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Deftones - Gore

Deftones- Gore

Reprise / Warner
VÖ: 08.04.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Gesetz der Serie

Betriebssysteme von Microsoft und Deftones-Alben haben eines gemeinsam: Geliebte und weniger geliebte Releases wechseln sich in der Historie ab. In Redmond sorgt man seit dem seligen Windows 95 dafür, dass jede zweite Version getrost ausgelassen werden kann. Und seit ihrem Opus magnum "White pony" aus dem Jahr 2000 trafen die kalifornischen Metaller vor allem mit dem experimentell breitgefächerten "Saturday night wrist" und dem in sich geschlossenen "Koi no yokan" auf die größte Gegenliebe. Verschwiegen werden soll aber nicht, dass die Täler dazwischen im genannten Vergleich deutliche Höhenunterschiede aufweisen: "Deftones" und "Diamond eyes" stellten alles andere als schwarze Schafe in der Diskographie dar, schindeten nur als konventionellere, songorientiertere Platten weniger Eindruck. Wären Katastrophen wie Windows Millennium Edition oder gar Vista dagegen Musikalben, wäre wohl eher etwas in dieser Qualitätsklasse die Entsprechung. Ein ungutes Vorzeichen dennoch für "Gore", das mittlerweile achte Deftones-Album, aber alle Leitern und schwarze Katzen sollen selbstverständlich zum Zweck der Unvoreingenommenheit ignoriert werden.

Ein einschneidendes Erlebnis seit der letzten LP war vor allem der Tod des ehemaligen Bassisten Chi Cheng, welcher nach mehreren Jahren im Koma im April 2013 an den Folgen seines Autounfalls verstarb. Schon zuvor war zwar absehbar, dass Cheng wohl nie wieder seinen Platz in der Band einnehmen würde, doch erst zu diesem Zeitpunkt musste der endgültige Abschied vom ehemaligen Weggefährten verkraftet werden. Was dies für das lang angekündigte, bislang unveröffentlichte Material unter dem Titel "Eros" bedeutet, bleibt weiterhin unklar. Stattdessen gibt es "Gore": nicht nur ein zähnefletschender Titel, sondern auch haarscharf am rückwärts gelesenen "Eros" vorbei. Ein Zeichen? Deftones anno 2016 präsentieren sich hörbar unbeeindruckt von Trauerverarbeitung oder alten Songideen. Vielmehr klingt es konsequent nach dem Fortsetzen ihrer Route, business as usual sozusagen.

Chino Moreno schreit wieder deutlich mehr als auf dem insgesamt recht zurückhaltenden Vorgänger und insbesondere im Quartett am Anfang der Platte häufen sich die metallisch gefärbten Tracks. Die Vorboten "Prayers/Triangles" und "Doomed user" lassen Wörter wie "solide" oder "Routine" zur Beschreibung in den Sinn kommen. Insbesondere erstgenannter Song ist eine äußerst seltsame Wahl als Opener und hätte mitten im Album eine deutlich bessere Figur abgegeben als an dieser tragenden Stelle. Deftones waren allerdings nie eine Band, die sich von Album zu Album neu erfunden haben. Der Sound wurde stets im Detail perfektioniert, tektonische Verschiebung statt Soundrenovierung war und ist immer noch die Devise. Doch "Gore" macht es schwieriger als alle Vorgänger und schlägt ständig Haken im Songwriting. Auch wenn die vier Eröffnungssongs letztlich überzeugen: Ein griffiger Einstieg ins Album fehlt, kein ins Gedächtnis gehämmerter Slogan wie in "Rocket skates" in Sicht, kein wie Öl runtergehender Refrain, den "Tempest" zu bieten hatte. Hits? Fehlanzeige.

Ab "Hearts/Wires" weicht die Herangehensweise etwas auf, die Band lässt mehr Melodien zu, ihre immer präsente, atmosphärische Seite kommt in den Vordergrund, ohne jedoch zu greifbar zu werden. Ungewohnt, jedoch sehr gelungen sind die dezenten Hardrock-Einschübe in "Pittura infamante" – samt "Uhh"- und "Ahh"-Chören, die ganz dezent im Hintergrund platziert werden. Für noch mehr relative Exotik sorgt zudem der Gastauftritt von Alice-In-Chains-Kollege Jerry Cantrell im Semifinale "Phantom bride", der beweist, dass auch ein Gitarrensolo sich wundervoll in den Deftones-Sound einfügen kann. Ein wohltuender Moment, nachdem der kompromisslose, komplexe Titeltrack mit erfindungsreichen Drumfiguren und Morenos markerschütterndem Gebrüll verbrannte Erde hinterlassen hat.

