The Chap - The show must go

The Chap- The show must go

Lo / Indigo
VÖ: 27.11.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Knirscht im Gebälk

"Well done Europe" – angesichts von Flüchtlingssituation und Währungskrise ein naheliegender Ausspruch. Nicht. Irgendwie scheinen The Chap all diesen Unrat bereits vorausgeahnt zu haben, als sie 2010 ein Album mit diesem Titel veröffentlichten. Schließlich ist das in London und Berlin ansässige Quintett um Frontmann Johannes von Weizsäcker mit zwei Deutschen, einem Griechen, einem Briten und einer Halbfranzösin ein ausgewiesenes Europa-Phänomen, das bereits seit 15 Jahren verdrehten Indie-Pop mit Schieflage und Aktien in Lo-Fi, Elektronik und Krautrock spielt. Zuletzt half zudem die halbe Band als Damenchor bei von Weizsäckers Projekt namens Erfolg aus – und trug so maßgeblich zu einem phänomenalen Debüt bei. Wenn man so will, ist "The show must go" also schon das eineinhalbte Album von The Chap im Jahr 2015.

Und außerdem eines, das sich als "political rock record" versteht. Weswegen von Weizsäcker und Kollegen die Texte – eigenen Angaben zufolge "for your pleasure" – online zur Verfügung stellen. Und ausgerechnet die Vokale weglassen, sodass man sich Sätze wie "Nw rc hs knck fr rzr-shrp nlyss" oder "Gt mtng wth cncllr sndd vry prmsng" selbst zusammenbasteln muss. Zu einfach wollen es The Chap dem Hörer dann nämlich auch nicht machen. Auch nicht bei der Single "Jammer", einer angestochenen kleinen Post-Punk-Grobheit, die es wie viele Stücke hier nur knapp über die Zwei-Minuten-Marke schafft. Lyrics im eigentlichen Sinne kommen bei der Vocal-Spur aus rhythmischem Gequengel ohne erkennbare Wörter erst gar nicht in die Tüte – Donald Duck gefällt das, Onkel Dagobert läuft kreisrunde Krater in seinen Geldspeicher. Schluck! Seufz! Knirsch!

Und auch sonst knirscht es gehörig im Gebälk – nicht nur bei den vier Miniaturen, in denen The Chap kurz, aber schmerzvoll ihre Instrumente übers Knie legen. In den 13 Songs drängeln sich auf engem Raum kompakte Twang-Groover, störrisch blockierender Noise-Rock und Pop-Hits im ramponierten Twee-Kleidchen – aufgetragen von Keyboarderin Berit Immig, die im Refrain der lebensmüden Hüpfburg "He'd rather die, he's getting ready" übermütig "Hello death!" jubiliert, ehe Beethovens "Ode an die Freude" in das comicartig zerplatzende Getöse einfällt. Im ähnlich hyperaktiv wuselnden "Student experience" begehren Heerscharen von Uni-Absolventen Einlass auf dem freien Arbeitsmarkt, bevor sie schließlich als "Partly people" am Fließband enden. Finstere Aussichten, bei denen "Joy in depression" ungefähr das gleiche heißt wie "Scheiße wärmt auch".

Folglich ruft die streitbare Euro-Gruppe die Generation Y im aufgeregt pluckernden "Hey youth" mit rabiaten Stromgitarren zur Revolte auf und klopft dem griechischen Volk bei "Post doom doom" aufmunternd auf die Schulter – zu einer Karikatur der frühen Gang Of Four, die krachend auf den Stakkato-Chor aus Talking Heads' "I zimbra" prallt. Doch natürlich wissen The Chap genau, dass auch diese Rock-Platte wie unzählige vor ihr nicht das Geringste an den aktuellen politischen Verhältnissen ändern wird – und begegnen dem aus den Fugen geratenen Kontinent darum mit grimmigem Humor und halluzinieren im wunderbar swingenden "Guitar messiah" einen sechsseitigen Heiland herbei, wenn sie nicht gerade hinterrücks Knallfrösche auf Europas Tanzflächen verteilen. Die Lage ist ernst, aber "The show must go" macht Spaß. Ds wrd mn j nch sgn drfn.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • He'd rather die, he's getting ready
  • Student experience
  • Guitar messiah
  • Jammer

Tracklist

  1. What are people for?
  2. Post doom doom
  3. He'd rather die, he's getting ready
  4. That's Rich
  5. Joy in depression
  6. Student experience
  7. Social Bob
  8. Reunited with cash
  9. Guitar messiah
  10. Charitable action
  11. Jammer
  12. Epic tolerance
  13. Society
  14. Your project, my money
  15. Partly people
  16. Hey youth
  17. Franklos Mr. Shanklos

Gesamtspielzeit: 35:59 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Musik muss man auch hören können
2015-12-07 12:10:11 Uhr
Für mein sinnfreies wie inhaltsleeres Posting auf Kindergartenniveau vergebe ich uU einmaligerweise (?)

1/10

MasterOfDisaster69

Postings: 469

Registriert seit 19.05.2014

2015-12-07 11:56:56 Uhr
Teilweise doch recht beliebiger Teenage-Highschool-Schulband Pop/Rock, musikalisch eher uninteressant. Aber intelligent und fast schon intellektuell(?). Nun gut, aber Musik muss man auch hören können, uU auch mehrmals. Gesanglich wirklich teilweise auf Schulband-Niveau oder einfach nur schlecht produziert?
Ausnahme ist noch "Guitar Messiah", gefällt und somit der Highlight der Platte.
"Jammer" gehustetes Post-Punk-Dingens? na ja, alles ganz lustig für das einmalige Durchhören, aber sonst?

5/10

Armin

Postings: 15755

Registriert seit 08.01.2012

2015-11-30 23:27:32 Uhr
Frisch rezensiert!

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