Frightened Rabbit - Painting of a panic attack

Frightened Rabbit- Painting of a panic attack

Atlantic / Warner
VÖ: 08.04.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Körperwelten

Lepra, Blut und rollende Köpfe. Knochen, gefunden im heimischen Garten. Verletzungen aus dem Kampf Mann gegen Bestie. Frightened Rabbit musizierten stets am menschlichen Körper entlang, sezierten fein säuberlich die Befindlichkeiten und fanden dafür drastische Metaphern: "I'm drunk, I'm drunk / And you're probably on pills / If we both got the same diseases / It's irrelevant, girl" hieß es schon vor acht Jahren im fantastischen Song "Keep yourself warm" auf "The midnight organ fight". Die Schotten kehrten das Innere stets nach Außen, machten keinen Hehl aus den Narben, Wunden und Abschürfungen, die man eben so erleidet im Laufe eines Großstadtlebens. Auch auf ihrem fünften Album "Painting of a panic attack" folgen Scott Hutchison und Co. dem leidvollen Pfad, singen von Alkoholsucht, kaputten Gebeinen und Gelenkschmerzen nach dem Aufstehen. Und doch sind Frightened Rabbit sicherlich keine Band fürs Altersheim: Ihre Songs sind kleine Dramen, narrativ, verspielt und hart. Poesie als Katharsis, Kunst aus dem Verderben heraus. Vermutlich trifft ihre Musik auch deswegen so ins Herz, durchdringt Mark und Bein, wühlt den Magen auf, setzt sich im Hirn fest, schießt ins Ohr, wenn man mal wieder einen rabenschwarzen Tag erwischt hat.

Stilistisch hingegen hat die Band durchaus den ein oder anderen Richtungswechsel vorgenommen. Der trockene Folkrock der Anfangstage ist heute nicht viel mehr als das Grundgerüst der Songs, die nun opulenter instrumentiert sind, auch mal Pop zulassen, wenn dies nötig erscheint. Nichtsdestotrotz bleibt Hutchisons Songwriting auf einem extrem hohen Niveau, mit melodischen Verschiebungen, orchestralen Nadelstichen und Refrains zum Niederknien, wenn einem ebendies noch schmerzfrei möglich ist. Mit jedem Album wuchsen Frightened Rabbit ein wenig weiter, bekamen mehr Selbstbewusstsein, eine breitere Brust und eine größere Armspannweite. Das mag dem ein oder anderen Anhänger der ersten oder zweiten Stunde vielleicht missfallen, aber so, wie der Mensch mit jeder Erfahrung reift und sich Stück für Stück verändert, so entwickeln sich eben auch ausgemachte Lieblingsbands weiter. "Painting of a panic attack" ist dementsprechend ein Update vom Update vom Update: Zeugnis einer gelungenen Evolution und Beweis dafür, dass man auch mit dem fünften Album noch berühren kann wie am ersten Tag. Dass die Schotten wohl nie wieder die grandios-intime Intensität von "The midnight organ fight" erreichen werden, kann kein Grund sein, die neue Platte zu verschmähen. Denn in den letzten Jahren kam lediglich Sufjan Stevens' Nostalgie-Meisterwerk "Carrie & Lowell" an die fesselnde und atemraubende Qualität der besagten LP heran.

Die Platte, an der Frightened Rabbit mit The-National-Mastermind Aaron Dessner gearbeitet haben, beginnt mit dem prophetischen "Death dream": Ein melancholischer Song, der mit Pianoklängen beginnt, Hutchison singt in Kopfstimme zarte Verse darüber, bis sich die Atmosphäre langsam verdichtet, die Nummer fast unmerklich lauter wird, die Gitarren im Hintergrund graue Schattierungen hinzufügen. Zum Ausbruch kommt es nicht, es schwelt unter der Oberfläche, gute vier Minuten lang, bis man letztlich aus dem Traum erwacht. Ohne Sturz aus höchsten Höhen, ohne Schmerz. Mit dem folgenden "Get out" schlagen Frightened Rabbit dann eine andere Route ein, straight forward, ein klassischer Rocksong aus der Feder Hutchisons: Er will ein Mädchen vergessen, unweigerlich aus der Erinnerung löschen, doch er bekommt sie nicht aus dem Herzen, sie hat sich in seine Seele eingebrannt, tief und fest, vielleicht sogar für immer. Wer von uns läuft ohne solche Brandmarkungen durch die Welt? Wer kann behaupten, völlig ohne jene Dämonen zu sein, die dereinst verheißungsvoll eine glänzende Zukunft versprachen, mittlerweile aber den Schlaf rauben?

