XI

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 25.03.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mit Volldampf zurück

Eigentlich waren sie nie wirklich weg. Und doch hat schon lange kein Hahn mehr nach Metal Church gekräht, trotz einigermaßen regelmäßiger Plattenveröffentlichungen. Denn für nicht eben wenige Fans steht fest: Die letzte mindestens gute Platte der Truppe aus Aberdeen, Washington, war 1993 das aufgrund von Labelschwierigkeiten auf ganzer Linie gefloppte "Hanging in the balance", nach dem sich die Band frustriert vorübergehend auflöste. Es folgten die Wiedervereinigung 1999 mit dem Originalsänger David Wayne, der tragischerweise 2005 an den Folgen eines Autounfalls starb, sowie die erneute Auflösung 2009 nach einigen völlig irrelevanten Platten mit einem völlig irrelevanten Frontmann namens Ronny Munroe. Warum nun dieser ausführliche Exkurs in die Personalpolitik der Band, die vermutlich selbst Bandchef Kurdt Vanderhoof verwirren dürfte? Nun, zumindest dürfte so verständlicher werden, welche Sensation es war, als Vanderhoof vor Jahresfrist nicht nur ein neues Album, sondern auch nach über 20 Jahren die Reunion mit Sänger Mike Howe verkündete – dem Mann, dessen Gesang aus Alben wie "Blessing in disguise" oder "The human factor" Klassiker des Power Metal machte.

Natürlich sind zwei Dekaden Abstinenz eine lange Zeit für einen Musiker. Erst recht, da Howe sich derweil komplett aus dem Musikbusiness zurückgezogen hatte und bestenfalls noch unter der Dusche vor sich hin trällerte. Das erste überraschte Aufhorchen folgt nach wenigen Sekunden, als das sinnigerweise "XI" betitelte elfte Studioalbum von einem derartig feisten Riff eingeleitet wird, wie man es lange nicht aus Vanderhoofs Feder vernommen hat. Doch dann ist sie da. Als wäre sie nie weg gewesen. Mit messerscharf schneidender Stimme, als hätten wir wieder 1993, zerteilt Howe "Reset" in einer Manier, die jedem Fan die Tränen in die Augen treibt. "Feeling good, feeling strong / Didn't think I'd last this long", singt Mike Howe im Refrain. Welch Untertreibung, welch Bescheidenheit. In Wahrheit klingt der Frontmann dermaßen sebstverständlich, als hätte er während seiner Abwesenheit nichts anderes getan als Metal-Church-Songs zu üben.

Genug Zeit zum Üben hat sich offenbar auch Kurdt Vanderhoof in seiner Rolle als Hauptsongwriter genommen. Denn auch das folgende "Killing your time" weiß mit donnerndem Beginn zu überzeugen und beamt den Hörer erneut schlappe 25 Jahre zurück. Doch wenn es einen Song gibt, der programmatisch für die Metal Church des Jahres 2016 ist, dann ist es "No tomorrow". Die Amerikaner haben in der Vergangenheit – im übrigen auch in der ersten Howe-Ära – mehr als nur einen schrottigen Song produziert. Dies hier ist die ultimative Entschädigung für alles, die Blaupause des neuen Sounds. Was für ein grandioses Riff, und: Was. Für. Eine. Hook. Jeder, der sich mit Grausen von Vorgängerplatten wie "This present wasteland" oder dem völlig unmotivierten "Generation nothing" abgewandt hat, dürfte diesen Song, der das Potenzial zum Power-Metal-Hit des Jahres 2016 hat, mit offenen Armen in Empfang nehmen.

