Josephine Foster - No more lamps in the morning

Josephine Foster- No more lamps in the morning

Fire / Cargo
VÖ: 05.02.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Album, das nicht ist

Viele Dichter verabschieden sich irgendwann von dem, was sie sagen wollen und konzentrieren sich stattdessen darauf, wie sie es sagen wollen. Die Sprache soll möglichst schön und ausgeschmückt sein. Sie wird befeuert von der Begeisterung eigener sprachlicher Kapriolen aus diesem merkwürdigen Kompendium irgendwelcher Worte, die bedeutsam klingen, aber nichts bedeuten. James Joyce ging es nicht anders, als er die "perfektesten Liebeslieder" dichten wollte, die Liebe romantisierte, schönfärbte und verunmöglichte. Die Form bestimmte alles andere. Josephine Foster ist auch einer dieser Menschen, denen die Gestalt ihrer Musik am wichtigsten ist. Da passt es, dass sie auf "No more lamps in the morning" ein Gedicht von Joyce und ein weiteres von Rudyard Kipling singt. Die Texte der anderen Songs hat sie verfasst, natürlich mit Joyce als Spiritus Rector. Und Emily Dickinson. Deren Lyrik hatte Foster zuvor schon vertont. Auch wenn vertont hier etwas übertrieben scheint.

Ihre Stimme schaukelt sich auf diesen sieben Stücken immer wieder sirenenartig empor, wie in "Timbleful of milk", um noch höher zu gelangen. Dabei klingt sie stark nach der jungen Kate Bush oder Joanna Newsom, vor deren krankheitsbedingtem Stimmwandel in 2009. Fosters musikalisch spärlich kolorierte Poems sind sanft und gebrechlich. Im Joyce-Lied "My dove, my beautiful one" ertönen improvisierte Pickings einer zwölfsaitigen Portugiesischen Gitarre, gespielt von Fosters Ehemann Victor Herrero, die flüchtig vorbei schweben, als würden sie sich nicht trauen, mehr als angedeutet zu bleiben. Fosters Akkorde auf einer kleinen Akustischen grundieren. Auch "Blue roses", der vertonte Kipling, hat dieses Verhüllte, als wäre um die Songs so viel Tüll gespannt, dass ihre Wattierung sie kaum erkennbar macht. Eigentlich wollte die aus Colorado stammende Foster Opernsängerin werden, was überhaupt nicht hörbar ist. Denn in der Oper erwartet man starke Stimmen aus zu Resonanzkörpern gewordenen Menschen. Sie verkörpert hingegen die Zartheit.

In vierten Stück und dem Titelsong ertönen die dissonanten Noten eines leisen Cellos – so leise, dass man meint, es sich nur einzubilden. Seit 2005 veröffentlicht Foster feinsinnige und merkwürdige Alben. Und selbst mit ihrem bisherigen Schaffen verglichen ist "No more lamps in the morning" ein eremitischer Sonderling. Es ist ereignisarm und einfarbig, dafür gibt sie sich dem Enigmatischen und Ungewissen her. Viele werden dieses Wenige abwertend als schlaftrunken empfinden. Ein Album mit Musik, die nie so richtig da ist, das etwas ausdrückt, bei dem man sich nicht sicher ist, ob es das überhaupt gibt. Und doch bezirzt es nachhaltig.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • My dove, my beautiful one
  • The garden of earthly delights

Tracklist

  1. Blue roses
  2. A thimbleful of milk
  3. My dove, my beautiful one
  4. The garden of earthly delights
  5. No more lamps in the morning
  6. Second sight
  7. Magenta

Gesamtspielzeit: 38:10 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-01-20 22:09:29 Uhr
Frisch rezensiert!

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