Kanye West - The life of Pablo

Kanye West- The life of Pablo

Tidal
VÖ: 14.02.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

The gaga continues

Wie eine Ewigkeit kamen einem die vier Tage vor, die zwischen der angekündigten und tatsächlichen Veröffentlichung von Kanye Wests siebtem Solowerk "The life of Pablo" vergingen. So hatte man immerhin genug Zeit, um sich zu fragen, who the fuck denn eigentlich Pablo ist. Neruda? Escobar? Picasso? Am Ende kam alles anders: Weder Dichter-Pablo, Drogendealer-Pablo oder, äh, Designer-Pablo sind gemeint, sondern Paulus von Tarsus, der Apostel – laut West der erste wichtige Botschafter der Welt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Gibt es bei dem 38-Jährigen nicht, der wühlt lieber mächtig Erde auf. Oder ist es Staub? Denn als das gute Stück am Valentinstag endlich auf die Musikwelt losgelassen wurde, hatte der damit verursachte Hype eigentlich schon umgeschlagen. Ermüdend wirkten die ständigen Änderungen, lächerlich der übertriebene Perfektionismus, nervig alle Musikblogs, die wussten, dass sie mit jedem noch so kleinen, noch so hanebüchenen Newsfetzen Klicks generieren konnten. Die Fashion-Show im Madison Square Garden, auf der neben der neuen Schuh-Kollektion auch gleich noch der (zumindest damals aktuelle) Stand von "The life of Pablo" vorgestellt wurde, war auch wieder so eine wahnwitzige Sache, die außer mit Bildern der scheinbar spaßlosen Veranstaltung vor allem mit einem auf sich aufmerksam machte.

"I feel like me and Taylor might still have sex / Why? / I made that bitch famous", rappt West im von Rihanna und Swizz Beatz unterstützten Track "Famous" und schießt damit scharf gegen Taylor Swift – schon brach in den Blogs, Facebook- und Twitter-Timelines die Hölle los. Das wirkte so viele Monate nach der medienträchtigen Versöhnung der beiden nicht stark oder selbstsicher, ganz im Gegenteil sogar. Hatte West das wirklich nötig? Überhaupt: Dass er seine junge Kollegin vor Jahren nicht etwa beim Kaffeetrinken unterbrach, sondern dabei, wie ihr ein Preis überreicht wurde – sie also vermeintlich schon famous war –, spielt kaum eine Rolle. Eher aber, dass er selbst die Suppe erneut aufwärmt. Sollte sein Ziel gewesen sein, dass noch mehr Gerede um "The life of Pablo" entstand, hatte er es zumindest erreicht. Schade dennoch: Schlecht ist "Famous" gar nicht, hat man die besagte Zeile gleich am Anfang erst einmal verdaut und sich an Rihannas säuselnden Gesang über den stampfenden Beats gewöhnt. Ab der zweiten Hälfte entwickelt das Ding dann eine Art Eigenleben und swingt sich dank des "Bam bam"-Samples von Sister Nancy sogar erstaunlich gut ins Ohr.

Aber man darf beruhigt sein: Swift ist ja gar nicht die einzige Frau, die West anrotzt, seine eigene Alte bekommt es nur wenige Songs weiter auch ab. In "Highlights" sinniert er in geradezu poetisch anmutender Weise darüber, wie er und ein gewisser Ray J eigentlich gute Homies hätten sein können: "I bet me and Ray J would be friends / If we ain't love the same bitch / Yeah, he might have hit it first / Only problem is I'm rich", heißt es da mit Verweis auf das berüchtigte Sextape des zweitklassigen R'n'B-Sängers und Kim Kardashian West. Ob die das schmucke Filmchen nun, wie Gerüchte besagen, selbst veröffentlicht hat, sei dahingestellt. Dennoch möchte man fast ein wenig mit Kimmy fühlen, die sich seit der Partnerschaft mit West nicht nur das Lächeln aus der ersten Makeup-Schicht im Gesicht abgeschminkt hat, sobald sie auf dem roten Teppich steht, sondern immerhin auch die Mutter seiner beiden Kinder ist. Es ist ohnehin schon gleichermaßen befremdlich wie aussagekräftig, dass das späte Album-Highlight "30 hours" damit endet, dass West seiner Familie für ihre Liebe und Unterstützung dankt und schließlich mittendrin in seiner Rede an das klingelnde Handy geht, um eine Runde mit Def-Jam-Vize Gabe Tesoriero zu quatschen. There's no business like show business? Offensichtlich.

