DIIV - Is the is are

DIIV- Is the is are

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 05.02.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Himmel und Hölle, Hölle und Himmel

Es ist wohl etwas Wahres dran am ewigen Klischee: Künstler neigen dazu, sich ihren inneren Damönen hinzugeben. Das ist bei Zachary Cole Smith nicht anders. Tatsächlich scheint dessen ganzes Leben eine einzige Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle zu sein: Die Eltern, der Vater selbst Musiker und die Mutter Redakteurin beim Edel-Modeblättchen "Vogue", trennten sich, als der Junge noch klein war. Smith rebellierte als Teenager, wurde aber an renommierten privaten Kunsthochschule Hampshire College aufgenommen, nur um dort im ersten Jahr wieder rausgeschmissen zu werden. Nach einem Abstecher ins Koch-Gewerbe landete er schließlich diverse Gigs in Bands wie Darwin Deez und Beach Fossils, entschied dann aber, dass er die Dinge lieber selbst in die Hand nehmen will.

Die Gründung seiner Band DIIV (ehemals Dive) gipfelte in der Veröffentlichung des von der Kritik gefeierten Debütalbums "Oshin". Die Mode-Welt wird auf den fragil wirkenden jungen Mann aufmerksam, im Sommer 2013 wird er gar das Gesicht der neuen Kampagne von Yves Saint Lauren – fortan ist sein Name fester Bestandteil in den Kultur-Blogs von Los Angeles bis Osttimor. Doch Smith schaut abermals in den Abgrund: Gemeinsam mit seiner Freundin, der Sängerin Sky Ferreira, wird er nur wenige Monate später festgenommen, unter anderem, weil er ohne Führerschein gefahren ist, die Nummernschilder seines Autos geklaut waren – und er zu allem Überfluss satte 42 Tütchen mit Heroin bei sich trug. Der Alltag des New Yorkers scheint ein steter Kampf gegen die falschen Entscheidungen zu sein. Mit DIIVs zweiten Album "Is the is are" deutet sich nun die nächste Aufwärtskurve im Leben des mittlerweile 31-Jährigen an. Und auch die hat es in sich.

"Is the is are", dessen merkwürdig anmutender Titel auf einem Gedicht von einem der visuellen Künstler beruht, die für das Artwork engagiert wurden, ist jedenfalls kein zweites "Oshin". Soll es auch nicht sein: Im Vergleich zum doch relativ leichten Erstling, der in wesentlich kürzerer Zeit aufgenommen wurde, ist der Nachfolger das schwerere und komplexere Werk. Als Doppelalbum mit einer Spielzeit von über eine Stunde angelegt, wirken die 17 Stücke melancholischer und intensiver, aber auch vielschichtiger. Der kathartische Effekt, den einige der Songs für Smith selbst haben müssen, lässt sich etwa in der ersten Single "Dopamine" nicht verleugnen, das rein stilistisch gut auf den Vorgänger gepasst hätte, in seiner euphorischen, vor Liebe beinahe benebelten Stimmung aber ein Novum für DIIV ist. Kein Wunder: Smith widmet das Stück seiner Freundin, und irgendwie klingt es sogar nach einer Entschuldigung: "You're the sun and I am your cloud."

Es ist nicht der einzige Song für Ferreira: Die ist auf dem zumindest teilweise nach ihr benannten "Blue boredom (Sky's song)" sogar als Sängerin an Bord, während DIIVs Sound sich hier deutlich an den düsteren Sachen von Sonic Youth orientiert. Schrammeliger wird es im verhuschten "Mire (Grant's song)", während sich der Dream-Pop von "Healthy moon" mit sicherem Abstand der schlimmen Vergangenheit annähert: "I've lived ten lives and had ten loves / To remind me what I've been guilty of." In eine ähnliche Kerbe schlägt der Opener "Out of mind", dessen Twang-Gitarre im Verlauf seiner knapp drei Minuten aggressiver wird, während das repetitive "Incarnate devil" den Fokus von Anfang an mehr auf die Instrumentierung legt und den Gesang nach und nach sogar auszublenden scheint. Dieser versucht sich in dem wirklich gelungenen Finale zwar durchzusetzen, bleibt am Ende aber doch ein Teil des Ganzen und verschmilzt mit dem Rest.

