Filter - Crazy eyes

Filter- Crazy eyes

Spinefarm / Caroline / Universal
VÖ: 08.04.2016

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ohne Durchblick

Irgendwann kommen sie alle zurück, die alten Helden. Faith No More, My Bloody Valentine oder Soundgarden. Und siehe da, auch Filter, die mit ihren ersten beiden Alben "Short bus" und "Title of record" die zweite Hälfte der Neunziger bereichert haben, finden sich auf der VÖ-Liste wieder. Nach langer Pause, möchte man meinen. Aber Moment, was steht hier? Siebte LP? Ja, richtig. "Crazy eyes" ist Platte Numero sieben im Œuvre der alten Recken aus Ohio, denn die Band hat auch im neuen Jahrtausend recht beständig Alben veröffentlicht. An vorderster Front standen Filter ohnehin nie, aber die Fanbase hatte sich nach den eingangs erwähnten Werken deutlich auf einen harten Kern reduziert, während die Platten an der Mehrheit unbemerkt vorbeigingen – ein Wortspiel mit dem Bandnamen darf sich an dieser Stelle jeder selbst hinzu denken. Und wie es oft propagiert wird, soll "Crazy eyes" nun eine Neuorientierung darstellen. In diesem Zuge wurde die komplette Bandbesetzung nach "The sun comes out tonight" abermals ausgetauscht. Kein Novum in der Bandgeschichte – Gitarrist und Sänger Richard Patrick ist seit einigen Jahren das einzige konstante Mitglied.

Zumindest die Sache mit der Neuausrichtung muss anerkannt werden: Vom Bandsound der Vorgänger ist anno 2016 kaum noch etwas übrig. "Es geht darum verdammt anders, fortschrittlich und originell zu klingen", ließ Patrick verlauten. Doch Anspruch und Realität gehen mittlerweile getrennte Wege. "Crazy eyes" kann bestenfalls als originell bezeichnen, wer noch nie einen Nine-Inch-Nails-Song oder generell etwas von Industrial-Rock gehört hat. Nicht nur der Albumtitel klingt so, als wären höchstens fünf Sekunden Bedenkzeit darauf verschwendet worden, auch die Musik zeichnet sich durch generisches, völlig austauschbares Bollern aus. Es ist kaum zu zählen, wie oft der Trick eingesetzt wird, die Lautstärke zunächst vollkommen herunterzufahren und anschließend die altbackensten Blastbeats aus den Boxen zu hauen, die nur vorstellbar sind. Die vollkommen übersteuerte Produktion zerrt überdies konstant am Nervenkostüm und macht die Mehrheit der Songs schwer unterscheidbar voneinander. In Sachen Stumpfheit und Eindimensionalität erinnern Filter an die Bankrotterklärung "The path of totality", mit der sich Korn im Dubstep-Genre gehörig blamiert hatten.

Noch schlimmer wird es, wenn "Crazy eyes" dann tatsächlich Ideen auffährt, die außerhalb des vertraglichen Rahmens liegen. Sinnlose Breaks in "Kid blue from the short bus, drunk bunk" mit unpassenden Spoken-Word-Einwürfen, die an schlechte Action-Shooter aus den Neunzigern erinnern, beispielsweise. Oder die Power-Viertelballade "Welcome to the suck (Destiny not luck)", die tatsächlich genauso beschissen ist wie ihr Titel. Oder das fast vollständig instrumentale "Under the tongue", das den sechsminütigen Gipfel der Langeweile darstellt. Da fallen Standards wie "Head of fire" und "Tremors" schon dadurch positiv auf, dass sie gefällig bleiben. Hier lässt sich ungefähr erahnen, dass Filter auch mal richtig große Songs geschrieben hatten und in welche Richtung "Crazy eyes" hätte gehen können. Auch "Pride flag" wartet mit einem knalligen Refrain auf, den man aber aufgrund des furchtbaren Textes lieber nicht mitgrölen möchte. Der kaputte Faktor von Patricks Stimme ist ohnehin kaum zu imitieren, mehr denn je klingt er wie eine Mischung aus Gollum und einem Perry Farrell, dem die Wick Blau ausgegangen sind. Ein versuchter Neuanfang also in allen Ehren, aber angesichts des vorliegenden Schlamassels von einem Album kann man lediglich wie verrückt mit den Augen rollen. Und die Ohren besser schließen.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Head of fire
  • Tremors

Tracklist

  1. Mother E
  2. Nothing in my hands
  3. Pride flag
  4. City of blinding riots
  5. Take me to Heaven
  6. Welcome to the suck (Destiny not luck)
  7. Head of fire
  8. Tremors
  9. Kid blue from the short bus, drunk bunk
  10. Your bullets
  11. Under the tongue
  12. (Can't she see) Head of fire, part 2

Gesamtspielzeit: 50:43 min.

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User Beitrag
random
2016-07-11 21:03:16 Uhr
Naja, jetzt fühle ich mich irgendwie doch fast wie der hier erwähnte Plattenfirmen-Praktikant, nachdem ich Filter so lange im Gespräch halten konnte... dabei hatte ich die Band schon abgeschrieben gehabt, aber ich kann mir nicht helfen: Crazy Eyes gefällt mir tatsächlich gut und es macht großen Spaß das Album zu hören.
Also
2016-07-11 16:54:49 Uhr
Wenigstens spricht sich Patrick klar gegen Trump aus. Dafür kann man schonmal einen Punkt mehr geben.

Letzteres hat die Rezension doch auch gemacht ;).
random
2016-07-11 16:49:08 Uhr
Patrick ist ein guter, auch wenn er nicht der intelligenteste Kerl ist, der so rumläuft. Ich finde es gut, dass er mit Filter weitermacht, auch wenn die Multiplatinum-Zeit längst vorbei ist und seine Musikrichtung schon lange nicht mehr hip ist.

nörtz

Postings: 4978

Registriert seit 13.06.2013

2016-07-11 16:26:15 Uhr
Wenigstens spricht sich Patrick klar gegen Trump aus. Dafür kann man schonmal einen Punkt mehr geben.
@random
2016-07-11 16:19:37 Uhr
Junge, mach dir nichts draus, ich glaube, der ist gewohnheitsmäßig ein bisschen aggro. Ist aber okay, Junge.
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