AnnenMayKantereit - Alles nix Konkretes

AnnenMayKantereit- Alles nix Konkretes

Vertigo / Capitol
VÖ: 18.03.2016

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Alles nix Neues

Die einzig richtige Reaktion auf "Alles nix Konkretes" wäre ein Schlag ins Gesicht. Auf der nächsten Bring-selbst-was-mit-Party in der oberbayerischen Germanisten-WG wird der Augustiner schüttende Kommilitone nämlich nicht mehr auffallen, wenn er sich zum Laptop durchschlängelt, "21, 22, 23" bei YouTube sucht, die einprägsame Passagen wie "Du bist 21, 22, 23" vor sich hinlallt und dem rothaarigen Rainald-Goetz-Girl etwas von der reibeisernen Stimme ins Ohr haucht. Er beschreibe eben das Leben so, wie es ist, erzählte man sich noch vor einem Jahr. Etwas mehr egal als verwirrend. Nach Antworten und Auswegen sucht man vergeblich, sagt die Bassstimme weiter. Wer nach Perfektion strebt, ist ein Verlierer. Und ja, eigentlich geht es uns gut.

Wer etwas auf sich hält, geht anders vor. Er haut auf den Tisch, dass die Flaschen Helle unkontrolliert gegen den Takt von Severin Kantereits Schlagzeug scheppern. Dann setzt man an, dass Henning Mays "24, 25, 26" so klingt, als müsste er noch einmal durch den Stimmbruch. Bis man vor versammelter Mannschaft darüber schwadroniert – die einzige Flasche Absinth im Anschlag –, dass das ja alles leeres Gewäsch ist. Dass der Sound der Generation Y etwa so ambitioniert und mutig sei, wie Socken in der Waschmaschine zusammenstecken, damit keiner verloren geht. Und Du, rothaariges Goetz-Girl, wirst nie verstehen, was Rebellion ist. Zum Schluss knallt die Tür und er verabschiedet sich mit den Worten: "Fahrt zur Hölle, Ihr Süßigkeitenfreaks!"

Das hätte Klasse. So muss der mutige Mann von Welt auftreten, der ohne Umwege zeigen kann, dass er von einer unbestimmten Menge Menschen einzig wahren Musikgeschmack vertritt. Alles Pfeifen! Wenn es eine Band verdient hat, eine Abreibung zu bekommen, dann wohl die vier Grünschnäbel, die sich mit ihrem konturlosen Sound ohne Ecken und Kanten auf billigste Art in die Herzen einer kritikunfähigen alternden Jugend gespielt und genauer dieser auch ihren anfänglichen Erfolg zu verdanken haben. Ausrufezeichen.

Ist das so? Oder übertreibt der cholerische Partyhengst? Man wird das Gefühl nicht los, dass "Alles nix Konkretes" eine ganze Reihe Reflexe bei diversen Musikjournalisten aktiviert hat. Die Generation Y ist entscheidungsunfreudig? Genauso wie die Musik der Kölner? Nein, wirklich? Das ist in etwa so, als würde man der Generation Rock'n'Roll erklären, dass Drogen abhängig machen. Die Texte sind im Vergleich zu der aggressionsgeladenen Stuttgarter Bewegung um Die Nerven weitaus weniger rebellisch? Tatsächlich. Das hat Musik so an sich. Die einen wählen Punk, die anderen begnügen sich mit Bon Ivers Sanftmut. Grundsätzlich wird einmal mehr die ureigenste Feuilleton-Frage als Richter auserwählt, ohne die Kulturjournalismus gar nicht erst existieren könnte: Ist das Kunst oder kann das weg? Bei AnnenMayKantereit gibt es seit Erscheinen des Albums eine klare Antwort. Weg damit. Das ist aber Quatsch. Auch wenn einzelne Kritikpunkte ins Schwarze treffen.

AnnenMayKantereit werden mit dem Album nicht die Welt verändern. Songs wie "Mir wär' lieber, wenn Du weinst" und "Neues Zimmer" sind mehr Zustandsbeschreibungen zwischen Liebe und Veränderung als der Avantgarde-Wahn einer Jugend im Aufbruch. Er und sein Leben stehen im Mittelpunkt, für was die Generation Y zweifellos bekannt ist. Musikalisch ist "Alles nix Konkretes" simpel gestrickt. Die Mundharmonika in "Wohin Du gehst" lebt von ihrer folkigen Kumpelhaftigkeit. Alles nicht neu. Und "Pocahontas", ja, besteht überwiegend aus Refrainzeilen. Das liegt im Interpretationsspielraum des Kritikers. Wirklich schlimm sind allein die Verballhornungen der bekannten Songs, die für das Album im Vergleich zur EP "Wird schon irgendwie gehen" nachbearbeitet wurden. Der Opener "Oft gefragt" ist das beste Beispiel einer Verschlimmbesserungen. Song verlangsamt, Stimme entzerrt und Persönlichkeit herausgebügelt. Das muss der Produzent auf seine Kappe nehmen.

