Matt Corby - Telluric

Matt Corby- Telluric

Warner
VÖ: 11.03.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Ruhe selbst

Man könnte sich drei Stichworte zu Matt Corby rauspicken, die allesamt zuträfen, und sie fertigten ein Bild, ein Klischee, wie es falscher nicht sein könnte. Spielen wir es mal durch: Casting-Show-Teilnehmer, Singer-Songwriter, Titel wie "Oh oh oh" und "We could be friends". Und? Wer hat gedanklich schon einen Haken an die Platte gemacht und die Messlatte auf Grasnarben-Höhe gelegt? Dann wäre jetzt der Zeitpunkt, mit dem Tintenkiller das Hirn einzupinseln. "Telluric" ist eines der stärksten Singer-Songwriter-Alben des noch jungen Jahres – wenn man es als solches überhaupt kategorisieren kann –, weil es mit beängstigender Konstanz in sich ruht, Soul getankt hat und so modern sein möchte wie Toast Hawaii.

Erster Lerneffekt: Gaffa-Tape wurde erfunden, um all jenen den Mund zuzukleben, die bei Corbys Vortrag des maximal spartanisch instrumentierten "Good to be alone" reden, husten oder zu laut atmen. Kein Rauschen ist unterdrückt, kein Feedback digital wegradiert, Corby hängt Gitarre zupfend am Mikrofon und spricht über die illusorische Vernunft der Einsamkeit. Theoretisch hätte er "Telluric", das Irdische, damit enden lassen können. Nahbarer, direkter, irdischer kann man einen Song kaum vortragen. Nur fiele dann "Empires attraction" aus der Betrachtung. Der 25-Jährige diskrediert darin Banken und Politiker als Retter und bringt verschmitzt eher Prince und Wu-Tang Clan als Alternativen unter, während Wah-Wah-Effekte den Song aus dem Soul ins Psychedelische schaukeln.

Wenn man sich das so rückwirkend vergegenwärtigt, hat Corby ganz schön Nerven. Vor "Telluric" gab es fünf (!) EPs, die mit der vorliegenden Debütplatte musikalisch herzlich wenig gemeinsam haben, und ein komplett fertiges Album, das er vor zwei Jahren wieder in die Tonne haute, weil es sich falsch anfühlte. Letztlich liegen neun Jahre zwischen seinem ersten öffentlichen Auftritt bei Australian Idol und "Telluric". Corby war 16, wurde Zweiter und empfindet seine Teilnahme inzwischen als "big fucking mistake". Die Sorge, als Casting-Type abgestempelt zu werden, spielt in die lange Odyssee der LP-Identitätssuche unweigerlich hinein.

Dennoch dürfte das kein Beinahe-Jahrzehnt des Zuckerschleckens für den Mann aus Sydney gewesen sein. So gräbt sich Corby auf "Telluric" sehr selbstkritisch in seine Gedankengänge, gesteht sich zum Key-Groove von "Knife edge" ein "I get angry at myself for trying to impress you", erklärt in "Monday" zu Handclap-Gospel "No bible no more" und eröffnet das Album mit Blick auf das große Ganze: "We are the fixture of industry so then why go on?" Vom energisch vorgetragenen Folk-Pop seiner 2011 veröffentlichten und in Australien (zurecht) x-fach dekorierten Single "Brother" indes bleibt lediglich Corbys Stimme über. Wobei "lediglich" deren Range – exemplarisch sei "Do you no harm" genannt – als Attributierung nicht gerecht wird und Corbys Fähigkeit ausklammert, in jeder vorhandenen stilistischen Verästelung so unaufgeregt und anschmiegsam zu wirken wie in Fleece gewickelte Bartstoppeln.

Zwar hat der 25-Jährige instrumentale Unterstützung auf der Platte, spielt aber selbst Gitarre, Bass, Keyboard und Drums zu Stücken, die sicherlich beeinflusst wurden von Prince, Donny Hathaway, Marvin Gaye, Steely Dan und D'Angelo. Der große Auftritt in "Sooth lady wine" gebührt allerdings der Hammond-Orgel. Sie ist der Grund, warum sich Hippies und Freunde der frühen Tame-Impala-Alben beseelt durch die Haare streichen, als Corby dieses smoothe Stück Musik mit Flöte erweitert und singt: "You sold me out to the man with the nuclear plan in his hands / But he don't understand the free world and its demands." Man möchte dazu mit geschlossenen Augen in Zeitlupe auf sonnengetränkten Seifenblasen taumeln. Aber halt: Statt sich im kalten Frühjahr in diese Lage hineinzukiffen, empfehlen wir eher ein ausgedehntes Joint Venture mit "Telluric" in Gänze.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Sooth lady wine
  • Do you no harm
  • Good to be alone

Tracklist

  1. Belly side up
  2. Monday
  3. Knife edge
  4. Oh oh oh
  5. Wrong man
  6. Sooth lady wine
  7. Do you no harm
  8. We could be friends
  9. Why dream
  10. Good to be alone
  11. Empires attraction

Gesamtspielzeit: 45:08 min.

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Armin

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2016-03-30 22:30:08 Uhr
Frisch rezensiert.

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