Kettcar - Du und wieviel von Deinen Freunden

Kettcar- Du und wieviel von Deinen Freunden

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 28.10.2002

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Left and leaving

Jahrzehntelang hätte die Jugend Zeit gehabt, der Sehnsucht Platz zu machen. Und nun wird man beide nicht los. Der Blick zurück geht ins Leere. Man sieht "all die Rahmen ohne Bilder und die Ränder von Objekten / Hier hat mal was gestanden ohne Namen und Geschichte." Völlig gleichgültig, ob die Spuren nun eine Frau im Kopf hinterlassen hat oder ein Fernseher in der Staubschicht. Machen wir uns nichts vor: "Was übrig bleibt dreht sich um Suchen, Denken, Finden und Vermissen."

Ein armseliges Spiel. "Der Teil, den ich versteh, ist: Home is where your heart is." Doch wo ist eigentlich zuhause? Wo ist das Herz? Wo ist hier? Mit ihrem Debütalbum als Kettcar wagen die (Ex-)Mitglieder von ...But Alive, Rantanplan und Sometree den Blick zurück. "Past and present future." Mehr gemeinsamer Nenner als Kettcar geht nicht, mehr Hymne "Im Taxi weinen" ebensowenig: "In Empfindsamkeit vereint / Ein befindlichkeitsfixierter Aufstand." Die Worte steigen in den Kopf wie billiger Wein, die Hand wandert wie ferngesteuert aufs Herz. "Der Tag, an dem wir uns 'We're gonna live forever' auf die Oberschenkel tätowierten / War der Tag, an dem wir wußten / Die Dinge, die wir sehen und die Dinge, die wir wollen, sind zwei paar Schuhe." Wie wahr.

"Wollt ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?", fragt Frontdichter Marcus Wiebusch in "Landungsbrücken raus", rührt zu Tränen und in offenen Wunden. Wäre das "Emo"-Etikett nicht längst vergeben - man müßte es eigens für Kettcar erfinden. Egal, ob sie den verbitterten Mann vom "Balkon gegenüber" bedauern oder "Jenseits der Bikinilinie" sich selbst: Man ist mittendrin statt nur dabei. Kettcar könnten ein ganzes Poesiealbum füllen. Wenn sie einen zum Lachen bringen, dann aufrichtig. Und wenn sie einen zum Weinen bringen, muß sich keiner dafür schämen. Der nächste Song reicht das Taschentuch, gibt einen Klaps auf den Rücken und ermuntert zum Weitermachen. Balsam für die Seele.

Schwer zu erklären, aber vielleicht sind die Hamburger einfach als Kinder in einen ganz großen Trog mit Weisheit gefallen und haben diese bis auf den letzten Tropfen in sich aufgesogen. Wer weiß das schon. "Ausgetrunken" jedenfalls meint etwas ganz anderes: "Die Haustür hinter Dir und vor Dir der Nachdurst" - das Glas ist leer und das Leben trotzdem nur halbvoll. Das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Das Bewußtsein, hier glücklich zu sein und woanders noch glücklicher sein zu können. Die Ahnung, daß da irgendwo mehr sein muß - nur wo? Wir kennen das alle. Und Kettcar sprechen es aus.

Genau deswegen ist Kettcar-Lauschen ein so ungewohntes Erlebnis. Zwischen "ich" und "wir", zwischen Kommen und Gehen, zwischen Denken und Handeln, zwischen offenem Mund und geschlossenen Augen erfüllen sie den Raum mit Verbundenheit, obwohl keiner da ist. Und am liebsten möchte man die Boxen umarmen. Will Kettcar sagen: Ja, Ihr seid wie ich! Ja, das kenn ich auch! Ja! Und als Antwort hören: "Tragt es in die Welt, haut es mit Edding an die Wände / So lange die dicke Frau noch singt ist die Oper nicht zu Ende / Verteidige die Seele, das lustige Gebilde." Machen wir. Gemeinsam. Danke, Kettcar, daß Ihr für uns da seid.

(Armin Linder)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Ausgetrunken
  • Landungsbrücken raus
  • Im Taxi weinen

Tracklist

  1. Volle Distanz
  2. Ausgetrunken
  3. Money left to burn
  4. Wäre er echt
  5. Landungsbrücken raus
  6. Balkon gegenüber
  7. Jenseits der Bikinilinie
  8. Lattenmessen
  9. Im Taxi weinen
  10. Hiersein
  11. Ich danke der Academy

Gesamtspielzeit: 42:02 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Aber_
2019-01-14 14:47:07 Uhr
Sehe ich auch so. Ist nicht wirklich schlecht gealtert. Inwiefern auch? Musik ist ziemlich zeitlose und auch die Themen der Texte sind jetzt nicht plötzlich unwichtig geworden. Keine Ahnung, wie hier solche Einschätzungen entstehen können.

eric

Postings: 1945

Registriert seit 14.06.2013

2019-01-14 14:41:36 Uhr
"Money left to burn" ist und bleibt der heimliche Hit der Platte. Wie auch "Balkon gegenüber" live kaum wegzudenken.

Außer "Landungsbrücken" hat das Album sich kaum nenneswert abgenutzt, wenngleich ich es längst nicht mehr so häufig höre wie früher. :)
Aber_
2019-01-14 14:04:28 Uhr
Haben die das Wort nicht sowieso für das Album erfunden? Insofern: Umso besser, wenn ihnen genau das nun vorgeworfen wird :).
Och nö
2019-01-14 11:34:54 Uhr
Och nö. Wo kommt denn jetzt das ganze "befindlichkeitsfixiert"- und Unheilig-Geplärre denn wieder her? Schulausfall in Trollhausen?

Gordon Fraser

Postings: 1136

Registriert seit 14.06.2013

2019-01-13 14:53:50 Uhr
dafür finde ich allein schon "Ausgetrunken" viel zu schwach.

Lustig, dass du das sagst. Ist für mich einer der wenigen Tracks hier die ich noch heute gern höre. Ansonsten eigentlich nur noch "Academy". Der befindlichkeitsfixierte Rest hat sich doch ziemlich überlebt.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum