The Range - Potential

The Range- Potential

Domino / GoodToGo
VÖ: 25.03.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Cliptomane

Guck mal, meine Katze schläft auf dem Rücken. Hier lernt Ihr, wie ein Brikett den Kajal ersetzt. Wie kann man eigentlich mit einem Smartphone telefonieren? Und das ist Jens, wie er betrunken in den Garten des Nachbarn kotzt. Jede Minute werden etwa 300 Stunden Material auf YouTube hochgeladen. Von Menschen, die glauben und hoffen, nicht zu den 299,8 Stunden zu zählen, die völliger Scheiß sind. Oder die denken, dass das inzwischen zum guten digitalen Ton gehört. James Hinton alias The Range aus Brooklyn suchte in den Untiefen der Plattform nach Clips mit wenig Clicks. Amateur-Musiker, unbekannte Sänger, Rapper etc. – "Right now, I don't have a backup plan for if I don't make it / But even if / I'll just decide to move on", instruiert sich ein Londoner MC, dessen 45-View-Aussage The Range veranlasste, damit den Opener "Regular" einzuleiten.

Schon für seinen Vorgänger "Nonfiction" nutzte Hinton YouTube als imminent wichtige Inspirationsquelle. Bei "Potential" ist es mehr als das. Basis aller Tracks bildeten vokalische Ausschnitte. Den repetitiv arrangierten Satz MC SdotStars ummantelt Hinton mit einem weichen, raumfüllenden Bass und lässt erst dann weitere Worte des MCs folgen. "I'll just decide to move on to something bigger and better." Mit der sukzessiven Nutzung der Lyrics erlaubt sich Hinton eine freiere Entwicklung des Stücks. Und mit der kurzzeitigen Addition einer weiblichen Stimme auch eine weitere songinterne Rezeptionsgeschichte.

Der Albumtitel "Potential" besitzt also durchaus eine Mehrdeutigkeit. The Range hat in YouTube ein differenziertes Potenzial gesehen. Er verhilft Menschen, die über die Plattform die Öffentlichkeit suchten zu einer bis dato ungeplanten Partizipation an einer völlig anderen Form ebenjener Öffentlichkeit. Die Einbindung in Songs verband Hinton mit der Suggestion, welche Persönlichkeiten sich hinter den Stimmen wohl verbergen und welches Stück Ihnen gerecht werden könnte. In "Copper wire" transferiert der New Yorker das gesungene Exzerpt "Without you" in eine glitzernde Synthie-Welt; in "1804" formieren sich Dancehall-Elemente und Pianolinien. Das ist auch so ein Ding mit "Potential". The Range wechselt zwar im Sound zwischen HipHop, Electronica, R'n'B, Footwork, Grime, Breakbeat und Downbeat, aber die Stücke eint der Hauch von berauschter Melancholie. Zudem bleiben trotz schwelgerischer Synthies und abgefederter Bässe Tracks wie das mit Steel-Pan versehene "Florida" tanzbar.

Letztlich könnte über "Potential" auch "Dekontexualisierte Klanginstallationen" stehen. Hinton kann zwar Tracks um die Clips bauen, aber sie sind in der Regel auch als einst separierter Teil erkennbar. Die Ursprünge sind ja auf Amateur-Basis entstanden. Es rauscht, die Lautstärke musste zur besseren Wahrnehmung gegebenfalls hochgezogen werden und mit ihr die Hintergrundgeräusche. Das unterscheidet "Potential" von der gängigeren Form des Samplings, das eine rundere Form der Einbindung erlaubt. Man muss Hintons Idee also auch nicht größer machen, als sie ist. Aber The Range ist mehr als überzeugt von seiner Arbeitsweise. Über seine reale Suche nach den Clip-Stimmen wird es sogar eine Dokumentation geben. Deutschland wünscht viel Erfolg aus der Ferne. Denn, Ironie des Schicksals, hier sind Videos von The Range bei YouTube leider nicht verfügbar.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Regular
  • Florida
  • 1804

Tracklist

  1. Regular
  2. Copper wire
  3. Florida
  4. Superimpose
  5. Five four
  6. Falling out of phase
  7. No loss
  8. Skeptical
  9. Retune
  10. So
  11. 1804

Gesamtspielzeit: 40:25 min.

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User Beitrag
vincent92
2016-04-19 07:43:46 Uhr
klasse album.
Stefan M.
2016-03-31 12:34:37 Uhr
Sehr gute Rezension. Für seine Art von Musik habe ich "The Range" schon immer bewundert. Ich freue mich, dass er nun nach einer kleiner Schaffenspause zurück ist...

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2016-03-30 22:31:52 Uhr
Frisch rezensiert.

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