The Angelcy - Exit inside

The Angelcy- Exit inside

J / Sony
VÖ: 22.01.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Eine Heerschar von Engeln

Soldaten ziehen durch die Straßen, an den Wänden hallen noch Holocaust-Worte wider, Schüsse sind zu hören, so viele, dass selbst die Krankenschwester "Auge um Auge" fordert, während andernorts die Jugend in Panzern hockt und den Knopf drückt, der viele Menschenleben nehmen wird. Mittendrin steht das israelische Engels-Quintett The Angelcy, ausgestattet mit Allem, aus dem sie Töne bekommen, scharfen Worten und jeder Menge Pathos singen sie die Lieder, die wir nun auch in Deutschland auf "Exit inside" bewundern dürfen.

Nach der idyllisch-anmutenden, instrumentalen Eröffnung "Maya's valse" zieht einen die nicht gerade engelsgleiche Stimme des Israelis Rotem Bar Or gleich in den Bann – und damit auch in seine Welt voller Soldaten, Kriege, Tode, Unfreiheit, in der ab und an eben auch Engel zum Vorschein kommen. Aus dieser Welt ist von nun an auch für den Hörer kein Entkommen mehr. Die anschließende Folk-Nummer "My baby boy" macht mit den Versen "Lost all hope to ever understand / The powers in command" gleich zu Beginn klar, dass es sich hier um keine politische Analyse handeln kann, denn alles ist poetisch überhöht, doch gerade in dieser Fiktion lässt sich verbaler Sprengstoff herumschmeißen. So ist der "baby boy", welcher gerade noch nicht schlafen konnte, weil er sich sein eigenes Ende ausmalte, bereits tot. Und auch das Kind des Erzählers im angriffslustigen "Freedom fighters" wird bereits in der ersten Zeile von eben jenen Freiheitskämpfern umgebracht.

Generell sind es meist die jungen Figuren, die unter den Repressionen leiden, sie sind die Engel und Träumer, die sich nicht mit dem, was sie als ihre Elternordnung kennen, abfinden wollen und so verlegen sie in aller Sturm-und-Drang-Manier ihre Revolution gegen die inszenierte Eltern-Instanz in den Bereich der Kunst. Dort gibt es dafür die bis zum metaphorischen Elternmord reichende Breitseite wie "I kill with words / I killed my mama and my papa too" aus "Rebel angel" oder das Unverständnis ausdrückende Kopfschütteln der Mütter, wenn die jungen Leute mit voller Inbrunst "We are a natural disaster" verkünden. Allerdings würde man es sich mit einer solchen Schwarz-Weiß-Malerei zu einfach machen, da selbst die Engel mit ihren Begierden, ihrer Gewalt kämpfen und die eigene dunkle Seite annehmen müssen. Und obwohl sie manchmal pures Gift spucken, sind sie es am Ende doch, die Versöhnung und Trost spenden sowie die pazifistische Forderung "Nobody's soldiers / In nobody's land" skandieren, die gerade in Israel gebündeltes Dynamit sein sollte. Jedoch trifft sie so genau das Lebensgefühl zumindest der Englisch sprechenden Israelis, dass diese Zeilen bei den ausverkauften Konzerten von The Angelcy lauthals mitgesungen und die Lieder von "Exit inside" gar auf dem von der Armee betriebenen Radiosender gespielt werden.

Zum Alltag der in Tel Aviv lebenden The Angelcy, welche sich selbst wegen eher ausgefallener Instrumente wie Klarinette oder Flöte und einer generellen Abneigung gegen Genre-Bezeichnungen weder als Folk- noch als Indie-Band sehen, gehört traurigerweise nicht nur Mord, sondern gleichfalls der Fakt, dass sich selbst Freunde in den verheerenden Zuständen schlimmer Taten schuldig gemacht haben und so nimmt auch das Mitgefühl einen großen Platz ein. "I try in vain to kill the pain / Cause sometimes I feel alien / Even to my god and friends / And wish to never feel again". Weil das emotionale Abstumpfen jedoch keine Lösung ist, kann es schließlich nur heißen: "But in the end I cried for more". Wenn inmitten all dessen mit dem schüchternen Duett "Giant heart" eine wundervolle Liebesballade steht, ist das mehr als ergreifend, weil man The Angelcy diese Gefühle einfach abnimmt. Aber selbst im Herz der Geliebten ist der Tod omnipräsent, denn "everyone dies along". "Behind every beautiful thing there's been some kind of pain" sang Bob Dylan einst in "Not dark yet" und hätte damit "Exit inside" nicht besser beschreiben können. Die Lehre daraus zieht Rotem Bar Or im Titeltrack: "So be wrong / Follow the mistaken / For life is falling through chaotic space of love."

(Marcel Menne)

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Highlights

  • My baby boy
  • Freedom fighters
  • Giant heart
  • Exit inside

Tracklist

  1. Maya's valse
  2. My baby boy
  3. Freedom fighters
  4. Angel gets high
  5. People of the heaven
  6. Giant heart
  7. The call
  8. Rebel angel
  9. Captain zero
  10. Secret room
  11. Motherlover
  12. Exit inside
  13. Dreamer

Gesamtspielzeit: 44:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Schokobaer
2017-06-09 09:12:17 Uhr
großartige Platte, es Flammen sogar leichte Erinnerungen zum jungen Dylan auf :)

Armin

Postings: 12184

Registriert seit 08.01.2012

2016-01-20 22:08:09 Uhr
Frisch rezensiert!

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