Isolation Berlin - Und aus den Wolken tropft die Zeit

Isolation Berlin- Und aus den Wolken tropft die Zeit

Staatsakt / Caroline / Universal
VÖ: 19.02.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Soundtrack zum Untergang

Nazis, besorgte Bürger und unfähige Politiker, Terrorangst, Planeten- und Heldensterben. Triste Zeiten sind das, in denen dem Einzelnen die Probleme der großen weiten Welt auf die Schultern gelegt werden. Mit gebückter Haltung durchs Leben gehen – welch beschissene Perspektive. In Berlin ist diese Tristesse besonders stark spürbar. Hier kämpfen die Einwohner außerdem um die letzten Freiräume, in denen die Lässig- und Widerborstigkeit der Stadt noch heimisch ist. Denn der einstige Underdog mit dem schmuddeligen Fell will strahlende Weltmetropole sein, koste es auch den kulturellen Ausverkauf.

Entsprechend bewegt sich das Berliner Lebensgefühl zwischen Wut und Trauer, zwischen Widerstand und Resignation. Wie das klingt, kann man auf "Fahr weg" hören, der ersten Single aus "Und aus den Wolken tropft die Zeit". Der Song handelt von Fluchtgedanken aus einem deprimierenden Alltag, in dem es nichts mehr zu verlieren gibt, und entwickelt sich innerhalb von vier Minuten von einer gemäßigten Pop-Nummer in eine unbändige Noise-Bestie. Es ist der ideale Appetitanreger für das heiß ersehnte Debüt von Isolation Berlin. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Es handelt sich hier nicht in erster Linie um eine politische Band. Sänger Tobias Bamborschke beschäftigt sich vornehmlich mit seiner inneren Erfahrungswelt. Er singt über Liebeskummer, Depression und Selbstmord. Und doch ist der Einfluss seiner Umwelt überall zu erahnen. Vor allem in dieser Sprache, die schonungslos und angenehm unverbraucht ist. Ausgelutschte Bilder und Klischees haben da keinen Platz. Und so transportieren viele Zeilen eine aufrichtige, tief empfundene existenzielle Ohnmacht, die mitunter stärker auf den Hörer einwirkt als die Songs selbst.

Einigen Neueinsteigern mag der Hype, der der Band vorauseilt, zunächst suspekt vorkommen. Doch Geduld: Das Album ist ein Grower. Ein weiterer Anspieltipp ist "Verschließe dein Herz": Hier geht es um den Schutz der Seele vor Missbrauch. "Alle wollen dasselbe, doch nur für sich allein / Ach, wenn wir nicht so hungrig wären, wie glücklich könnten wir sein", sinniert Bamborschke über funky Gitarrenlicks und bittet zum Tanz aus Trotz. Ein anderes Highlight markiert "Aufstehn, losfahrn", in dem der Sänger über eine naive Orgelmelodie im Stil von Superpunk resümiert: "Alles scheint unerträglich und ist am Ende doch scheißegal." Eine andere Seite offenbart die Band in "Ich küss Dich" und "Wahn", zwei sperrigen Noise-Pop-Nummern am Rande des Wahnsinns. Und ausgerechnet im musikalisch unauffälligen "In manchen Nächten" hat Bamborschke die eindrücklichsten Zeilen dieser Platte versammelt.

Die Referenzen reichen von Sixties-Mod über Punk und New Wave bis zu Noise- und klassischem Deutschrock. Was am Ende aber alles keine Rolle spielt. Das Quartett hat einen eigenen Sound. Es ist Musik, die aus dem Bauch kommt. Aus der Wut über die scheinbare Ausweglosigkeit. Isolation Berlin klingen getroffen, aber nicht besiegt. Und so spendet diese Platte Trost und Zuversicht: Noch ist nichts verloren.

(Sebastian Meißner)

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Highlights

  • Fahr weg
  • Aufstehn, losfahrn
  • Verschließe Dein Herz

Tracklist

  1. Produkt
  2. Fahr weg
  3. Aufstehn, losfahrn
  4. Schlachtensee
  5. Verschließe Dein Herz
  6. Ich küss Dich
  7. Ich wünschte, ich könnte ...
  8. Du hast mich nie geliebt
  9. Der Garten Deiner Seele
  10. Wahn
  11. In manchen Nächten
  12. Herz aus Stein

Gesamtspielzeit: 47:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Loketrourak

Postings: 1055

Registriert seit 26.06.2013

2017-01-03 10:17:23 Uhr
mochte die nie.

Mister X

Postings: 2565

Registriert seit 30.10.2013

2017-01-03 06:35:42 Uhr
herz aus stein song des jahres. sollte klar sein. das album hat fuer mich aber 1, 2 filler
Hipster aus Bochum
2017-01-02 21:49:48 Uhr
Ich bin viel zu spät erst auf das Album gestoßen.

Kannte zuvor nur "Alles grau" und habe das als eher mäßige Rio Reiser abgetan.
Nun höre ich das Album durch und finde, der Sänger legt sich jedes mal eine andere

Identität zu. Bei Aufstehn, Losfahrn z.B. eine hochgepitchte Version von Oli Schulz. Bei Verschließe dich klingt er wie der Spechtl von Ja, Panik.

Bin echt irritiert.
hurry boy (it's waiting there for you)
2016-08-18 11:03:05 Uhr
ha! musste da auch dran denken. anstatt "hate" stand auf seiner lederkutte handschriftlich und in weißer farbe "isolation berlin". ansonsten verhielt er sich apathisch-zuckend und manchmal etwas over the top. tat der musik aber keinen abbruch!

neue konzerte stehen wieder teilweise an!

Mister X

Postings: 2565

Registriert seit 30.10.2013

2016-05-10 22:48:56 Uhr
hat sich der saenger aufgehangen ?
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