Nun muss allerdings auch gesagt werden: Kein Songschreiber dieser Welt dürfte imstande sein, dieses Niveau über eine komplette Albumdistanz zu halten. Exakt deshalb verbieten sich Sprüche wie "Pulver verschossen" oder "Luft raus" von selbst. Aber natürlich ist "Sky falls in" eher mittelspannend und eindeutig zu lang, will sich nicht jeder Melodiebogen sofort im Ohr festkrallen. Wie es besser klappen kann, zeigt vor allem "Needle & suture", das aus einer vordergründig völlig primitiven Akkordfolge ein galoppierendes Monster macht. Ganz so monströs wie 1989 "Blessing in disguise" kann "XI" natürlich nicht geraten. Und der Spagat zwischen nostalgischer Verklärung und Überhöhung des Maßstabs der Altwerke ist verdammt gefährlich. Doch wenn schon die Tatsache, dass Metal Church im Allgemeinen und Mike Howe im Speziellen überhaupt wieder auf professionellem Level Musik machen, überraschend ist, dann ist in Relation dazu das Niveau von "XI" nicht hoch genug einzuschätzen. Metal Church waren immer eine Band der zweiten Liga, nie auch nur ansatzweise zum Beispiel in der Nähe der Big 4, auch wenn zu Gründungszeiten 1981 ein gewisser Lars Ulrich mit der Band probte. In diesem Umfeld, mit diesem Anspruch ist "XI" eine der größten Überraschungen des noch jungen Jahres. Willkommen zurück.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Killing your time
  • No tomorrow
  • Needle & suture

Tracklist

  1. Reset
  2. Killing your time
  3. No tomorrow
  4. Signal path
  5. Sky falls in
  6. Needle & suture
  7. Shadow
  8. Blow your mind
  9. Soul eating machine
  10. It waits
  11. Suffer fools

Gesamtspielzeit: 58:30 min.

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eMSig70

Postings: 24

Registriert seit 07.04.2016

2016-04-28 08:07:31 Uhr
@Superhelge

Kannst Du das bitte noch etwas näher erläutern? Danke schön!

Superhelge

Postings: 636

Registriert seit 15.06.2013

2016-04-27 19:19:22 Uhr
Alle ne seltsame Auffassung von 80er Metallwaren hier...
hauptsache
2016-04-27 15:57:09 Uhr
tallicka

eMSig70

Postings: 24

Registriert seit 07.04.2016

2016-04-27 08:17:31 Uhr
@Neytiri
Okay, dann verstehe ich unsere abweichenden Wahrnehmungen. Ich mag den Klang der 'Blessing In Disguise' sehr, für mich eine der besten Produktionen in dem Bereich. Grundsätzlich war der Name Terry Date (zumindest damals) ein Garant für einen satten Klang.
Mit den Solo-Platten von David Wayne aka Reverend konnte ich hingegen wenig anfangen.

@hos
"andererseits wäre es vermutlich nicht so eine kultplatte geworden. gerade das cover veredelt diesen charakter irgendwie, auf seine ganz eigene art und weise."

Das stimmt natürlich. Ich weiß noch, dass ich die Platte beim Kauf in eine äußerst blickdichte Tüte habe packen lassen. ;)
hos
2016-04-16 01:02:58 Uhr
@eMSig70 :

" Das Marketing für 'Hanging In The Balance' war zudem ein Desaster. Mit einem anderen Cover und besserer Promotion wäre da wesentlich mehr drin gewesen."

da stimme ich dir zu. andererseits wäre es vermutlich nicht so eine kultplatte geworden. gerade das cover veredelt diesen charakter irgendwie, auf seine ganz eigene art und weise.


"aber aufgrund besagter Missstände hat sich das nicht in der gleichen Aufmerksamkeit niedergeschlagen."

ich denke, dafür war die band in gewisser hinsicht zu wenig massenkompatibel. sie haben sich einen sicheren platz in der zweiten garde erarbeitet, und mehr war für sie, trotz überragendem debut, auch nicht wirklich in sichtweite. da konnten sie damals auch mal locker Metallica an die wand spielen - für die meisten waren sie einfach nicht eingängig genug.

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