Santigold - 99 cents

Santigold- 99 cents

Warner
VÖ: 26.02.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Anatomie des Pop

Man muss schon zwei Mal auf den Schriftzug des Covers schauen, nachdem man die Play-Taste betätigt hat. Soll diese auf links gedrehte 80er-Hommage namens "Can't get enough of myself" tatsächlich der Opener des neuen Santigold-Albums sein? Ist es nicht etwas zu schlitzohrig, eine Platte, mit der die Künstlerin laut Eigenaussage Kritik an der Produktwerdung vieler Menschen unserer Gesellschaft üben will, mit so einem Produkt von einem Song einzuläuten? Man wird sicher unterschiedliche Antworten von Kopf und Bauch bekommen. Der Kopf hätte gerne ein bisschen mehr Ecken und Kanten, doch der Bauch brummt freudig mit. Denn neben all der Sozialkritik und den plakativen Stilmitteln ist "99 cents" musikalisch betrachtet vor allem eines: eine lupenreine Bauchplatte.

Natürlich hat das aus Philadelphia stammende Multitalent auch auf dem aktuellen Longplayer einige Songs untergebracht, die ganz klar nach Santigold klingen, wie man sie kennt. Da wäre zum Beispiel "Big boss big time business", das mit tripppigem Beat und typischen Toastings ins Ohr geht. Oder auch das zurückgelehnte "Chasing shadows", dessen Titel kaum vermuten lässt, wie sehr dem Track die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Und doch haben sich auf "99 cents" so viele Popnummern wie nie zuvor auf einem Album der Sängerin versammelt. Auf "Rendezvous girl" klingt Santi White, so Santigolds bürgerlicher Name, wie eine hyperaktive Ausgabe von Madonna, und "All I got" gerät, untermalt von warmen Raggae-Klängen, zu einer Hymne für sommernächtliche See-Ausflüge. Seine besten Momente hat das Werk immer dann, wenn Unberechenbarkeit auf Eingängigkeit trifft. So wird das lebensbejahende "Banshee" immer wieder im richtigen Moment von überdrehten Sounds geflutet, und das mit ordentlich Vocal-Effekten vorgetragene "Walking in a circle" findet seine Mitte in reizvollen Disharmonien.

Im Vergleich mit den beiden Vorgängern gibt es für "99 cents" dennoch ein paar Abzüge in der B-Note. So befinden sich zum ersten Mal auch verzichtbare Tracks auf dem Album und laufen Songs wie das obskure "Outside the war" und das mit flirrenden Keyboards ausgestattete "Run the races" auch nach mehreren Durchgängen ins Leere. Dennoch tut es der künstlerischen Entwicklung der Wahl-New-Yorkerin hörbar gut, dass sie ihre Fühler nun auch ohne Scheu nach dem Pop ausstreckt. Solange die Texte weiterhin intelligent bleiben, ist dagegen schließlich nichts einzuwenden. Sie gehört damit dann zum erlauchten Kreis der Künstler, die verkopfte Inhalte mit Melodien aus dem Bauch kreuzen und damit sogar den Hintern zum Wackeln bringen. Wenn es also so etwas wie eine Anatomie der Popmusik geben sollte, wäre das sicherlich die erstrebenswerteste Kombination.

(Marco Cianci)

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Highlights

  • Can't get enough of myself
  • Banshee
  • Walking in a circle

Tracklist

  1. Can't get enough of myself
  2. Big boss big time business
  3. Banshee
  4. Chasing shadows
  5. Walking in a circle
  6. Who be lovin me
  7. Rendezvous girl
  8. Before the fire
  9. All I got
  10. Outside the war
  11. Run the races
  12. Who I thought you were

Gesamtspielzeit: 45:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Äh...
2016-03-08 23:35:37 Uhr
"der Mischung aus Hybris und unter dem Deckmantel der Vollkommenheit, vor der wir im Eifer des Gefechts fürchten, verschluckt zu werden"

...was?

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2016-03-08 21:32:14 Uhr
Frisch rezensiert!

Meinungen?

Dan

Postings: 235

Registriert seit 12.09.2013

2016-03-07 12:15:56 Uhr

Wenn ich den Vorgänger vergleiche, hier kriegt die Produktion auch arg dünn, oder täusche ich mich?

Zumindest mit "Banshee" konnte ich mich anfreunden.

humbert humbert

Postings: 1738

Registriert seit 13.06.2013

2016-02-29 17:03:08 Uhr
Leider sehr mittelmäßig geworden. Vielleicht liegt's daran, dass es das erste Album ohne ihre Langezeitkollaborateure Diplo, Hill & Switch geworden ist. 'Banshee' & 'Rendezvous Girl' sind keine schlechten Lieder, aber die Produktion & vor allem die Beats klingen- vor allem im Vergleich zum Vorgänger - halt ziemlich dünn.
Jedenfalls sehr schade, vor allem da sie in Interviews immer sehr symphatisch rüber kommt & so manche interessante Details über die Musikindustrie ausplaudert. Ich höre dann mal ne Runde Disparate Youth und schwelge in Erinnerung.

Dan

Postings: 235

Registriert seit 12.09.2013

2016-01-18 23:43:52 Uhr

Leider auch kein Highlight... Was denn da los? :(
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