All diese Gaga-Momente muss man auf einem Album von Kanye West mittlerweile wohl einfach dulden. Denn gute, starke Augenblicke gibt es natürlich durchaus. Den reduzierten wie gospellastigen Opener etwa, der charmanterweise mit der Predigt eines kleinen Mädchens namens Natalie startet und der nicht von ungefähr an Donnie Trumpet & The Social Experiments Meisterwerk "Surf" erinnert, sind doch dessen Hauptakteure Chance The Rapper am Mikro und Nico Segal an der Trompete als Gäste am Start. Die Doppelspitze von "Father stretch my hands" heizt danach ebenso gut ein wie das intensive "Waves", das den Erscheinungstermin um einen ganzen Tag aufgehalten hat, da West es eigentlich nicht mehr auf dem Album haben wollte, Produzent Chance The Rapper aber ordentlich protestierte. Angesichts dessen, dass es auch durch die Features von Chris Brown und Kid Cudi eines der besten Stücke des Albums ist, möchte man ihm dafür eigentlich danken.

Dennoch drehen sich Wests Lyrics hauptsächlich um ihn selbst, und das nicht nur im unnötigen Interlude "I love Kanye", dem man sein Augenzwinkern nicht so richtig abnehmen mag. Die dennoch sehr gute und hohe Qualität des Albums kommt dabei nicht zuletzt von Wests nimmermüder Experimentierfreude, sondern auch durch die Wahl seiner Gäste: Der ebenfalls mit Spannung zurückerwartete Frank Ocean veredelt das düstere um Sucht, Ängste und Depressionen kreisende "Wolves", Kendrick Lamar hingegen bringt Schwung in das bereits bekannte "No more parties in LA" und beweist einmal mehr, dass er seinen Kollaborateur in Sachen Textstärke wie Flow längst hinter sich gelassen hat. Ein Lob verdient sich auch Ty Dolla $ign, dessen Part im Abschlusstrack "Fade" zu den besseren Veränderungen seit der Erstvorstellung im Jahr 2015 gehört und der in der Rolle des ehemaligen Kumpels in "Real friends" noch mal richtig aufblüht. Das gibt zudem einen weiteren Einblick in Wests Seelenleben: "When was the last time I remembered a birthday? / When was the last time I wasn't in a hurry?", fragt er, während man sich als Hörer bewusst wird, seit wann die merkwürdig anmutenden Auftritte des Mannes aus Chicago stetig zugenommen haben.

2007 erschien sein vermeintliches Pop-Album, das sehr zugängliche "Graduation", einen Monat bevor Wests Mutter aufgrund von Komplikationen bei einer Operation starb. Seitdem macht nicht nur er einen immer unberechenbareren – oder zumindest launenhafteren und ruheloseren – Eindruck, sondern erhöht sich auch die Wechselhaftigkeit innerhalb seiner Werke selbst. Einen roten Faden scheint es für ihn nicht mehr zu geben, oder er ist für ihn nicht mehr erstrebenswert. Und so bleibt abzusehen, wann die unkontrollierte persönliche Seite und die mittlerweile fast schon manisch verfolgte Professionalität im Leben von West ihren Höhepunkt erreichen – und womöglich kollidieren. Irgendwie mag man ihm ein gutes Auffangnetz wünschen. Denn trotz aller großer Töne, großer Gesten und großen Wahnsinns mangelt es Kanye West ganz offensichtlich sehr stark genau daran.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Ultralight beam
  • Waves
  • Real friends
  • Wolves
  • 30 hours
  • No more parties in LA

Tracklist

  1. Ultralight beam
  2. Father stretch my hands pt. 1
  3. Father stretch my hands pt. 2
  4. Famous
  5. Feedback
  6. Low lights
  7. Highlights
  8. Freestyle 4
  9. I love Kanye
  10. Waves
  11. FML
  12. Real friends
  13. Wolves
  14. Silver surfer intermission
  15. 30 hours
  16. No more parties in LA
  17. Facts (Charlie Heat version)
  18. Fade

Gesamtspielzeit: 58:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
yep
2016-12-14 16:08:46 Uhr
trump hat 'ne menge für die black communities getan:

https://www.youtube.com/watch?v=_K1-nzxzzug
https://pbs.twimg.com/media/Crd0d9MWIAEcmA3.jpg
Think about it
2016-12-14 16:02:54 Uhr
@15:39: "Naiv" bist eher du...glaub doch nicht alles, was im Wahlkampf an falschen Anschuldigungen über Trump verbreitet wurde (insbesondere vom Lügenblatt NYT). Hunderte von Schwarze, Latinos etc. arbeiten für Trumps Unternehmen. Tausende von ihnen haben im November für ihn gestimmt. Wäre er ein Rassist, wäre das bestimmt mal jemandem aufgefallen.

http://www.theamericanmirror.com/1986-trump-received-ellis-island-award-along-rosa-parks-muhammad-ali/
Think about it
2016-12-14 15:39:33 Uhr
"Naiv" ist mein zweiter Vorname.
Think about it
2016-12-14 15:04:36 Uhr
Trump kann man nach diesem Auftritt wohl kaum als Rassisten bezeichnen. Außerdem ist Ben Carson auch ein Unterstützer von Trump.
b4
2016-12-13 18:15:08 Uhr
kanye west & trump: https://www.youtube.com/watch?v=Qcsf5OoI-B4
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