Die Toten Hosen & das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule - Entartete Musik

Die Toten Hosen & das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule- Entartete Musik

JKP / Warner
VÖ: 30.10.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kultur, willkommen

Was ist Rebellion? Wie drückt sich Rebellion in der Musik aus? Reicht es, lauthals seinen Frust über all die Ungerechtigkeiten dieser Welt herauszubrüllen? Oder bedeutet Rebellion nicht doch eher, gegen die verhassten Autoritäten aufzubegehren? Nun, während es heutzutage unzählige Möglichkeiten gibt, seiner Rebellion Ausdruck zu verleihen, und sei es nur ein Rebelliönchen, bedeutete Unangepasstheit vor nicht allzu langer, aber gottlob hinreichend weit entfernter Zeit, ein Spiel mit dem Tod. Denn wen in Nazi-Deutschland das künstlerische Fallbeil mit dem Titel "entartet" traf, der konnte froh sein, wenn es "nur" um Auftrittsverbote ging statt um Deportation. Trauriger Höhepunkt: 1938 trugen die braunen Schergen in Düsseldorf die Ausstellung "Entartete Musik" zusammen – eine Ausstellung, die erwartungsgemäß das Ziel hatte, so genannte "undeutsche" Künstler zu diskreditieren.

Zeitsprung um 75 Jahre. Im Oktober 2013 führen am Ort des unsäglichen Geschehens, der Düsseldorfer Tonhalle, das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und die Toten Hosen unter dem Namen "Willkommen in Deutschland" drei Konzerte in Gedenken an die verfemten und verfolgten Musiker und Komponisten auf. Was derart aufsehenerregend gelingt, dass Professor Thomas Leander, Prorektor der Hochschule, und die Band selbst mit der Josef-Neuberger-Medaille der jüdischen Gemeinde Düsseldorf ausgezeichnet werden. In der Tat ist es richtig und wichtig, dass Auszüge aus der Kinderoper "Brundibár", die Kindern im KZ Theresienstadt wenigstens einen Hauch von Ablenkung vom alltäglichen Grauen geben konnte, die Vertonung des Kästner-Gedichts "Stimmen aus dem Massengrab", aber auch Perlen des Klezmer wie "Sholem-alekhem, rov Feidman!" zur Aufführung kommen. Vom nach wie vor erschütternd aktuellen "Willkommen in Deutschland" der Toten Hosen selbst einmal ganz abzusehen.

Mit harschem Punkrock, Bierduschen und zünftigem Pogo hat das, was Orchester und Band hier auf die Beine stellen, mithin nicht im Entferntesten zu tun. Stattdessen dominieren zunächst schwer verdauliche Klänge wie "The sea hawk suite", einem 16 Minuten langen Auszug aus dem Score von Erich Wolfgang Korngold für den Errol-Flynn-Schinken "Der Herr der sieben Meere" aus dem Jahr 1940. Und das direkt folgende "Die Moorsoldaten" lässt durch Campinos eindringlichen Gesang das Blut in den Adern gefrieren. Über seinen immer irgendwie windschiefen, aber dabei angesichts der Textvorlage herrlich sinistren Ausdruck bei der unverwüstlichen "Moritat von Mackie Messer" oder der "Zuhälter-Ballade" aus der Dreigroschenoper darf hingegen trefflich diskutiert werden.

Es spricht für den nicht immer unumstrittenen Frontmann, dass er dabei auch über seine Grenzen hinausgeht. Denn das Schmissige, das die stichelnde Bosheit in Fritz Grünbaums Couplet "Einen großen Nazi hat sie!" geht dem in diesem Fall bestenfalls bemühten Campino einmal komplett ab. Doch in Summe – und das ist vielleicht das überraschendste an diesem Mitschnitt – ist die Atmosphäre von großen gegenseitigem Respekt geprägt, lassen sich Band und Orchester jederzeit hinreichend Luft zum Atmen. So gerät die leise, aber nicht minder kämpferische Partisanenhymne "Sog nit kejnmal" zu einem ergreifenden Moment, während "Willkommen in Deutschland" seine verzweifelte Wut durch die zurückgenommene Instrumentierung noch eindrucksvoller herausspeit.