Frightened Rabbit richten den Blick auf das Zwischenmenschliche, auf die Codes und Interaktionen zwischen Individuen, sie erzählen von Hoffnungen und Katastrophen: "I wish I was sober" startet beispielsweise mit Klavier und Drums, die Stimmung erinnert hier, wie auch sonst auf "Painting of a panic attack", ein wenig an das Œuvre der Editors, dramatisch steigert sich der Song immer weiter in die Sucht, die hier sinnbildlich steht für vieles, was schief laufen kann. Im Leben, in einer Beziehung, im eigenen Kopf, wenn man nicht klar sieht. "Woke up hurting" verhandelt hingegen ein Gefühl der Entfremdung: Unvermittelt tritt der Schmerz ein, direkt nach dem Aufwachen, beinahe eine kafkaeske Situation, würde auf instrumentaler Ebene nicht die Sonne durch das tiefe Wolkendickicht scheinen. Auch dies ein Trademark der Schotten: Ihre Stücke lassen auch immer ein wenig Restraum für den Silberstreif am Horizont, spenden bei aller offensichtlichen Ausweglosigkeit immer noch Mut. Dies drücken sie nicht allein mit Worten aus, sondern finden auch auf musikalischer Ebene Mittel und Wege. Und so ist auch der zunächst etwas deprimierend wirkende Albumtitel eine Spiegelung jener gemischten Gefühlswelt, in die man als Einzelner oft gerät: Zwischen Schönheit und Verderben, zwischen dem Stechen in der Brust und den Schmetterlingen im Bauch, liegen oft nur ein paar Momente. Wenige Bands bringen dies besser auf den Punkt als Frightened Rabbit.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Get out
  • Woke up hurting
  • 400 bones

Tracklist

  1. Death dream
  2. Get out
  3. I wish I was sober
  4. Woke up hurting
  5. Little drum
  6. Still want to be here
  7. An otherwise disappointing life
  8. Break
  9. Blood under the bridge
  10. 400 bones
  11. Lump street
  12. Die like a rich boy

Gesamtspielzeit: 45:09 min.

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User Beitrag

Pepe

Postings: 175

Registriert seit 14.06.2013

2016-11-02 19:24:36 Uhr
Werde auch mit ein paar Kollegen in Köln sein und bin schon sehr gespannt, Frightened Rabbit zum allerersten Mal live erleben zu dürfen.
"Get Out" war für mich von Anfang an ein Ohrwurm und für mich mit "Head Rolls Off" mein Lieblingssong von Frightened Rabbit.

mispel

Postings: 1931

Registriert seit 15.05.2013

2016-11-02 18:31:53 Uhr
Freu mich wie ein Schnitzel auf das Konzert in Köln. Das Album hat nichts von seiner Stärke eingebüßt. Und "Get Out" würde ich mittlerweile als ihren besten Song bezeichnen.

PS: Möge seno nicht recht behalten.

seno

Postings: 3047

Registriert seit 10.06.2013

2016-08-26 13:48:23 Uhr
Ich habe ja so die Befürchtung, dass es die Band nicht mehr lange geben wird. Sie können zwar noch so sehr beteuern, dass das alles nicht so schlimm ist, aber wirklich gut klingt das alles nicht.

Erst das hier:

I will keep this short and to the point, there's no real need to go into great detail. I had a bit of a meltdown on Saturday, for various reasons. Some of you may have witnessed it, some of you may not have and some of you may not really care, but I said some regretful things on Twitter. I'd like to attempt to set that straight. Sometimes when life goes awry the reaction is to destroy and say "fuck it all" and unfortunately that's what I did. In spite of this, it's not the end of our band and (in the sobering light of day) I don't truly believe the things I said. On the plus side I have a greater appreciation of the pitfalls of mixing alcohol, depression and social media. In case you were in any doubt, it's a terrible idea. For now, the priority is recovery, so regretfully we have decided to cancel our appearances at Haldern and Rock Am See. Sometimes there are more important things than playing shows and we wouldn't be pulling out if we didn't think it was necessary. Lastly, I'm sorry if I caused any alarm. If you have ever been through a low-point in life I'm certain you'll understand. If you haven't ever been through the muck, you are a lucky bastard.

Scott



Und jetzt das

We are sorry to share that Grant will not be touring with FR on the upcoming dates. Here is his message to you. We support him in this and can’t wait to have him back with us soon. - FR

'This band and the people involved with it are extremely important to me and to avoid jeopardising those relationships and the future of the band, I've decided it would be best for me to take a break from it all. This is not the end of my time with FR and although the decision was difficult, I feel it is the right one for me to make at this time and will ultimately be good for us all.

So as not to let anyone down, the band will be continuing without me for now. There is some rebuilding to do that will require time, but I'm confident this is just a minor wobble and we'll be strong and steady again soon. Thank to the fans for your ongoing support, it means so much to me and to us all.

Much love
G x'


Quelle: Facebook

Hollowman

Postings: 120

Registriert seit 14.06.2013

2016-07-29 08:48:11 Uhr
Ich bin in Köln dabei. Hab sie schon auf der letzten Tour live gesehen, ist absolut zu empfehlen.

Das neue Album find ich weiterhin top, höre ich auch nach ein paar Monaten weiterhin sehr regelmäßig und gerne.

Der Untergeher

Postings: 936

Registriert seit 04.12.2015

2016-07-22 12:30:42 Uhr
Ich finde das Album auch ziemlich stark. Hat überhaupt nicht abgebaut, seit dem Erscheinen, ganz im Gegenteil. Ein wahrlich subtiler Grower. Ist für mich nach "Midnight Organ Fight" ihre beste, hätte ich unmittelbar nach dem Erscheinen nicht erwartet.

@mispel:

Zu dem Thema hat SoundMax eigentlich schon alles gesagt:

Ich denke, sie haben schon einen Bekanntheitsgrad, auf den man stolz sein kann. Zum einen wird es auch mit der besonders melancholischen Grundstimmung schwierig, die breite Masse zu begeistern. Aber spätestens seit Pedestrian Verse mit the Woodpile kennt man sie nicht mehr nur in der Indie-Ecke.
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