Terrorgruppe - Tiergarten

Terrorgruppe- Tiergarten

Destiny / Broken Silence
VÖ: 15.01.2016

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Alles nur Theater

1993: Drei Punker treffen sich in einem Pfandleihhaus, um ihre Instrumente zu etwas Barem einzulösen. Sie entscheiden sich dagegen, machten einen Spaziergang zum russischen Ehrenmal im Treptower Park, gründen erst eine Band, dann eine Musikrichtung, die sie Aggropop nannten Die Linie steht. Ohne Verstand, aber mit Witz und Punk-Provokation sind Terrorgruppe, stilistisch damals so etwas wie das deutsche Pendant zum kalifornischen Melodypunk, schnell szeneweit bekannt. Auch in Übersee. 2005 kam das vorläufige Ende. Plötzlich ist es 2016, und Archi "MC" Motherfucker, Johnny Bottrop und Zip Schlitzer bringen gut zwölf Jahre nach ihrer letzten Platte "Fundamental" zur Reunion den "Tiergarten" mit. Der Anspruch: "Immer besser, immer besser, ich esse jetzt schon mit Gabel und Messer" (Aus: "Immer besser").

Diskurspop war sicher noch nie eine Stärke der Terrorgruppe. Sie mag es kindlich und stumpf, immer wieder auch Zitiertes und auswendig gelerntes, nutzt ein ähnliches Gesangsbuch wie seit über zwei Jahrzehnten. Der Feind ist fest im Blick: Nazis, NSU, der Alltag, der Mittelschichtsmittelmensch und neuerdings wohl auch Flachbildfernseher. Der Unterschied zu früher ist jedoch: Damals trafen sie thematisch und lyrisch häufiger ins Braune.

Heute schießt die Terrorgruppe wieder, nur knallt es dumpfer, wie "Schlechtmensch" beweist: "Du nennst mich Gutmensch und das sogar zurecht / Ja, wie ich dir gleich supergut die Nase brech’ (...) Ich Gutmensch / Du Schlechtmensch / Ich bin zu gut für Dich / Und dabei siehst du auch noch Scheiße aus / Geh doch besser zurück in dein Reihenhaus / Und verklag doch Deine Eltern, Du Amöbenhirn / Ja, verklag doch Deine Eltern, du Flachbildschirm / Flachbildschirm, geh mal reflektieren, mal was kapieren." Dazu zwei Akkorde, Clapping, manchmal eine Orgel. So was. In einer Tour. Es ist auch die Attitüde, die es schwer macht, das sympathisch zu finden.

In "Wie es der Staat mag" wird mit dem System "abgerechnet", das Menschen zu Nagern macht, die in der Rolle laufen, zu Lebensautomaten, deren Tage gleichförmig sind: "Kaffeemaschine, bring uns durch den Tag, wie es der Staat mag". Auch da waren sie mal schärfer. Die Akkorde immer gleichförmig, dennoch weit weg von Punkrock und leblos. Das alles in Zeiten von Köln und Connewitz, rechtem Feminismus und Bürgerwehren. Als wäre die Scheibe noch nicht belanglos genug, da ist ja noch die Idee für die größeren Konzerte 2015 gewesen, die prima zu dieser Musikautomatenplatte passt. "Wir wollen eine echte und absolut werkgetreue Wiedergabe der "Blechdose" von 2002, meint Gitarrist Johnny Bottrop: nicht nur die Songs selber (..), sondern auch die Ansagen und Zitate so originalgetreu wie möglich, deswegen sind die Proben in den letzten Wochen dann eher zu so was wie Theaterproben ausgeartet." Gegenwart, Vergangenheit? Mehr, immer mehr vom Gleichen? Und alles nur Theater? Eigentlich dürfte die Band sich selber nicht mehr leiden können.

(Philipp Sommer)

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Highlights

  • Schmetterling

Tracklist

  1. Blutbürger
  2. Schlechtmensch
  3. Wie es der Staat mag
  4. Der Maximilian
  5. Tiergarten
  6. Dauerabo
  7. Leider keine Zeit
  8. Winnetou
  9. Mitfahrzentrale ins Glück
  10. Küsse töten
  11. Immer besser
  12. Schmetterling
  13. Blaupause einer Urlaubspostkarte
  14. Dumm aber lieb

Gesamtspielzeit: 42:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Killer
2016-01-31 14:37:07 Uhr
Also ganz genau gesehen hat "Schlechtmensch" sogar Six - Chords!
CharlysInCharge
2016-01-30 19:17:52 Uhr
Ich weiß jetzt nicht so genau, was der Kritiker von Musik versteht, aber anscheinend kennt er nicht den Unterschied zwischen einem Four-Chord und einem Two-Chord Song. Danach war die Kritik für mich schon gegessen.

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2016-01-20 16:20:06 Uhr
es macht mir nur Angst dass pt in Zukunft öfter so hanebüchenen Verrisse produziert um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
kyran
2016-01-20 00:01:14 Uhr
@Lepragnom

Wegen dem anti-Yankees song wärs wahrscheinlich gewesen. Die USA zu kritisieren fällt ja für so manche antideutsche Ideologen (wobei ich zugeben muss, dass mir diese in Sachen Linker Szene meist immer noch am liebsten sind) ja oft in die selbe Liga wie Palituch tragen.
Lepragnom
2016-01-19 17:56:54 Uhr
@teargarden

Ich habe bei der Rezension jedenfalls nicht das Gefühl, dass hier eine antideutsche Ideologie durchscheint. Wäre dem so, hätte der Autor den Song "Schlechtmensch" eigentlich feiern müssen. Ich bin aber auch nicht wirklich vertraut mit dem Antideutschtum, ich habe deren Lehre nie wirklich verstanden.

@Gearhead 85

American Idiot. Definitiv. Das war eine Überraschung:)
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