Adele - 25

Adele- 25

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 20.11.2015

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

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Alle haben sie eine Meinung zu Adele Adkins. Zu ihrem bisherigen Schaffen. Zu ihrem Aussehen. Zu ihrer Stimme. Zu ihrem Erfolg. Zu ihrer Persönlichkeit. Zu ihrem dritten Album "25". Zum Video der ersten Single "Hello". Zu allem. Dave Grohl so: "Adeles Erfolg lässt uns hoffen." Und Phil Collins so: "Die hat mich nie zurückgerufen." Und Tobias Jesso Jr. so: "Die Zusammenarbeit mit ihr hat mein Leben verändert." Und Ryan Tedder so: "Adele :)" Und Damon Albarn so: "Die ist ja total unsicher." Und Adele selbst dann so: "Mit dem Damon hätte ich mich mal lieber nicht getroffen." Und die Musikindustrie, die Fans, die Kollegen so: "Bitte mehr davon." Alle wollen sie mehr. Kaum verwundern würde es, wenn das nächste iPhone als Klappvariante herauskommt, nachdem Adele ein solches Relikt aus der grauen Vorzeit der Telefonie in ihrem Video benutzt hat und damit für eine kleine Sensation sorgte. Die Stimme der 27-Jährigen bewegt, ihr Erfolg fasziniert, ihre Musik spricht die Massen genreübergreifend an. Das ist mit "25" nicht anders. Auch ihr drittes Werk bricht bereits sämtliche Rekorde und wird sich millionenfach verkaufen.

Adele weiß das. Anders als ihr Debüt "19" von 2008, das noch fast als Geheimtipp durchging, war der drei Jahre später veröffentlichte Nachfolger "21" dafür bestimmt, aus der eher Unscheinbaren eine Große zu machen und die Welt der Adele Adkins auf den Kopf zu stellen. Und in gewisser Weise auch die ihrer Fans, die sich mit den elf Perlen rund um Existenzängste, Herzschmerz und Hoffnung identifizieren konnten. Adeles Art wirkte in diesem oft merkwürdig anmutenden und mit reichlich Plastik angereicherten Pop-Universum erfrischend, sie war das natürliche Pendant zu Kunstprodukten wie Lady Gaga oder Katy Perry. Ob man ihre Musik nun mochte oder nicht, man gönnte ihr den Erfolg irgendwie. Ob Adele mit ebendiesem gerechnet hat? Man kann es sich angesichts der Ausmaße wohl kaum vorstellen. In den Monaten vor der Ankündigung und letztendlichen Veröffentlichung von "25" muss sie das Beben aber mitbekommen haben. Sie wusste, dass die halbe Welt auf etwas Neues von ihr wartet. Dass es mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser sein musste als der berühmt-berüchtigte Vorgänger, der auf schnöde Platin-Platten mit seinem diamantbesetzten Lächeln herabschaut und für einen Award-Segen im Hause Adkins gesorgt hat. Und da begann das Problem.

Es ehrt Adele, dass sie die halbe Menschheit glücklich machen will. Sie selbst ist längst nicht mehr das verletzliche Mädchen Anfang 20, dem das Herz gebrochen wurde. Die Londonerin ist seit einer Weile in einer festen Beziehung und hat einen dreijährigen Sohn. Ein ganzes Album hat sie darüber geschrieben und wieder verworfen, weil das niemand hören will. Weil das langweilig ist. Weil die Leute Trost erfahren und nicht das Glück anderer bestaunen wollen. Adele versucht, diese Leute zufrieden zu stellen. "25" ist kein Album, das über das frische Beziehungsende hinwegzukommen versucht, sondern eines, das aus einiger Entfernung darauf zurückschaut, nicht ohne Melancholie, nicht ohne Trotz, erst recht nicht ohne Wehmut. So ganz will man ihr das nicht mehr abnehmen. Dabei gibt es durchaus Lichtblicke: Die erste Single "Hello" mitsamt sepiafarbenem Video erfüllt ihren Zweck und führt genau an den Punkt zurück, an dem "21" seinerzeit endete. Klar ist es eine Ballade und freilich ist sie groß und episch instrumentiert. Natürlich steht die Gute im Video einsam in einem Garten, einsam an einem Auto, einsam in einem Haus. "Hello" sollte die Kolleginnen, die in den vergangenen Jahren das Pop-Business beherrscht haben, von der ersten Sekunde an das Fürchten lehren. Es war die große Ankündigung. Was folgt, wird dem leider nicht so ganz gerecht.