Etwas zurückhaltender gibt sich "Bent (Roi's song)", in dem Smith eher Erzähler als Sänger spielt und den Einfluss von Elliott Smith auf das Album musikalisch untermauert – und damit auch wieder die Verbindung zu einem anderen Künstler herstellt, der am Ende den Kampf gegen seine eigenen Dämonen verlor. Da nimmt der schwermütige Abschied mit "Waste of breath", das so weit weg wie kein anderer Song auf "Is the is are" klingt, beinahe bedrohliche, wenn nicht sogar bedenkliche Züge an. Am Ende bleibt nur die Hoffnung. Dass nicht alles in seinem Leben mit Drogen zu tun hat, machte Zachary Cole Smith im Zuge der Veröffentlichung zumindest in einem Blog-Eintrag deutlich: Sein Leben bestünde mitnichten nur aus Drogen und Sucht, Reha und Rückfall – er habe außerdem jemanden kennengelernt und sich verliebt. Man kann ihm also nur wünschen, dass er die Hölle in diesem Leben ein für alle Mal hinter sich lassen kann.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Out of mind
  • Bent (Roi's song)
  • Dopamine
  • Healthy moon
  • Waste of breath

Tracklist

  1. Out of mind
  2. Under the sun
  3. Bent (Roi's song)
  4. Dopamine
  5. Blue boredom (Sky's song) (feat. Sky Ferreira)
  6. Valentine
  7. Yr not far
  8. Take your time
  9. Is the is are
  10. Mire (Grant's song)
  11. Incarnate devil
  12. (Fuck)
  13. Healthy moon
  14. Loose ends
  15. (Napa)
  16. Dust
  17. Waste of breath

Gesamtspielzeit: 63:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Honig
2016-04-12 14:53:59 Uhr

Ich finde das 2te album zu sperrig, den gesang versteht man überhaupt nicht, und der typ ist dochn mädchen, oder?

saihttam

Postings: 952

Registriert seit 15.06.2013

2016-02-16 02:16:16 Uhr
Mir gefällt das Album tatsächlich auch ziemlich gut. Wie schon geschrieben wird auch für mich das Album trotz der Länge nur selten langweilig. Man kann es sich daher überraschenderweise wirklich gut an einem Stück anhören. Die Songs sind meiner Meinung nach größtenteils auch besser als auf dem Debüt. Ich werde es vermutlich auch noch einige Male in diesem Jahr rauskramen, gerade wenn die Sonne noch länger am Himmel steht.
fakeboy
2016-02-15 09:30:13 Uhr
Man nehme: The Cure zu Seventeen Seconds Zeiten plus Sonic Youth zwischen Evol und Daydream Nation plus noch etwas Neu!. Dazu verhallte Vocals, fertig. Eine erstaunlich simple und dennoch gute Platte. Bin gespannt auf die Live-Umsetzung. Die Oshin-Songs wurden ja live fast in doppelter Geschwindigkeit runtergerotzt.

ummagumma

Postings: 693

Registriert seit 15.05.2013

2016-02-07 21:42:11 Uhr
Wobei mir bei dieser Live Version Dust noch besser gefällt als auf dem Album
https://www.youtube.com/watch?v=qiEjL6rK0Pk

weil sein Sprechgesang viel emotionaler ist, das Stück insgesamt schneller gespielt wird und man das Keyboard und vor allem die zweite Gitarre viel besser hört wenn die verzerrte Gitarre kommt.Diese durchgehende Melodie hört man dann auf dem Album nämlich nur sehr leise und der Gesang kommt mir da auch etwas zu sehr im Vordergrund vor.

ummagumma

Postings: 693

Registriert seit 15.05.2013

2016-02-07 14:20:02 Uhr
Schöne Rezi, interessanter Typ

Ich finde das Album nicht zu lang denn es wird zu keiner Zeit langweilig und da tut sich auch meiner Meinung nach immer irgendwas.Mal ganz abgesehen von der Gesamtstimmung
Gefällt mir insgesamt wirklich sehr gut,phasenweise absolut geil. Irgendwo zwischen Deerhunter, stellenweise Sonic Youth( Evol-Zeit) und Real Estate.Wobei bei Real Estate die Melancholie insbesondere auf Days doch noch stärker rauszuhören ist, finde ich.Wobei ich mich erst noch stärker mit den Texten auseinandersetzen muss.

Besonders heraus stechen für mich zunächst mal Bent,Yr not far,Dust und Healthy moon. Letzteres hätte am Ende gerne mal 2 oder von mir aus auch 10 Minuten länger gehen können, grade das Piano Ende ist viel zu schnell vorbei.

Das Album wird dieses Jahr sicherlich noch oft laufen. Da hätte ich auch künftig gerne mehr von,von daher hoffe ich mal, dass seine Aussage nicht zutrifft.
"Wenn dieses Album scheitert, werde ich nie mehr ein Musiker sein können."
http://www.intro.de/popmusik/diiv-im-interview-mehr-als-nur-poser
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