"Ist das noch Punkrock?", fragten wir uns 2013 angesichts der eher mittelmäßigen Performance der Toten Hosen auf "Der Krach der Republik". Punks, die schon längst Bestandteil des Establishments sind, das sie eigentlich bekämpfen wollten, treten mit einem Orchester auf? Betrachtet man die Frage nur aus dieser Sicht, muss die Frage natürlich verneint werden. Aber: Angesichts von sich euphemistisch "besorgte Bürger" nennenden Stammtischfaschisten, einer immer tiefer in die Mittelschicht wuchernden Fremdenfeindlichkeit und natürlich auf Basis der Geschichte vieler dieser Songs ist "Willkommen in Deutschland" reinster Punk. In der Tat Rebellion, Rebellion gegen den Dumpfsinn. Und musikalisch dermaßen über jeden Zweifel erhaben wie lange nichts von den Toten Hosen, zumal ihnen der Brückenschlag in die Neuzeit mit "Europa" und "Das Mädchen aus Rottweil" eindrucksvoll gelingt. Respekt für eine Platte, die nie so wichtig war wie heute.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Die Moorsoldaten
  • Stimmen aus dem Massengrab
  • Sog nit kejnmal
  • Sholem-alekhem, rov Feidman!
  • Willkommen in Deutschland

Tracklist

  • CD 1
    1. The sea hawk - suite
    2. Die Moorsoldaten
    3. Einen großen Nazi hat sie
    4. Kanonensong (aus: Die Dreigroschenoper)
    5. Zuhälter-Ballade (aus: Die Dreigroschenoper)
    6. Die Moritat von Mackie Messer (aus: Die Dreigroschenoper)
    7. Seht ihr den Flieger dort (aus: Brundibár)
    8. Ihr müsst auf Freundschaft bau'n (aus: Brundibár)
    9. Stimmen aus dem Massengrab
    10. Deutsches Miserere (aus "Schweyk im Zweiten Weltkrieg")
    11. Wiegala
    12. A survivor from Warsaw op. 46
  • CD 2
    1. Kol Nidrey op. 47
    2. Komm, Zigany
    3. Sog nit kejnmal
    4. Ich muss heute singen (Les fenêtres chantent)
    5. Sholem-alekhem, rov Feidman!
    6. Remembrances
    7. Im Nebel
    8. Willkommen in Deutschland
    9. Alabama Song (aus: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny)
    10. Sascha... ein aufrechter Deutscher
    11. Drei Kreuze (dass wir hier sind)
    12. Ballast der Republik
    13. Europa
    14. Das Mädchen aus Rottweil
    15. Drei Kreuze (dass wir hier sind) - Reprise

Gesamtspielzeit: 131:45 min.

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User Beitrag
georg.weerrt
2016-01-13 15:51:25 Uhr
hähähä ihr bösen pt jakobiner - den besten <<<ttreee. gehorsam gelöscht!
ihe seit das spiegelbild deutscher laffen.
Omi (vermisst Thomas Gottschalk und Wetten, dass ...?)
2016-01-13 10:14:48 Uhr
Die kenne ich doch. Brave Buben.
crispin1
2016-01-13 09:25:46 Uhr
@ Würg:
Nö. Soweit ich weiß sind die Hosen von der Schumann Hochschule angesprochen worden, ob sie Lust auf das Projekt hätten und nicht umgekehrt. Dass die 3 Konzerte bereits 2013 stattfanden und erst jetzt wegen der großen Nachfrage veröffentlicht werden und sämtliche Erlöse an Musikprojekte der Hochschule gehen spricht ebenfalls eher für die Hosen.

Habe CD 1 heute morgen erstmals komplett gehört und bin ehrlich gesagt begeistert. Ich hatte vorher auch meine Bedenken, aber die Hosen und insbesondere Campino nehmen sich angenehm und dem Anlass entsprechend zurück. Die Auswahl der Lieder ist toll und was ich bis jetzt hören konnte wurde sehr würdevoll umgesetzt.

Außerdem gefallen mir die kurzen Zwischeninformationen zu den jeweiligen Liedern. Umso trauriger ist es zu erfahren, wie es den Komponisten und Interpreten in den 30er Jahren ergangen ist.

Man muss die Hosen nicht mögen, aber dieses Projekt ist definitiv gelungen.
Würg
2015-12-14 05:31:16 Uhr
Naja Hauptsache die millionenschweren Punk-Opis haben mal wieder "mehrheitsfähige PR in eigener Sache" (Lichtgestalt), d.h. in staatstragender Sache gemacht und dafür jede Menge Medaillen und Applaus bekommen. Der Erfolg wird ihnen "Recht" geben.
Guter Witz
2015-12-14 04:55:43 Uhr
"Angesichts von sich euphemistisch "besorgte Bürger" nennenden Stammtischfaschisten, einer immer tiefer in die Mittelschicht wuchernden Fremdenfeindlichkeit und natürlich die Basis der Geschichte vieler dieser Songs ist "Willkommen in Deutschland" reinster Punk"

In Wirklichkeit ist das natürlich reinster, linker Massenmedien-Mainstream, der mal wieder Türen einrennt, wie sie offener nicht sein können. Aber stimmt schon, Punk ist ja im Grunde auch nix anderes :)
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