Es fällt mit jedem Durchlauf leichter, ihr neuestes Kind zu mögen, wenn sich die verknoteten Fäden nach und nach entwirren und allen voran sich der Abschluss des Albums ab dem epischen "(L)MIRL" als großartig entpuppt. Der Sound ist bewährt, das Songwriting top – und dennoch lässt sich nicht verhehlen, dass die große Begeisterung diesmal ausbleibt. Ein verdammt gutes Album ist es geworden, einzig fehlt der letzte Schuss Genialität, der ihre Meisterwerke ausmacht. Von den Experimenten, die – so munkelt man – im Studio stattgefunden haben sollen, sind auf den finalen Songs kaum Anzeichen zu entdecken. Dass ein solches Album mit als schwächstes der Band seit über 20 Jahren bezeichnet werden kann, sagt allerdings lediglich aus, was für einen konstant hochklassigen Output die Truppe schlichtweg fabriziert. "Gore" ist also das Update, was Veränderung im Kleinen bringt und den Endanwender rundum zufriedenstellt. Und doch muss auf sehr hohem Niveau gejammert werden. Verdammtes Gesetz der Serie.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Geometric headdress
  • (L)MIRL
  • Gore
  • Rubicon

Tracklist

  1. Prayers/Triangles
  2. Acid hologram
  3. Doomed user
  4. Geometric headdress
  5. Hearts/Wires
  6. Pittura infamante
  7. Xenon
  8. (L)MIRL
  9. Gore
  10. Phantom bride
  11. Rubicon

Gesamtspielzeit: 48:17 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26443

Registriert seit 07.06.2013

2021-10-14 21:05:15 Uhr
Aber wohl nur Co-Producer und Engineer. Also geht das wohl auch zu weiten Teilen auf die Kappe der Band, was ich sehr überraschend finde.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26443

Registriert seit 07.06.2013

2021-10-14 15:10:57 Uhr
Laut Wiki war Gore von Deftones und Matt Hyde produziert. Der kommt sonst nie vor bei denen, während z.B. "Diamond eyes" und "Koi no yokan" vom gleichen sind. Also wohl klassisch falsche Produzentenwahl bei "Gore".

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 9241

Registriert seit 23.07.2014

2021-10-14 14:53:41 Uhr
Das mit dem Opener wusste ich gar nicht, interessant. Ach, ich mag das Album, wobei natürlich all die Kritik mehr als berechtigt ist. Gerade der Sound ist schon überraschend dünn. Habe gerade mal den Opener der "Gore" und dann den der "Koi No Yokan" gehört, das sind doch schon Welten. Was lief da eigentlich schief?

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 26443

Registriert seit 07.06.2013

2021-10-14 13:28:39 Uhr
Schön zusammengefasst. Die Produktion find ich wirklich desaströs.

Oceantoolhead

Postings: 1900

Registriert seit 22.09.2014

2021-10-14 13:12:08 Uhr
In der Gore steckt ein gutes Album, das leider durch einige Missteps leidet (für mich zumindest).
Zunächst ist da der in letzter Sekunde gecancelte eigentliche Opener Crest, den ich zwar nie gehört habe, aber dennoch misse. Denn: Prayers/Triangles ist einfach kein Opener. Zumal man den Übergang der 2 Songs noch hört und so klingt es zu beginn der Platte jedes mal als hätte man den 1. Song geskippt.
Dann ist da einfach diese fürchterliche Produktion die unglaublich matschig und höhenlastig ist. Chinos Vocal Performance ist sehr gewöhnungsbedürftig, der Eq oder Effekt auf seinen Screams ist kaum auszuhalten, der Song Gore zum Beispiel ist für mich dadurch total zerstört.
Das Schlagzeug erklingt irgendwo hinten in weiterferne.
Songs wie Xenon oder auch Hearts/Wires wirken sehr uninspiriert (nicht die Grundmelodie aber diese 0815 Struktur), da hätte man deutlich mehr draus machen können.

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