Jesu/Sun Kil Moon - Jesu/Sun Kil Moon

Jesu/Sun Kil Moon- Jesu/Sun Kil Moon

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 22.01.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Größen/Wahn

Es war nun wirklich keine Überraschung: Schon im Januar 2015 kündigte Mark Kozelek, Kopf von Red House Painters und Sun Kil Moon, in einem Interview mit der Zeitschrift "Uncut" an, dass er mit Justin Broadrick von Godflesh und Jesu zusammenarbeiten würde. Der wiederum machte die Kollaboration Ende April desselben Jahres mittels eines Tweets offiziell. Und falls es bis dahin immer noch jemand anzweifeln wollte, dass ein gemeinsames Album bereits in Planung war, konnte man sich mit dem Song "The possum" auf Sun Kil Moons letztem Werk "Universal themes" überzeugen lassen, in welchem Kozelek von einem Konzertbesuch bei Godflesh und einem Treffen mit Broadrick berichtete.

Mit dem sinnvollerweise "Jesu/Sun Kil Moon" betitelten Album liegt das Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit nun endlich vor. Das Beste beider Welten? Nicht wirklich. Auf satten 80 Minuten versuchen Kozelek und Broadrick einen gemeinsamen Nenner zu finden. Oder wenigstens einen Weg, die mit Post-Rock flirtende Melodik von Jesu im Hintergrund mit dem Gesang – falls man Kozeleks Endlos-Erzählungen überhaupt noch als solchen bezeichnen kann – zu verbinden und trotzdem für Spannung zu sorgen. Das klappt nur bedingt, trotz Gastauftritten von Will Oldham oder auch Modest-Mouse-Frontmann Isaac Brock. Selbst eingefleischte Anhänger Kozeleks werden zugeben, dass dieses Experiment hier bisweilen für Stirnrunzeln statt Freudentränen sorgt. Das liegt auch daran, dass der zeitweilig merkwürdig anmutende Humor des Unsympathen aus Ohio sich hier schneller denn je abnutzt.

Da wäre etwa "Last night I rocked the room like Elvis and had them laughing like Richard Pryor", einer der eher elektronisch angehauchten Songs des Albums, dessen melodische Struktur durchaus positiv zu bewerten ist. Dass Kozelek sich hier nach sechs Minuten Spielzeit dazu entscheidet, den Brief eines Fans aus Singapur vorzulesen und sogar anerkennt, dass diese Aktion keinen wirklichen Sinn hat, ist zumindest ein nettes Gimmick. Die Wiederholung dieses, nun ja, mäßig witzigen Schenkelklopfers im ansonsten ebenso schönen Stück "America's most wanted Mark Kozelek and John Dillinger" – das übrigens Erinnerungen an The War On Drugs' "Lost in the dream" weckt, das der 49-Jährige einst unter viel Getöse in der Luft zerrissen hat –, wirkt reichlich albern. Und die Tatsache, dass er beim Vortrag des Briefes von der Frau namens Tanya immer wieder sein eigenes Lachen unterdrücken muss, zeugt schon von einem Anflug von Größenwahn. Oder, noch schlimmer, von seiner Arroganz. Aber auch das überrascht kaum noch.

Der Rest des Albums schwankt zwischen mehr oder weniger gelungenen Verschmelzungen des stellenweise recht brachialen Jesu-Sounds und der Singer-Songwriter-Komponente Sun Kil Moons. Das klappt zuweilen vorzüglich, wie etwa im Opener "Good morning my love", das sich mit der romantisch-verzweifelten Frage nach Sinn und Zweck des Wiederauflebens einer alten Liebe beschäftigt. Warum Broadrick und Kozelek aber gegen Ende den Song noch mal unnötig und halbherzig aufflackern lassen, wird nicht recht klar. Auch die akustischen Nick-Drake-Anleihen im sehr persönlichen "Fragile" leiden vor allem unter der Überlänge und hätten in einem knackigeren Rahmen sicher besser funktioniert. Das alles ist natürlich nichts gegen den 14-minütigen Abschluss "Beautiful you", der aufgrund seiner Spannungsarmut eine Herausforderung darstellt und leider auch etwas das vorhergehende "Exodus" überschattet. Der von Slowdives Rachel Goswell und Lows Mimi Parker und Alan Sparhawk unterstützte Song behandelt auf nachdenkliche, restrospektiv wirkende Weise den tragischen Tod von Nick Caves 15-jährigem Sohn Arthur, der 2015 von einer Klippe stürzte. Es wäre ein gelungener, unter die Haut gehender Abschied gewesen. Kozelek aber wusste es besser. Oder glaubt es zumindest.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Good morning my love
  • Last night I rocked the room like Elvis and had them laughing like Richard Pryor
  • Exodus

Tracklist

  1. Good morning my love
  2. Carondelet
  3. A song of shadows
  4. Last night I rocked the room like Elvis and had them laughing like Richard Pryor
  5. Fragile
  6. Father's day
  7. Sally
  8. America's most wanted Mark Kozelek and John Dillinger
  9. Exodus
  10. Beautiful you

Gesamtspielzeit: 79:39 min.

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Armin

Postings: 13371

Registriert seit 08.01.2012

2016-02-03 21:57:04 Uhr
Frisch rezensiert!

Meinungen?

Herder

Postings: 1803

Registriert seit 13.06.2013

2016-02-03 21:19:04 Uhr
Ich finde die Rezension bzw. Bewertung ja fast etwas zu gnädig. Das Album schwankt für mich inzwischen weitestgehend zwischen langweilig und nervtötend.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2016-01-19 19:44:59 Uhr
Erinnert mich ziemlich an "Lulu", ohne Mist. Hinten spielt eine Band, vorne brabbelt einer irgendwas rum.

Armin

Postings: 13371

Registriert seit 08.01.2012

2016-01-19 19:27:21 Uhr
JESU/SUN KIL MOON
"Jesu/Sun Kil Moon"
VÖ: 22.01.2016
Rough Trade Records

„Während es über manche Bands nicht viel zu erzählen gibt und sich manche Bios trotz vieler Worte letztlich wie ein weißes Blatt Papier lesen, ist Mark Kozelek und dessen Projekt Sun Kil Moon das komplette Gegenteil. Zumindest ist der ehemalige Red House Painters-Kopf immer für eine Geschichte gut und legt gleichzeitig ein ordentliches Pensum vor, was die Veröffentlichung von Musik angeht.“ So stand es schon geschrieben in unserer Bio zum letztjährigen Werk von Sun Kil Moon und der Inhalt der Sätze bestätigt sich heuer umso mehr, folgt dieser Tage schon das nächste Kozelek-Werk – dieses Mal die Kollaboration von Sun Kil Moon mit Justin Broadrick von Godflesh, unter der Flagge Jesu/Sun Kil Moon! Mit dem selbstbetitelten Album schließt das Duo direkt an die schon bei „Benji“ gefeierte Erzählhaltung Kozeleks’ an, weitet aber das musikalische Spektrum des Exzentrikers aus.

seno

Postings: 3291

Registriert seit 10.06.2013

2016-01-15 21:19:37 Uhr
Bis vor kurzem hatte ich noch gehofft, sein Rumgenöle sei vielleicht nur eine kurzzeitige Masche. Aber offensichtlich soll das jetzt sein neues Markenzeichen sein.
Die Lieder hier könnten teilweise echt gut sein, wenn er endlich mal wieder singen würde. Was er da seit einiger Zeit tut, grenzt an Arbeitsverweigerung. Ich glaube langsam, der will die Hörer einfach verarschen oder testen, ob sie ihm alles abkaufen. Die letzte Sun Kil Moon habe ich mir aufgrund seiner Nölerei schon gespart und dieses hier brauche ich wohl auch nicht. Sehr schade.
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