Wenn Adele in einer für sie vollkommen untypischen und beinahe sterilen Popnummer wie "Send my love (to your new lover)" nicht über den eben erwähnten Kolleginnen steht, sondern sich auf deren Stufe hinunter begibt, kann etwas nicht stimmen. Es wirkt unehrlich, als habe sie mit Hit-Produzent Max Martin den halbherzigen Versuch einer neuen Identität gestartet, aber nicht ganz durchziehen wollen. Ähnlich verhält es sich mit dem Midtempo-Stück "Water under the bridge", das so lieblos dahinplätschert und dessen Refrain derart viel redet und doch so wenig wirklich sagt, dass es gleich schmerzt: "If you're gonna let me down, let me down gently / Don't pretend that you don't want me / Our love ain't water under the bridge." In beiden Songs verwundert es umso mehr, dass Adele von ihrem wichtigsten Instrument kaum Gebrauch macht: Ihre Stimme mag trotz allem Wohlklang nicht so technisch einwandfrei wie die einer Mariah Carey sein, die die Tonleiter mühelos hoch- und runterträllern kann – deren Gesang aber auch nur halb so warm klingt und nicht mal ansatzweise so berührend ist. Das nutzt Adele auf "25" zu selten, und wenn, dann zu berechnend. Die zweite Single "When we were young" setzt wie schon "Hello" auf die große Geste und lässt auf ruhige, intime Parts die lauten folgen, als ob sie noch irgendjemandem beweisen müsste, dass sie das Volumen dafür hat.

Genau das ist das Problem mit "25": Es will zu viel beweisen. Oder noch simpler: Es will zu viel. Der rote Faden, der "19" und besonders "21" ausgemacht hat, geht Adele hier zu häufig flöten. Stücke wie das minimalistisch-elegante "Remedy" zeigen auch mit wenigen Mitteln, was das einstige Mädchen mit dem gebrochenen Herzen wirklich auf dem Kasten hat. Die kitschige Ballade "All I ask" kurz vor Schluss ist hochdramatisch, beschränkt sich mit Piano und Gesang aber auf genau jene beiden Faktoren, die schon "Someone like you" so großartig gemacht haben, bevor es von der großen Radio-Maschine totgenudelt wurde. Das von Danger Mouse produzierte und nachhallend aufstampende "River Lea" scheint der Versuch eines zweiten "Rolling in the deep" zu sein, was nicht ganz funktioniert, aber gut platziert die zweite Hälfte des Albums einläutet und immerhin für einen kleinen Aufschwung sorgt. Ein Lächeln ins Gesicht zaubert hingegen der Akustik-Folk von "Million years ago" mitsamt seines selbstreferenziellen Textes, in dem man sich endlich wieder mit Adele identifzieren kann – mit der gestandenen und erwachsenen Frau, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, mittlerweile selbst Mama eines Kleinkindes: "I miss the air, I miss my friends / I miss my mother, I miss it when / Life was a party to be thrown / But that was a million years ago." Man will sie wieder willkommen heißen, ihr sagen, dass sie gefehlt hat. Dass sie sich doch bitte nicht verbiegen lassen soll. Dass das schon gut so war, wie sie das gemacht hat. Aber Adeles Klapptelefon in diesen Tagen ist vor allem eines: dauerbesetzt. Denn alle haben sie eine Meinung zu ihr.

Und Ihr so?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Hello
  • When we were young
  • Remedy
  • Million years ago

Tracklist

  1. Hello
  2. Send my love (to your new lover)
  3. I miss you
  4. When we were young
  5. Remedy
  6. Water under the bridge
  7. River Lea
  8. Love in the dark
  9. Million years ago
  10. All I ask
  11. Sweetest devotion

Gesamtspielzeit: 48:40 min.

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User Beitrag

Dan

Postings: 224

Registriert seit 12.09.2013

2016-05-31 12:29:31 Uhr

Verlässt sie es denn wirklich? Gerücht, hm?

Achim

Postings: 6167

Registriert seit 13.06.2013

2016-05-25 15:47:13 Uhr
Schade, dass sie XL verlässt. Dieses Paar war für mich eines der letzten modernen Musikmärchen.

Achim.
knallharter Sony-Manager
2016-05-24 13:34:26 Uhr
Ab jetzt aber täglich Slim-Fast und rauf auf den Hometrainer.

Dick und gemütlich mag vllt. Indie sein, aber beim Major weht ab jetzt ein anderer Wind!

#Arbeitmachtschlank
Adele
2016-05-24 13:29:32 Uhr
*kreisch*

*heul*

hos
2016-05-24 09:47:46 Uhr
Sony muß aktuell gekifft haben. Wie sonst lässt sich die 120 Mio Offerte für belanglosen, musikalischen Rotz like Adele erklären?

Andererseits, beim Anblick dieser Zahl, kann es um die Musikindustrie doch nicht so schlimm bestellt sein, wie sie seit Beginn des Filesharings immer beklagen...
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