Avantasia - Ghostlights

Avantasia- Ghostlights

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 29.01.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Pomp Rock Hallelujah

Und plötzlich entgleisten die Gesichtszüge. Als am 25. Februar Moderatorin Barbara Schöneberger verkündete, dass Avantasia zwar die Endrunde beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest 2016 erreicht hatten, mit ihrem Song "Mystery of a blood red rose" dort jedoch lediglich den dritten Platz belegten, fiel es selbst dem als nicht eben maulfaule Frohnatur bekannten Frontmann Tobias Sammet schwer, die Contenance zu wahren. Es sollte die berühmte Nacht Schlaf erfordern, um zu erfassen, dass eben jener Bronze-Rang im Grunde genommen ein Riesenerfolg ist – denn zum einen ist Heavy Metal ein alles andere als bevorzugtes Genre in diesem Wettbewerb, zum anderen ist Sammets Projekt Avantasia ohnehin eher für ausufernde Konzeptalben bekannt denn für schnelllebige Singlehits. Was selbst Kommentatorenlegende Peter Urban dezent unter den Tisch fallen ließ und sich stattdessen auf Sammets zugegebenermaßen skurrile Oberbekleidung einschoss. Nun ja.

Dennoch: Einen größeren Werbeeffekt als diese Teilnahme kann es für Avantasia eigentlich gar nicht geben. Obwohl das von Sammet in schöner Regelmäßigkeit zusammengetrommelte Allstar-Ensemble auch auf dem mittlerweile siebten Studioalbum "Ghostlights" aller Ehren wert ist. Denn Namen wie Michael Kiske, Geoff Tate, Dee Snider oder Sharon den Adel lassen Metal- und Hardrock-Feinschmecker mit der Zunge schnalzen. Witzigerweise kommt ausgerechnet der ESC-Kandidatensong als Ouvertüre ohne Special Guest aus und entpuppt sich möglicherweise gerade deshalb als perfekte Bühne für Rampensau Sammet, der im Unterschied zur Außenwirkung bei seiner Hauptband Edguy mehr denn je in Drama und Habitus an Meat Loaf erinnert. Nur mit etwa zwei Zentnern weniger Lebendgewicht auf den Rippen.

Doch schon das folgende "Let the storm descend upon you" macht zügig klar, dass sich Bombast tatsächlich mit donnernden Riffs vertragen kann, ohne in die bisweilen süßliche Leichtigkeit eines Trans-Siberian Orchestra abzudriften. Und auch im Vergleich zum Vorgänger "The mystery of time" wird deutlich, dass weniger wie so oft mehr ist. Also weniger Pomp, dafür mehr treibender Metal. Erst recht, wenn sich auf dem fabulösen Dreigestirn "The haunting", "Seduction of decay" und "Ghostlights" die Koryphäen Snider, Tate und Kiske das Mikro in die Hand geben und zu ihnen auf den Leib geschriebenen Melodien in den höchsten Tönen jubilieren dürfen. Ganz besonders groß ist jedoch ein Sänger aus der zweiten Reihe. Denn Herbie Langhans, ansonsten in der zweiten Liga bei Sinbreed für eher traditionalistischen Gesang zuständig, verpasst "Draconian love" eine sinistre Note, die ganz schnell Namen von Kollegen wie Peter Tägtgren, Fernando Ribeiro und vor allem Andrew Eldritch durchs Kopfkino hetzen lässt.

Aber natürlich verkommt "Ghostlights" nicht zum Schaufenster für ehemalige und aktuelle Metal-Größen, die zu einer bizarren Hitparade über den Platz getrieben werden. Denn nach längerer Zeit ist diese Platte endlich wieder eine Veröffentlichung von Avantasia, die nahezu durchgängig Spaß macht. Zwar bleiben die beiden "The metal opera"-Teile, die 2001 und 2002 eigentlich als einmaliger Nebenschauplatz des Edguy-Fronters fungieren sollten, weiterhin unerreicht, auch wenn immer wieder dreckige Riffs den Hochglanz-Rock zerreißen. Aber Sammet gelingt es deutlich besser als auf den letzten arg schlageresken Platten, ausuferndes Drama, exaltiertes Musical-Flair und knochigen Power Metal miteinander zu verbinden. Und das wäre doch ein schöner Anlass gewesen, zehn Jahre nach einer gewissen finnischen Band mit knuffigen Gummimasken die größte europäische Schlager- und Pop-Show wieder mit zünftigem Metal aufzumischen. Die Kassierer, bitte im nächsten Jahr übernehmen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Mystery of a blood red rose
  • Seduction of decay
  • Draconian love

Tracklist

  1. Mystery of a blood red rose
  2. Let the storm descend upon you
  3. The haunting
  4. Seduction of decay
  5. Ghostlights
  6. Draconian love
  7. Master of the pendulum
  8. Isle of evermore
  9. Babylon vampyres
  10. Lucifer
  11. Unchain the light
  12. A restless heart and obsidian skies

Gesamtspielzeit: 70:28 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-03-08 21:29:13 Uhr
Frisch rezensiert!

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