M83 - Junk

M83- Junk

Naïve / Indigo
VÖ: 08.04.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Rebel without a course

Anthony Gonzalez hat uns mit M83 "Midnight city" beschert, einen der besten Synthpop-Songs, seit es Synthpop-Songs gibt. Mit welcher Selbstverständlichkeit das einzig verbliebene Gründungsmitglied der französischen Band anno 2011 den verschrieenen Saxophon-Sound ins elektronische Gebilde pflanzte, bleibt ein großer Moment. Welthits, die die Welt nicht ausreichend würdigt. Man möchte sagen: Scheißegal, was jetzt noch kommt, Du hast "Midnight city" auf der Habenseite! Und man braucht wohl keine hellseherischen Fähigkeiten, um Gonzalez eine grundfeste "I don't care"-Haltung zu attestieren. "Junk" lautet der Titel des neuen Studioalbums von M83. Als Ausdruck für die selektive Rezeption von Musik. Aber vorwiegend, um das Zusammenleben der vorliegenden Songs zu erklären: in sich geschlossen, aber eben ohne verbindenden Überbau oder intertextuelle Verwebungen. Eine Kompilation, dessen roter Faden es ist, keinen haben zu wollen – und deshalb Blinde Kuh mit sich selbst spielt. Treffer? Mal gucken.

Wo fangen wir an? Beim großartigen Cover! Sollten in Sesamstraßen-Samsons Fell Läuse und Essenreste wohnen: Hier ist das Abziehbild. Die bunte, vielfältige Seite ist "Junk" somit schon mal auf den Plattenleib geschneidert. Die erste Single macht genau da weiter. Ein Durcheinander aus zirkulierenden E-Pianotönen, Synthie-Simsalabim, gefederten Bassläufen, und vokalischen Spielereien: "Do it, try it." Ändert Nike just jetzt seinen Slogan? Vielleicht. Zunächst aber M83 die Richtung. "Go!" räumt Bläsern mehr Präsenz ein und schmiedet eine discoide Allianz der Daft-Punk-Platten "Random access memories" und "Discovery". Der gniedelnde Gast-Gitarrist Steve Vai versumpft indes bei seinem Solo beiläufig in den Achtzigerjahren und schert sich einen Kehricht über den unvollständig runtergezählten Countdown.

Sonst endet aber nix, es geht erst los in diesem Strudel aus unverschämten und unverschämt eingängigen Käsigkeiten. Mit viel gutem Willen und drei zugekniffenen Ohren darf sich "Moon crystal" noch Phillysoul-Interlude nennen. Vielmehr aber schenken uns M83 das uneheliche Kind aus den Serien-Intros "Die Schwarzwaldklinik", "Hart aber herzlich" und "Ich heirate eine Familie". Pi mal Daumen. Oder schlicht Warteschleifenmusik, gesummt in Aufzügen von Telenovela-Darstellern aus der Zeit vor Telenovelas. Wer die zweieinhalb Minuten ohne Skippen übersteht, landet bei Susanne Sundførs Gastbeitrag, die sich auf "For the kids" als Mitglied der Carpenters ins Gespräch bringt oder als Duettpartnerin für Robin Gibb und Luther Vandross. Von "I know my love will last for eternity" zu "My love, there's only you in my life" ist es ja nicht mehr weit. Müßig zu erwähnen: die smoothe Balladen-Veredelung durch ein Saxophon. Wer das Instrument lieber in der Uptempo-Variante eingesetzt sieht, sollte sich die Glenn-Frey-meets-ABC-meets-Wham!-Variante des eingesprungenen Hits "Road blaster" notieren.

"Junk" aber ist keine Kauderwelsch-Veranstaltung. Das Album nimmt sich die Freiheit, anno 2016 verschroben retrospektiv zu klingen, scheut weder Wagnisse noch Stolpersteine und legt einen wehmütigen Schleier über die unbekümmerte Herangehensweise. In "Saturday night 1987" ertönt ein Stevie-Wonder-Mundharmonika-Solo – nur eben ohne Stevie Wonder. Dafür gibt sich der echte Beck im relaxten "Time wind" die Ehre. "Bibi the dog" erinnert nicht nur wegen der französischen Vocals von Sängerin Mai Lan an mit Bläserfanfaren versehene, discoide Visage und "Walkway blues" lebt von changierenden Synth- und zarten Bläsertönen, integrierter Robotik und dem vernebelten Vermächtnis Duran Durans.

Die Ätherik des anderthalbminütigen "Ludivine" hätte noch gut auf "Hurry up, we're dreaming" gepasst, aber sonst begehen M83 schon eine recht radikale Abkehr vom Vorgänger. Nach jenem Album schrieb Gonzalez unter anderem den Soundtrack zu "Oblivion". Die ohnehin schon dichten, epischen Arrangements profitieren in dem sphärischen, sich auftürmenden Gebilde "Solitude" aber ganz sicherlich davon. Solche Stücke und Interludes wie "The wizard" und "Tension" stehen auf "Junk" unmittelbar neben der auf Französisch vorgetragenenen, alternierenden Piano-Ballade "Atlantique sud" sowie dem House-Piano von "Laser gun", dessen Groove sicherlich schon mal Gap Bands "Ops upside your head" gelauscht hat. Das Miteinander ist Krux und Segen zugleich.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Do it, try it
  • Walkway blues
  • Solitude
  • Road blaster
  • Atlantique sud

Tracklist

  1. Do it, try it
  2. Go!
  3. Walkway blues
  4. Bibi the dog
  5. Moon crystal
  6. For the kids (feat. Susanne Sundfør)
  7. Solitude
  8. The wizard
  9. Laser gun
  10. Road blaster
  11. Tension
  12. Atlantique sud
  13. Time wind (feat. Beck)
  14. Ludivine
  15. Sunday night 1987

Gesamtspielzeit: 55:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
nilo
2016-04-14 10:57:58 Uhr
ich finds auch verstörend aber geiL
OuterHeaven
2016-04-14 10:33:23 Uhr
Heißt ja auch Jung (;
vincent92
2016-04-14 07:40:21 Uhr
sorry, kann ich nicht nachvollziehen.
alle bisherigen alben waren top.
dieses ist leider nur schrott:-(

musie

Postings: 2209

Registriert seit 14.06.2013

2016-04-12 13:37:28 Uhr
pf halt. wer bloss die Erwartungshaltung erfüllt, wird langweilig. genau deshalb gibt's hier für die nächste vom Goldenen Reiter eine 8/10..

Mister X

Postings: 2146

Registriert seit 30.10.2013

2016-04-12 12:44:59 Uhr
mir hat das album genau so gut gefallen wie der vorgaenger. ka was pitchfork da wieder zu mosern hat. aber wird ja zu deren neuen trend interpreten die bnm zu verweigern, die sonst immer bnm wurden
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  • M83 (20 Beiträge / Letzter am 27.10.2012 - 12:42 Uhr)