Daran versteckt sich nicht (mehr) der Zauber, der das Phänomen AnnenMayKantereit ausmacht. Vielmehr liegt er genau dort, wo harsche Kritiker den größten Schwachpunkt sehen. May findet die Worte, die das Generationengespenst einfangen und so lange mit ihm um die Häuser ziehen, bis sich auch der letzte Hörer in den Zeilen wiederfindet. Die Band versteckt sich nicht, sondern erzählt von einer Generation, die sich nunmal verdammt intensiv mit den Fragen auseinandersetzt – und am Ende die Antwort schuldig bleibt. "Ich hab nur ausgepackt, nicht eingeräumt / Ich hab' im leeren Raum geträumt / Wie es wohl aussehen könnte", heißt es in "Neues Zimmer" und ähnlich richtet May seine Texte ein. Ein Das-muss-dorthin gibt es nicht. Allein sein Emotionskosmos und der einer ganzen Reihe Mitt- bis Endzwanziger trägt dieses Album. Zu seiner Stimme und der Poesie seiner Sprache braucht man wohl keine Worte mehr verlieren. AnnenMayKantereit dürfen polarisieren. Aber dem Erstling seinen künstlerischen Mehrwert abzusprechen, ist wie Ausrasten auf einer WG-Party. Irgendwie unnötig.

(Bastian Sünkel)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Mir wär' lieber, Du weinst
  • Neues Zimmer

Tracklist

  1. Oft gefragt
  2. Pocahontas
  3. Es geht mir gut
  4. 3. Stock
  5. Wohin Du gehst
  6. Mir wär' lieber, Du weinst
  7. Bitte bleib
  8. Neues Zimmer
  9. Barfuß am Klavier
  10. 21, 22, 23
  11. Länger bleiben
  12. Das Krokodil

Gesamtspielzeit: 39:01 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Frank
2016-12-04 22:51:10 Uhr
@manchu

Chapeau! Der letzte Absatz vom 29.06. gehört in die engere Wahl zum Posting des Jahres.

Armin

Postings: 13131

Registriert seit 08.01.2012

2016-08-18 19:02:21 Uhr

AnnenMayKantereit spielen am Freitag, den 19. August 2016 in der Zitadelle in Spandau das bisher größte Konzert ihrer Bandgeschichte. Das Konzert wird live auf der Facebook-Seite des Kölner Quartetts übertragen.

Berlin, 18.08.2016
"Wir haben uns da etwas überlegt! Am 19.08. spielen wir ein Konzert in der Zitadelle. Dieses Konzert wollen wir live übertragen. Wer zuhören und schauen will, kann auf unserer Facebookseite einschalten. Wir sind sehr gespannt", so Sänger Henning May von AnnenMayKantereit.

Das Konzert am Freitag, den 19.08.2016 in der Zitadelle Spandau ist das bisher größte in der Bandgeschichte von AnnenMayKantereit. Abgesehen von Festivalauftritten selbstverständlich. Das Kölner Quartett lässt diesen Auftritt auf seiner Facebook-Seite www.facebook.com/AnnenMayKantereit live übertragen. Auch das Vorprogramm mit Von Wegen Lisbeth, sowie einem geheimen Überraschungsgast werden live im Stream zu sehen sein.

Los geht es am Freitag um 20:00 Uhr auf facebook.com/AnnenMayKantereit.
manchu
2016-06-29 11:06:47 Uhr
Ja war auch was überspitzt. Korn und Sprite ist groß so wie alles aus der Zeit von tomte. Ab Buchstaben über der Stadt aber auch nicht sehr weit entfernt von dem, was ihr beschreibt.
catpain kidd
2016-06-29 10:43:02 Uhr
Ganz davon abgesehen, dass James Blunt sowieso alles, was AMK je gemacht haben oder machen werden, gnadenlos wegrockt! *zupostcardscrazyabdance*

Achim

Postings: 6167

Registriert seit 13.06.2013

2016-06-29 08:37:34 Uhr
Hab mit 16 auch viel Tomte gehört.

Ich auch. Und daher sage ich: Alleine "Korn & Sprite" ist besser als alles, was AMK je gemacht haben oder machen werden.

Achim.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum